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Musiktheater
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Punch and Judy
Eine tragische Komödie oder eine komische Tragödie in einem Akt
Text von Stephen Pruslin
Deutsch von Iris Brendel
Musik von Harrison Birtwistle

Aufführungsdauer: ca. 90 Min. (keine Pause)

Premiere im Forum der Kunst- und Austellungshalle
am 26. April 2003

Rezensierte Aufführung: 27. April 2003


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Theater Bonn
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Bonn Chance greift zu Alt-Bewährtem -
Moderner Klassiker im Uraufführungstheater bekommt der Reihe dennoch gut

Von Ralf Jochen Ehresmann



Nach allerhand Schelte für diverse Jungwerke und Uraufführungen, wie sie die Reihe "Bonn Chance" für experimentelles Musiktheater in letzter Zeit hat einstecken müssen, wendet man sich heuer einem Klassiker des Faches zu, hat Harrison Birtwistles "Punch and Judy" doch längst Kultstatus innerhalb der Szene und des Genre. Die Rechnung scheint aufgegangen zu sein, und was da im Forumsaal der Bundeskunsthalle sichtbar wurde, darf sicher als Volltreffer gelten.

Treffen und zuvor ordentlich zuschlagen mussten die ZuschauerInnen selbst, bevor sie überhaupt das Forum erreichten, waren doch in einer engen unterirdischen Röhre als Sonderzugang zahlreiche Boxsporttrainingssäcke angebracht, bevor einem zu Begrüßung jener etwas bullige securitiy-man die Hand entgegen streckt, der hinterher als Punch mit Hackebeil und Stromkabel auf seine Mitwesen losgeht, ohne dabei recht eigentlich seine unbedarfte Harmlosigkeit einzubüßen und damit ein quasi archetypisches Zerrbild unserer Existenzform als modernen Menschen liefert.

Was in gewöhnlichen Opern das Programmheft ist, bestand hier aus einem nummerierten Gefrierbeutel mit goldlackbesprühtem Zwieback und Beipackzettel, der allerdings nur die Besetzung auflistete und damit versäumte, auf die mit dem Opernbesuch verbundenen 'Risiken und Nebenwirkungen' näher einzugehen.

Die Oper ist kleinteilig organisiert, der Rekurs auf überkommene Satz- und Tanzformen deutlich spürbar. Die Statik der Makrostruktur korrespondiert dabei ideal mit der maschinengleichen Seelenlosigkeit des Dauermörders, der vor lauter Antriebslosigkeit noch nicht einmal sadistischen oder anderweitigen Lustgewinn aus seinem makabren Treiben zu erzielen vermag. Changierend zwischen Horror und Infantilität ist Punch klar einer jener Männer, die sich dem, was sie lieben, nur dadurch nähern können, indem sie es zerstören. Seine infantile Art und rücksichtsloses Besitzen wollen zeigt Lieblosigkeit als Kindheitserfahrung und einen Menschen, der glaubt, alles nur mit Gewalt erreichen zu können. Auch Polly in der Blütenkapsel, seiner herbei fabulierten Traumprinzessin, ergeht es da nicht anders, obschon es ihre Rede war, die dem ziellosen Gemetzel Einhalt zu gebieten verstand. Gleich Erda vermag sie eingangs noch mit ihren Verlautbarungen den Strom der Metzelein zu unterbrechen und Punch zum Innehalten aus Ohrenschmerz zu bewegen, doch letztlich wird auch sie von Punch heimgesucht, und es bleibt Zuschauers Phantasie überlassen, ob sie diese Kettensägen-Visite ausnahmsweise überlebt.

Zentrales Motiv scheint denn auch eher die Produktion von Ekel zu sein, z.B. wenn Punch aus seiner Judy Magen, eben noch per Beil geöffnet, deren herausbröckelnde Speisereste sich aneignet oder wenn Arzt und Anwalt in offener OP die Judy's Bauch entnommenen Fleischbrocken sich wechselseitig in den Mund schieben. Verzerrende Perspektive tut das Ihre, zeigen doch diverse längs vor Reihe 1 installierte Monitore das Bild, wie es vor der Linse einer portablen Kamera entsteht, die wechselnd mal im Auge des Opfers auf dem OP-Tisch, mal im Innern eines durchgerüttelten Kinderwagens installiert ist und wie und wo auch immer das Geschehen stets im Bilde dessen zeigt, an dessen Platze man selber keineswegs sich befinden möchte...

Hinreichend motivierende Ursachen für derlei Verhaltensformen werden leider kaum greifbar. Das liegt sicher maßgeblich an der bedauernswert schlechten Textverständlichkeit trotz Verwendung einer deutschen Übersetzung; der Wert deutscher Übertiteleinblendungen erweist sich hier abermals recht anschaulich.

Musikalisch liefert das Ensemble in Schottenröcken eher konservativ geprägtes Material, spürbar und weitgehend in normierten Taktformen gegliedert. Zwischen all den Tänzen, Ensembles, Arien und Chorälen fühlt man sich spürbar an Viktor Ullmanns "Der Kaiser von Atlantis" erinnert, was um so weniger verwundert, je mehr man sich vergegenwärtigt, dass die Entstehungszeiten dieser Werke mit nur 23 Jahren Abstand viel näher beieinander liegen als die spätere zu unserer Gegenwart.

Die Besetzung, wie sie dem "Beipackzettel" genannten Stück Papier zu entnehmen ist, das in einer signierten und nummerierten Plastikkleintüte mit einem goldlackierten Stück Zwieback als Programmheft des Abends verkauft wird und leider dem verständnislosen Zuschauer auch hier keine ‚Handlungszusammenfassung noch irgend einen anderen aufschlussgebenden Artikel bietet, ist bestens gewählt und deckt sich großenteils mit dem Ensemble der gleichzeitig im großen Haus laufenden Ariadne auf Naxos Sämtliche Mitwirkenden erweisen sich gleichermaßen als intonationssicher und schauspielstark. Besondere Hervorhebung verdienen sicherlich Daniela Strothmann und Julia Kamenik in den beiden weiblichen Partien der Judy und der Polly sowie Mark Morouse als Punch. Reuben Willcox führt als Choregos streckenweise durch die Handlung und übernimmt damit allegorisch die Rolle des Märchenonkels, deren Gruseligkeit sein glasiger Blick wirkungsvoll unterstreicht. Mit seiner Inszenierung nutzt David Hermann die Möglichkeiten des Forum ideal zu einer stimmigen Gesamtlösung, und die kritische Anfrage muss daher eher lauten, ob es der Sinn einer Reihe wie dieser ist, Werke wie dieses herauszubringen, deren Rang unstreitig feststeht - oder ob es die Bedeutung der Bonn Chance ist, denjenigen eine gute Chance zu verschaffen, die den Weg dahin erst noch vor sich haben. In jedem Falle ist der Raum gut gewählt und seine Atmosphäre und technische Beschaffenheit in gewöhnlichen Opernhäusern kaum so günstig wieder anzutreffen. Der Reihe als solcher ist nur zu wünschen, dass sie in den Auseinandersetzungen um weitere Einsparungen im Kulturbereich siegreich besteht und diese einzigartige Institution langfristig erhalten bleibt!


FAZIT

Sehens- und hörenswerte Produktion mit idealer Besetzung in perfektem Ambiente. Schnell beeilen, um noch hinzukommen!


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Nassir Heidarian

Inszenierung
David Hermann

Bühne und Kostüme
Christof Hetzer

Licht
Jürgen Zoch

Dramaturgie
Jens Neundorf/Ulrike Schumann



Orchester der
Beethovenhalle Bonn


Solisten

Judy
Daniela Strothmann

Polly
Julia Kamenik

Punch
Mark Morouse

Choregos
Reuben Willcox

Arzt
Andrej Talegin

Rechtsanwalt
Mark Rosenthal



Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Bonn
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Da capo al Fine

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