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Cabaret
Musical nach dem Stück "I Am A Camera"
von John van Druten und Erzählungen von Christopher Isherwood
Buch von Joe Masteroff
Gesangstexte von Fred Ebb
Deutsche Übersetzung von Robert Gilbert
Musik von John Kander

Aufführungsdauer: ca. 2 h 50' (eine Pause)

Premiere im Theater Bonn (Opernhaus)
am 17. November 2002


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Theater Bonn
(Homepage)
Bieder-triviale Stadttheaterproduktion

Von Thomas Tillmann / Fotos von Thilo Beu



Zweifellos haben sich die Verantwortlichen des Theaters der Bundesstadt Bonn mit der Idee, eine Neuinszenierung des Musical-Klassikers Cabaret in Auftrag zu geben, für viele Abende ein volles Haus gesichert, was ja völlig legitim ist: Die Zuschauer lieben das Werk, weil sie sich an den berühmten Film mit Liza Minnelli und Fritz Wepper und die zu Hits avancierten Songs erinnern, und die paar, die ihn nicht gesehen haben, kennen Comedy-Größe April Hailer aus dem Fernsehen und kommen ihretwegen ins Opernhaus am Boeselagerhof. Schade nur, dass Pavel Fieber, der als Intendant das Pfalztheater Kaiserslautern und das Staatstheater Karlsruhe leitete und für seine Regiearbeiten ebenso bekannt ist wie als Sänger und Schauspieler, so wenig zu dieser wunderbaren Geschichte eingefallen ist, die von Kander und Ebb mit dem für die Revue-Tradition der Zwanziger Jahre so typischen Wechsel von Dialogszenen und Songs virtuos zwischen Cabaret-Milieu und der Alltagswelt, in deren Mittelpunkt die Pension Fräulein Schneiders steht, erzählt wird und in der die ganz eigenen Stimmungen jener Zeit des aufkommenden Nationalsozialismus eingefangen und ausgedrückt werden.


Vergrößerung "Willkommen": Der Conférencier (Olaf Schmidt) und die Kit Kat "Girls" begrüßen das Publikum.

In der Bonner Neuproduktion indes schleppen sich Handlung und tempoarme Dialoge zäh wie das sprichwörtliche Blei dahin, die Charaktere bleiben blutarm in den bekannten Klischees stecken, die Cabaret-Szenen geraten allzu bemüht verrucht (über den Einfall, unter die Kit Kat Girls ein paar stramme Jungs mit Straps und Perücke zu schmuggeln, können sich inzwischen doch wohl nicht einmal mehr Abonnenten aus dem weiteren Bonner Umland amüsieren), platt und einfältig wie bei schlechtem Schülertheater werden einem aktualisierende politische Botschaften aufgedrängt. Die zum Teil ja wirklich beklemmenden Szenen (etwa wenn zwei Kinder mit dem gemeinen "Der morgige Tag ist mein" eine spontane Demonstration deutschnationaler Gesinnung auslösen) werden völlig verschenkt, und nicht einmal die Szenenwechsel werden professionell bewerkstelligt: Ständig sieht man bei ausgeschaltetem Licht emsige Bühnenarbeiter den Tausch der unpraktischen Kulissen vornehmen und die Darsteller aus dem Bild huschen (bis auf die Statisten an den Cabarettischchen an der Seite, die auch einige intimere Szenen mit großem Interesse verfolgen), und auch sonst könnte man über manchen handwerklichen Fehler berichten. Dagegen ist es eine völlig richtige Entscheidung, das Stück mit Schauspielern zu besetzen, und im Großen und Ganzen machen besonders die Darsteller der kleineren Rollen das ganz hervorragend (während man sich an Steffen Laubes netten Clifford eigentlich bereits auf der Fahrt nach Hause nicht mehr so recht erinnern kann). Eine etwas sorgfältigere musikalische Einstudierung, korrektere Einsätze und ein wenig mehr Intonationssicherheit hätten dennoch nicht geschadet.


Vergrößerung

"Mein lieber Herr": Sally Bowles (April Hailer) stellt sich dem Publikum des Kit Kat Clubs vor.

April Hailer ist eine sympathische Comedian, die man gern zur Entspannung im Fernsehen sieht und die durchaus witzig sein kann - eine Sally Bowles ist sie nicht, auch wenn sie die Rolle bereits vor elf Jahren (am Theater Ulm und ebenfalls in der Regie von Pavel Fieber) gegeben hat und durchaus Erfahrung in Musical- und Operettenproduktionen hat (so war sie etwa als Eurydike in Offenbachs Orpheus in der Unterwelt, als Maria in Linie 1, als Annie Oakley in Annie Get Your Gun und als Rotkäppchen in Sondheims Into The Woods zu sehen). Schon bei ihrer Auftrittsnummer ging mir das krampfhafte Ringen um Originalität und eine möglichst individuelle, bald jazzige, bald rockige, aber leider selten wirklich stimmige, überzeugende Interpretation der bekannten Songs auf die Nerven, wobei besonders "Maybe This Time" und der Titelsong mit ihren merkwürdig-idiosynkratischen Arrangements völlig daneben gingen, zumal auch die Stimme gegen Ende mitunter arg schrill und heiser klang. Ähnlich anstrengend war es, sich an die Hektik und Nervosität zu gewöhnen, die die Künstlerin in den Dialogen an den Tag legte (nein, nein, das ist nicht geheimnisvoll oder mondän oder typisch Zwanziger Jahre, das ist einfach nur eindimensional und flach), in den ernsten Szenen wurde deutlich, dass sie eine viel zu schlechte, mitunter grässlich überspielende Actrice ist, um wenigstens hier der Figur ein bisschen Kontur und Tiefe zu verleihen, und auch wenn die Fans es uncharmant finden werden: Frau Hailer ist inzwischen auch ein paar Jährchen zu alt für diese Rolle.


Vergrößerung "Life is a Cabaret": Sally Bowles (April Hailer) präsentiert den Titelsong des Musicals.

Hätte der Rest gestimmt, hätte man sicher über den Umstand hinweggesehen, dass die Protagonistin kaum ein paar Schritte tanzen kann, so dass die choreografische Hauptaufgabe darin bestanden haben muss, in ihren Nummern von diesem beklagenswerten Umstand möglichst geschickt abzulenken. Und dass der Kit Kat Club kein Weltklasseetablissement ist, hätte man auch anders illustrieren können als durch die mangelnde Kongruenz der Ballettmitglieder, die zwar offenkundig viel Spaß auf der Bühne hatten, aber nicht so gut waren, dass man ihretwegen durch zum Teil wirklich bizarre Einlagen den ohnehin permanent ins Stocken geratenen Fluss der Handlung hätte weiter aufhalten müssen (als besonders unerträglich und überflüssig empfand ich die Szene, in der der Conférencier seine diversen Gespielinnen aus aller Herren Länder vorstellt, und das endlos ausgewalzte "Money"). Die belanglos-hausbackene Choreografie geht auf das Konto von Olaf Schmidt, der mit seinem Mangel an Ausstrahlung, Timing und der Fähigkeit, Pointen zu setzen, Klaus Budzinskis im Programmheft abgedruckte "Stellenbeschreibung" eines Conférenciers Lügen strafte und auch nicht ansatzweise die Doppelbödigkeit und Gefährlichkeit dieser Figur umzusetzen verstand - der wenig erfolgreiche Versuch, die Stimme Adolf Hitlers zu parodieren, dürfte wohl ein ebenso geistloser, peinlicher Regieeinfall sein wie die Idee, bei der Heiratssequenz Fräulein Schneider und Herrn Schultz vom MC einen Schal mit Hakenkreuz über die Hände legen zu lassen. Immerhin hatte man mit Barbara Teuber (in dezenter Claire-Waldorff-Optik) und Justus Fritzsche zwei zupackende, viel Herzenswärme und Berliner Charme transportierende Schauspieler aufgeboten, die einem das Schicksal des alternden Paares nahe gehen ließen. Der Letztgenannte präsentierte sein eingelegtes jiddisches Lied zwar mit viel Gespür fürs Genre, aber dramaturgisch blieb es genauso überflüssig wie das Auftauchen des Conférenciers mit Totenmaske und Fiedel, der penetrante Einsatz der Klezmer-Klarinette und Sally Bowles' Unterstützung während des "Misnick"-Songs.


Vergrößerung

Das Schlussbild: Herr Schulz (Justus Fritzsche), Sally Bowles (April Hailer), der Conférencier (Olaf Schmidt), Fräulein Schneider (Barbara Teuber) und all die anderen (Ensemble und Statisterie des Theaters der Bundesstadt Bonn) sehen in eine ungewisse Zukunft, die so oder so vom Nationalsozialismus bestimmt sein wird.

Als lähmend erwiesen sich leider auch die ambitionierten Arrangements, die das gar nicht kleine, unter Andreas Kowalewitz' Leitung auf hohem Niveau spielende Orchester, das noch durch eine Band über der kleinen Showbühne verstärkt wurde, zu bewältigen hatte und die sich zwischen schwerfällig-erschlagendem Big-Band-Sound und melodienseligem Operettenton nicht entscheiden konnten (etwa in dem viel zu langen Vorspiel zum zweiten Teil), und man hätte auch bei ein paar Nummern mehr auf die deutsche Übersetzung von Robert Gilbert verzichten können.


FAZIT

Echte Musicalfans sollten diese bieder-triviale, üble Provinzialität atmende Produktion meiden; die artigen Zuschauerreaktionen ließen mich - pardon - einmal mehr an Tucholskys "Liebes Publikum, bist Du wirklich so dumm?" denken.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Andreas Kowalewitz

Inszenierung
Pavel Fieber

Bühne
Christian Floeren

Kostüme
Renate Schmitzer

Choreografie
Olaf Schmidt

Licht
Jürgen Zoch

Dramaturgie
Ulrike Schumann



Statisterie des Theaters
der Bundesstadt Bonn

Orchester der
Beethovenhalle Bonn

Flügel: Georg Leiße


Bühnenmusik:

Christopher Arpin, Klavier
Frank Timpe, Saxophon
Gerhard Lederer, Posaune
Mathias Kornmaier, Schlagzeug


Solisten

* Alternativbesetzung

Sally Bowles
April Hailer/
Vera Bolten *

Fräulein Kost
Petra Kalkutschke/
Sabine Weithöner *

Fräulein Schneider
Barbara Teuber

Conférencier
Randy Diamond */
Steffen Laube */
Olaf Schmidt

Clifford Bradshaw
Joachim Berger */
Steffen Laube

Herr Schultz
Justus Fritzsche

Ernst Ludwig
Martin Bringmann/
Glenn Goltz *

Kit Kat Girls
Laura Fernandez
Patricia Galow
Karin Germann
Britta Hadeler
Anna Hamann
Martin Hirner
Katharina Leisinger
Doris Müller
Aleksander Prelic
Beatrix Reiterer
Daniel Ruiz Orellana
Anja Schörnig

Zwei Kinder
Nasrin Ibrahim
Nicolas Winterhoff



Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Bonn
(Homepage)



Da capo al Fine

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