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Der Tanz des Boxers
Von Stefan Schmöe
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Fotos von Thilo Beu
Im Jahr 1922 wurde ein junger Schwarzer aus dem Senegal mit Namen Louis Phall, genannt Battling Siki, Boxweltmeister im Halbschwergewicht und damit der erste schwarzafrikanische Boxweltmeister überhaupt. Die Presse verlieh ihm den Beinamen Championzee, eine Mischung aus Champion und chimpanzee (Schimpanse). Für viele Weiße galten die Schwarzen als Tiere, als Primitive. Zum Volkshelden wurde Siki dennoch nicht, im Senegal ist er weitgehend vergessen wohl auch, weil er im Alter von 11 Jahren von einer Französin adoptiert und nach Frankreich gebracht wurde. Am 15. Dezember 1925 wurde Siki in New York erschossen.
Für den französischen, im Senegal lebenden Multimedia-Künstler Jean-Michel Bruyére ist Battling Siki eine Symbolfigur für die Geringschätzung und Überheblichkeit der Europäer gegenüber Schwarzafrika, gleichzeitig aber auch für Stärke und Vitalität der Schwarzafrikaner. Der Untertitel des von der Reihe Bonn Chance! in Auftrag gegebenen Werkes Box et opéra ist gleich doppelt irreführend: Zum einen handelt es sich nicht um ein Werk über den Boxsport, zum anderen handelt es sich selbst bei großzügiger Auslegung des Begriffs nicht um eine Oper. Zwar beruft sich Bruyére auf die Ursprünge der Gattung, aber das konstituierende Element der Oper der Gesang spielt eine derart untergeordnete Rolle, das man weit eher von Tanztheater sprechen kann. Tatsächlich ist Battling Siki eine gigantische Videoinstallation mit Computer- und Livemusik. Eine Geschichte wird darin nicht erzählt, schon gar nicht geht es um die Biographie Sikis. Vielmehr dient diese Figur als Klammer für eine theatralische Kunstform, die Elemente der afrikanischen und der europäisch-nordamerikanischen Kunst verbindet.
Im fast völlig abgedunkelten Forum der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik (die permanente Dunkelheit ist Sinnbild für das dunkle Schicksal Sikis) werden auf mehreren Leinwänden Videosequenzen eingeblendet. Im Zentrum des Werkes stehen Aufnahmen eines schwarzen Boxers, kein Dokumentarfilm, sondern teils bis zum rein schemenhaften verfremdete Bilder. Sein Gegenüber vermutlich ein Trainingsgerät ist nicht zu erkennen, man sieht nur muskulöse Arme, Schlagfolgen, oft nur Bewegung. Dazu erklingt eine Computermusik in Lautstärken an der Schmerzgrenze (tatsächlich werden am Eingang Ohrstöpsel verteilt!) mit körperlich erfahrbaren Bässen wie in Diskotheken. Die Musik hat einen extrem hohen Pulsschlag und suggeriert einerseits eine mechanische, übersteuerte euroamerikanische Tanzmusik, andererseits in ihrem Schlagwerkduktus schwarzafrikanische Rhythmusstrukturen. Bild und Ton verbinden sich zu einem gigantischen Tanz von fast rituellem Charakter, ohne dass auch nur entfernt ein folkloristischer Eindruck entstehen würde. Diese Sequenz von vielleicht 20 Minuten Länge das Zeitgefühl ist in dieser recht gleichmäßig verlaufenden Bild-Ton-Struktur weitgehend aufgehoben - gehört zum Aufregendsten überhaupt, was in der Reihe Bonn Chance! zu hören und sehen war.
Diesem wuchtigen, höchst intensiven Block kann Bruyére nichts Gleichwertiges mehr zur Seite stellen. Zwischen den großen Leinwänden wirken vor allem die Personen auf der Bühne verloren. Es gibt eine Sequenz, in der eine afrikanische Frau am Boden liegend tanzt, aber nach den vorhergehenden Eindrücken stimmt der Maßstab nicht mehr die realen Akteure werden von den Akteuren der Videosequenzen schlicht erdrückt. Die Aktionen sind auch zu kurz, um eigenständiges Gewicht zu erhalten. Musikalisch wird der Computermusik ein kleine Streichergruppe entgegengestellt, die jedoch keinen Orchestersatz im traditionell europäischen Sinne spielt, sondern unter Preisgabe harmonischer Strukturen in Glissandi den Tonraum durchschreitet auch hier ist die Nähe zu afrikanischer Musik deutlich.
Recht bemüht wirken die Passagen, in denen Texte eine Rolle spielen. Das betrifft die Einblendung von (kaum lesbaren) Schriftbändern mit Texten von Hegel in der Eingangsszene, aber auch einen Film, in dem eine (weiße) Frau über das Leben der Zecke sinniert: Deren Lebensbestimmung ist es, auf ein Blatt zu klettern und sich von dort auf ein Säugetier zu stürzen, um nach dem Aufsaugen dessen Blutes zu sterben. Bruyére geht es um das Verhältnis von Mensch und Tier, aber die Virtuosität des Boxfilmes ist einem belehrenden Duktus gewichen. Immerhin aber stellt diese Passage einen (notwendigen) Ruhepol dar.
Man wird Battling Siki sicher nicht gerecht, wenn man das stark afrikanisch beeinflusste Werk ausschließlich aus europäischer Sicht beurteilt. Das betrifft insbesondere das formale Ungleichgewicht, dass als solches vielleicht erst unter abendländischem Proportionsdenken wahrgenommen wird. Entsprechend dem senegalesischen Theaterverständnis sind Anfang und Ende offen, d.h. es gibt kein klar erkennbares Ende (offenbar wussten einige Premierenbesucher aber ziemlich genau, wann sie Zeichen zum allgemeinen Aufbruch geben durften). Als Zeichen der Offenheit gegenüber völlig anderen Einflüssen auf das zeitgenössische Musiktheater hat Bonn Chance! mit diesem Abend ein ebenso mutiges wie markantes Zeichen gesetzt.
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ProduktionsteamKonzept und RealisierungJean Michel Bruyère
Komposition
zusätzliche Musik
Musikalische Leitung
Gesang
Mitwirkende
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