Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Zur Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



L'Orfeo
Favola in musica
Musik von Claudio Monteverdi
Libretto von Alessandro Striggio


In italienischer Sprache mit Übertiteln


Aufführungen am 5. und 6. Oktober 2002
im Festspielhaus Baden-Baden



Vom Wunder der Musik

Von Christoph Wurzel / Fotos Andrea Kremper


"Orpheus besiegte die Hölle und wurde besiegt von seinen Leidenschaften." So das Fazit der Handlung in Monteverdis Favola in musica. Aber Apoll, der Deus ex machina und zugleich der göttliche Vater des halb-göttlichen Sängers, erweist sich am Schluss als äußerst pragmatisch. Zuerst räumt er die Bühne auf für den folgenden Schlussgesang. Dann gemahnt er Orpheus daran, dass doch alles Irdische vergänglich ist und eröffnet ihm die Einladung der Himmlischen zu ihnen aufzusteigen. Und tatsächlich werden dem mythischen Sänger olympische Würden zuteil - und er mutiert mittels des gleich mitgebrachten nagelneuen Fracks zum Tenorissimo, zum Musikgott von heute, der mit seinem Taschentuch (Sie wissen schon...) dem begeisterten Publikum zuwinkt. Die Musik vermag die irdischen Leiden zu tilgen und führt zu ewiger Freude und Frieden immerdar. Eine schöne Fabel - wenigstens für einen Opernabend lang, eine Fabel vom Wunder der Musik.

Vergrößerung

Alle freuen sich am Glück von Orpheus und Euridice.

Mit diesem ironischen Schlenker in die Gegenwart endet die erfrischend kluge, tief berührende, einfach wunderschöne Inszenierung des "Orfeo" von Thomas Himmelmann in einer Eigenproduktion des Festspielhauses Baden-Baden. Und außer dieser kleinen aktuellen Anspielung enthält sie sich wohltuend jedes falschen Modernismus, ist dennoch modern in den bühnensprachlichen Mitteln und geht respektvoll und stilsicher zugleich mit der besonderen Form der Vorlage um. Die Fabel wird mit großer Konzentration auf das Wesentliche erzählt. Himmelmann setzt auf eine genaue und expressive Personenführung, die die unterschiedlichen Dimensionen der vorgestellten Affekte herausarbeitet. Geschickt werden die beiden allegorischen Figuren behandelt: La musica tritt im Prolog aus dem noch oratorisch aufgestellten Chor heraus vors Publikum, wie es der Text vorschreibt und La speranza, die Hoffnung, wird, Rücken an Rücken mit dem Helden, auf dessen Weg in den Hades buchstäblich zu seinem Alter Ego. Charon, der unerbittliche Fährmann über den Styx, ist furchteinflößend genug, um den Zuschauer das Ungeheuerliche der Handlung auch selbst erfahren zu lassen. Die Götter der Unterwelt, Proserpina und Pluto, agieren unergründlich geheimnisvoll und doch zum Mitleid mit den Sterblichen fähig im dunklen Schattenreich; sicherlich die theatralisch stärkste Szene in dieser Inszenierung. Der Chor der Hirten, Nymphen und Geister wird choreografisch ungemein vielfältig geführt und reflektiert kollektiv in seinen Bewegungen gleichsam die Gefühle der Protagonisten. Dies alles ist eindrucksvoll und schlüssig zugleich.

Johannes Leiacker, 1996 "Bühnenbildner des Jahres", hat für den Raum eine eindrucksvolle, weil im Prinzip einfache Lösung gefunden. Die Bühne weitet sich im Verlauf der Handlung von einem hell ausgeleuchteten Guckkasten (im Prolog, der im Konzert-Ambiente gegeben wird) durch Heraufziehen der hinteren Zwischenvorhänge zu einem im dunklen Nichts (Unterwelt) sich verlierenden Tunnel, um dann zum Epilog (Schlusschor der Hirten mit Ritornell) wieder zum Ausgangspunkt sich zurückzuentwickeln. Durch die geschickte Beleuchtung von Frank Kuhlmann und Felix Kirchhofer wird die Raumarchitektur wirkungsvoll unterstrichen. Der während der fünf Akte in der Mittelbühne halb versenkte Orchestergraben, lässt auch auf der Vorderbühne noch genug Raum für szenische Aktion, so dass ein insgesamt mehrflächiger Bühnenraum entsteht, der vielfältig genutzt wird. Prolog und Epilog sind im fließenden Übergang von der Handlung der mythologischen Geschichte getrennt, eine sehr sinnfällige Verdeutlichung der dramaturgischen Form von Monteverdis Oper. Die schönen Kostüme von Marie-Thérèse Jossen sind in der Rahmenhandlung dezent modern und orientieren sich in der Fabelhandlung am Frühbarock.

Dass die musikalische Seite ebenso feinsinnig wie schwungvoll gelingt, ist dem kompetent musizierenden Balthasar-Neumann-Ensemble und dem gleichnamigen Chor unter der engagierten Leitung von Thomas Hengelbrock zu verdanken. Die solistisch besetzten Orchestergruppen (insgesamt 22 Musikerinnen und Musiker) reichern mit immer wieder neuen Klangfarben den Melodienvorrat der Partitur an. In Dynamik, Lautstärke und Auswahl der Instrumente geht das Orchester unter Hengelbrocks Leitung feinfühlig auf die Handlung ein und erzeugt so ein lebendiges, ausdrucksvolles Klangbild, so dass die Kühnheiten von Monteverdis Komposition umso deutlicher hervortreten.

Ein junges, hochkarätiges Sängerensemble lässt die Aufführung zu einem Fest schöner Stimmen werden, vermag aber auch die Gefühle zu entflammen, so wie es Musica im Prolog versprochen hatte. Dass hier nicht bloß Typen in einer trockenen Szenenaktion am Werke sind, sondern dass hier Menschen mit ihren Gefühlen durch die Musik sprechen - diese Forderung Monteverdis können alle Sängerinnen und Sänger einlösen.

Vergrößerung Orfeo ( Furio Zanasi)

Furio Zanasi als Orfeo gestaltet den Sonnengesang im 1. Akt ("Rosa del ciel") noch recht verhalten. Das von den Hirten bestellte Lied hat mit seinen eigenen Gefühlen noch nicht viel zu tun. Sein Freudengesang ("Vi ricorda, o broschi ombrosi"), "Wisst ihr noch... welch lange Qual ich litt", ist schon voll Überschwang und Lebenslust, um dann nach der Todesnachricht, "Du bist gestorben, und ich lebe" ("Tu sei morta") in lähmende Trauer zu fallen. Und als er "die mächtige Gottheit" anfleht, ihn in das Reich der Toten eintreten zu lassen, bietet der Sänger all die gestalterische Kraft und so viel Schöngesang auf, dass sogar der unbestechliche Charon davon besänftigt wird. Camilla Nylund (Musica und Euridice) verfügt über einen ausgeprägt schönen lyrischen Sopran, den sie flexibel führt. Gloria Banditelli gestaltet die Botin der Todesnachricht zu einer bewegenden Figur mit schmerzerfülltem, erschütterndem Ausdruck. Laurie Reviol singt die Rolle der Hoffnung mit Kraft, aber auch mit ahnungsvollem Schrecken angesichts der Unterwelt: "Lasst alle Hoffnung fahren, die ihr hier eintretet" ("Laciate ogni speranza voi che entrate"). Marek Rzepka leiht seinen voluminösen Bass sowohl dem Fährmann wie dem Herrn der Unterwelt. Begleitet vom scheppernd-düsteren Orgelpositiv und Regal gelingen ihm bestürzende Klänge. Constanze Backes gibt der Proserpina lebendige Kontur. Allen Solistinnen und Solisten, wie auch dem eminent agilen Chor sprüht die reiche Erfahrung mit Alter Musik und historischer Aufführungspraxis nur so aus der Kehle.


FAZIT
Eine prächtige Aufführung voller Spiel- und Sangesfreude. Ein Fest für Auge und Ohr. Für nur zwei Aufführungen viel zu schade.



Ihre Meinung ?
Schreiben Sie uns einen Leserbrief

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Thomas Hengelbrock

Inszenierung
Philipp Himmelmann

Bühnenbild
Johannes Leiacker

Kostüme
Marie-Thérèse Jossen

Licht
Frank Kuhlmann
Felix Kirchhofer



Balthasar-Neumann-
Ensemble
Balthasar-Neumann-
Chor



Solisten

Orfeo
Furio Zanasi

Euridice / Musica
Camilla Nylund

Messaggera
Gloria Banditelli

La Speranza
Laurie Reviol

Pastori
Kurt Schoch
Hans Jörg Mammel
Jürgen Banholzer

Proserpina
Constanze Backes

Caronte / Pluto
Marek Rzepka

Apollo
Albrecht Pöhl

Ninfa
Undine Holzwarth

Spiriti
Manfred Bitter
Markus Flaig





Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Festspielhaus Baden-Baden
(Homepage)



Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Zur Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum

© 2002 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -