|
Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
|
|
|
Mehr als drei Groschen wertVon Christoph Wurzel
Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm. Zustimmend lacht das Publikum in Baden-Baden, als dieser Satz im Festspielhaus fällt, viele darunter todchic herausgeputzt. Es hat auch allen Grund dazu, denn es lacht wohl aus Erfahrung. Doch vorgesetzt wird ihm eine Moral, die eigentlich genau das Gegenteil meint: Jedenfalls der "Wohlstand" der Herren Macheth und Peachum ist erschwindelt, ergaunert und geklaut. Das wollen wir zwar von dem des Publikums nicht hoffen und auch nicht unterstellen, dennoch bleibt die Dreigroschenoper ein Spiegel, in dem die Gesellschaft als eine bitterböse Hackordnung erscheint, bissig, sarkastisch, bisweilen zotig und bis zur Kenntlichkeit verzerrt - ein Spiegel, der ziemlich in den Augen beißt. Der Räuber ist Bürger und der Bürger ist Räuber - so die Logik dieses Stücks.
Als der junge Brecht, damals Berliner Bohemien und der noch zwei Jahre jüngere Kurt Weill, beide jeweils das Enfant terrible ihrer Sparte, diesen Geniestreich 1928 auf der Bühne des Theaters am Schiffbauerdamm ablieferten, herrschten natürlich andere Verhältnisse als heute. Der soziale Sprengstoff des Stücks war weit gefährlicher als er heute in unserer Wohlstandsgesellschaft sein kann. (Dass es anders aussieht, wenn wir die ganze Welt betrachten, lassen wir hier einmal weg!). Auch die von Weills Musik ausgehenden Provokationen wirken heute eher vergnüglich. Die Dreigroschensongs sind Schlager geworden. Die Provokationen kommen heute aus ganz anderen Ecken. Gegeben wird die konzertante Aufführung als eine Revue der Musiknummern, die von Jürgen Holtz (eine große Besetzung für diese Aufgabe!) episch verbunden werden. Er erzählt und kommentiert mit viel Understatement den Inhalt. Max Raabe eröffnet den Reigen mit der Haifisch-Ballade in einer unnachahmlichen Mischung aus sensationslüsternem Voyeurismus und distanzierter Ironie. Sein Markenzeichen, das selbstverliebt näselnde Falsett, kommt ihm dabei sehr zu pass. Dem Macheath gibt er mit einer gehörigen Portion Zynismus den Anstrich des Gentlemans und bleibt ganz cool dabei. Die Polly der Sona MacDonald kommt in der Maske einer herrlich verschlagenen Naiven herüber. Die Seeräuberballade gestaltet sie eindrücklich zu einer Utopie voll anarchistischer Sehnsucht. Der Kanonensong (Hannes Hellmann als Tiger Brown), Erinnerung an die ach so glorreichen Zeiten des letzten Krieges und zugleich ein schönes Beispiel für die nahtlose Zusammenarbeit von Öffentlichem Dienst und organisierter Kriminalität, reißt einen mit flottem Schmiss über alle Zweifel hinweg. Genügend ordinär, aber ach! wie wahr, bringt Barbara Sukowa die "Ballade von der sexuellen Hörigkeit" unter die Leute. Das ergreifend still-schräge bürgerliche Glück der Zuhälterballade vermittelt sich mit überwältigender Chuzpe. HK Gruber dirigiert das ganze musikalische Geschehen und singt dazu die Rolle des Peachum, die mitunter z.B. in der Ballade von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens fast ein bisschen zu gemütlich klingt. Bei Winnie Böwe ist die so schön feinfühlige Eifersuchtsszene ("Du Dreckhaufen" - "Selber Dreckhaufen!") bestens aufgehoben. Ute Gfrerer ist die einzige richtige Opernsängerin im Ensemble und hebt sich dadurch überhaupt nicht heraus, nicht weil sie so schlecht singt, sondern weil alle anderen so gut singen! Alle erfüllen auf eine phänomenale Weise Brechts Forderung des gestischen Singens, das Haltungen kritisch ausstellen will, statt durch falsche Illusion zu verblenden. Mit der Messlatte des Schöngesangs käme man hier nicht weiter. Dass die Musik von Kurt Weill viel mehr ist als ein Verschnitt von flotten Rhythmen mit ein paar Gassenhauern, beweist die äußerst sorgfältige Interpretation des Ensembles Modern. Es wird auf die kritische Neuausgabe der Universal Edition zurückgegriffen und dabei nicht akademisch trocken musiziert, sondern mit viel Spaß an den grotesken Effekten der Musik. Aber nicht nur instrumental setzen sich die Musiker ein, sie singen auch die Partien der Ganovenmannschaft. In den Finali wirkt die Frankfurter Kantorei prägnant mit. Hier wird die ironische Haltung verlassen und ein wahrhaft aggressiver Ton des sozialen Appells angeschlagen: "Bildet euch da nur nichts ein: Der Mensch lebt nur von Missetat allein!" Gottseidank wird am Ende alles gut, wie in vielen Opern. Der Gangster Macheath wird nicht nur nicht hingerichtet, sondern er wird auch noch geadelt und mit einer sehr guten Rente versorgt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt! FAZIT Schon einige Jahre ist es her, dass nahezu dieselbe Besetzung (Nina Hagen war damals eine umwerfend schräg-schöne Mrs Peachum) von der Dreigroschenmusik eine CD herausgebracht hat. Seither hat das Ensemble seine Interpretation in Richtung musikalischer Satire verfeinert und enorm gesteigert. Das ist dem Stück bestens bekommen. Ihre Meinung ? Schreiben Sie uns einen Leserbrief |
Musikalische Leitung
Frankfurter Kantorei SolistenAusrufer und MacheathMax Raabe
Herr Peachum
Frau Peachum
Polly
Jenny
Tiger Brown
Lucy
Sprecher
Ganoven
|
- Fine -