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Großer Verdi-Abend an der Amstel
Von Thomas Tillmann
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Fotos von Ruth Walz Luc Bondy bleibt in seiner vor vier Jahren für die Scottish Opera in Glasgow konzipierten Inszenierung von Verdis Macbeth, die jetzt auch an der Nederlandse Opera für ein ausverkauftes Haus und frenetischen Jubel sorgte, seinem eher "unspektakulären", ohne vordergründigen Aktionismus, platte Aktualisierung und peinliche Provokation auskommenden Stil treu und setzt auf der Basis einer spürbar profunden Werkkenntnis auf wohltuende szenische Reduktion und Entmythologisierung. Dass dabei das Hexenproblem nicht gelöst wird, muss man wie bei manch anderer ähnlich konzipierter Produktion dann wohl in Kauf nehmen: Sieht man von den Vollbärten ab, die manches Gesicht "zieren", hat man es mit einer wenig auffälligen Gruppe von Frauen in zeitgenössischer Alltagskleidung zu tun (die Protagonisten dagegen tragen dezent stilisierte historisierende Kostüme von Rudy Sabounghi), die in ihrer ersten Szene in braver Chorus Line einen Can Can andeuten (ein großes Kompliment an die Chordamen, die trotz der choreografischen Belastung auch noch hervorragend mit vielen Nuancen und dynamischen Abstufungen sangen, worin ihnen die Herren des superben Kollektivs freilich nicht nachstanden) und sich später glänzend amüsiert Leichenteile zuwerfen.
Foto links:Sie ist die treibende Kraft in Schottland: Lady Macbeth (Carol Vaness).
Ansonsten aber war ich mehr als beeindruckt von dem ungemein dichten Kammerspiel, in dem Macbeth von Anfang an ein zwar aggressiver, aber dennoch ungemein gehetzt und schwach wirkender Anti-Held ist, eine willenlose, beinahe hypnotisiert wirkende Marionette der Hexen und der Lady, die als katzenhaftes, energisch-rastloses Wesen gezeichnet wird, das dem Kreis der Hexen zu erwachsen scheint, den trägen Gatten im wahrsten Sinne des Wortes zur schrecklichen Tat schleift, ihm den Dolch geradezu aufdrängt, gern selbst zum Schwert greift und natürlich nach der Ermordung des Königs eine eigene Krone bekommt. Besondere Wirkung entfaltet dabei der Einfall, die beiden häufig wie durch geheime Kraft geradezu schicksalhaft miteinander verbunden zu zeigen (wie man überhaupt ins Schwärmen gerät ob des großen Geschicks Bondys in Fragen der Figurenzeichnung und Personenführung!). Und bei dieser Fokussierung auf das Protagonistenpaar macht es auch Sinn, auf das abrupte, pompöse Ende der revidierten Fassung von 1865 zu verzichten, die der Aufführung natürlich sonst zugrunde liegt, und auf die ursprüngliche Schlussszene der ersten Version von 1847 zurückzugreifen, in der das Werk mit Macbeths Tod endet und in der Verdi die Titelfigur in ihrer ganzen Tragik und existentiellen Einsamkeit zeigt.
Foto rechts:Macbeth (Andrzej Dobber) und seine Lady (Carol Vaness) sind - um es mit Brecht zu sagen - eigentlich nicht zwei Personen, sondern nur eine einzige ...
Eine riesige gewölbte, zum Teil auch begehbare und mit Sehschlitzen versehene Holzwand in warmen Rotbrauntönen bestimmt den Hintergrund des bis auf wenige sinnstiftende Requisiten leeren Bühnenraums von Rolf Glittenberg, das großzügig bemessene Bett der Macbeths dessen Vordergrund. In ihm tummeln sich nicht nur die Hexen, sondern hier sterben auch König Duncan und später das machtgierige Paar, und in einigen Szenen findet sich an derselben Stelle ein kraterartiges Loch in der Spielfläche, das an einen Blutfleck oder eine Wunde denken lässt, im dritten Akt, wenn dort die sterblichen Überreste der Familie Macduffs aufgetürmt sind, an die beklemmenden Fotos aus den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten erinnert.
Foto links:Die Kammerfrau (Jenny Zomer) und die Macbeths (Carol Vaness und Andrzej Dobber) feiern mit der schottischen High Society (Koor van De Nederlandse Opera).
Eine echte Entdeckung war für mich der polnische Bariton Andrzej Dobber, den ich zweifellos in mehreren Produktionen der Kölner Oper gehört habe, der mir aber nie besonders aufgefallen ist: Welche Nuancen- und Farbenvielfalt er in der auch szenisch exzellenten Gestaltung Macbeths entfaltete, welche Sorgfalt in der Textausdeutung, welche Bandbreite zwischen mächtigen Forteendladungen und zartesten Piani, welche Legatofähigkeit und Phrasierungseleganz, welche Leichtigkeit in der Tongebung ohne die hässlichen Nebengeräusche, die einem die Bemühungen mancher Fachkollegen so vergällen - qual voce! Und auch Carol Vaness war bei ihrem Rollen- und DNO-Debüt summa summarum eine bemerkenswerte Lady von exzeptioneller, in mancherlei Weise an ebenfalls kein Risiko scheuende Vorgängerinnen wie Inge Borkh oder Renata Scotto erinnernder Expressivität und Präsenz, auch wenn der Raubbau an der das immer noch lyrische Fundament erkennen lassenden Stimme natürlich seine Spuren hinterlassen hat, wenngleich die durchdringend-metallischen, mitunter geradezu herausgegellten, ein die Toleranzgrenze wahrlich streifendes Vibrato aufweisenden Spitzentöne bis hin zum Des der Nachtwandelszene (die die Künstlerin bereits vor ziemlich genau zehn Jahren mit dem Münchner Rundfunkorchester unter Roberto Abbados Stabführung auf ihrer bemerkenswerten CD Carol Vaness sings Verdi & Donizetti gesungen hatte) natürlich imponieren, ebenso wie der rücksichtslose Einsatz der Bruststimme bei Tönen, die unterhalb der Mittellage liegen, einem die Sorgenfalten auf die Stirn treibt. Daneben war Andrea Silvestrelli mit seinem körnigen, gewaltig voluminösen, schwarzen Bass trotz einiger heiserer, rauer Nebengeräusche ein imposanter Banco, der Australier Julian Gavin mit angenehm timbrierten, gut geführten lyrischen Tenor ein wenig auffälliger, etwas leichtgewichtiger Macduff, Janny Zomer eine sehr diskrete Kammerfrau und Carlo Bosi mit leicht ansprechendem, hellen Tenor ein verlässlicher Malcolm.
Foto links:Macbeth (Andrzej Dobber) befragt noch einmal die Hexen (Damen des Koor van De Nederlandse Opera).
Carlo Rizzi, der an der DNO bereits Don Pasquale, Luisa Miller und Otello dirigiert hatte, ließ bereits mit den ersten sehr zügig, aber nie gehetzt genommenen Takten aufhorchen und war am Pult des glänzend aufgelegten, brillanten Nederlands Philharmonisch Orkest durchweg ein Garant für nie nachlassende Spannung, klug vorbereitete Steigerungen (besondere Erwähnung verdient das erste Finale, bei dem er es richtig "krachen" ließ), pulsierende Rhythmik und exemplarisches Timing, für einen gekonnten Ausgleich zwischen klaren Klang- und Tempovorstellungen und kraftvollen Akzenten einerseits und wissend-unterstützender, aber nicht alle Freiheiten zulassender Sängerbegleitung andererseits.
Ein großer Verdi-Abend in jeder Hinsicht, der die sich gern selbst feiernden größeren Opernhäuser Nordrhein-Westfalens einmal mehr in die zweite Reihe verweist! Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Einstudierung
Bühne
Kostüme
Licht
Choreografie
Choreinstudierung
SolistenMacbethAndrzej Dobber
Banco
Lady Macbeth
Dama di
Macduff
Malcolm
Medico/Domestico/
Tre apparazioni
Duncano
Fleanzio
Lady Macduff
Ein Sklave
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