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Realismus ohne Folklore, Ergriffenheit ohne SentimentalitätVon Christoph Wurzel / Fotos: Wiener Staatsoper GmbH, Axel Zeininger
Neben der Titelfigur Jenufa ist die Küsterin die zweite Hauptfigur dieser Oper. Das ist in dieser Inszenierung an der Wiener Staatsoper vor allem der beeindruckenden Rollengestaltung durch Agnes Baltsa zu verdanken. In der tschechischen Originalsprache heißt die Oper ja auch "Jeji pastorkyna", d.h. "Ihre Ziehtochter" und damit ist schon viel darüber gesagt, dass es offenbar in dieser Oper um ein besonderes Mutter-Tochter Verhältnis und ein beide verbindendes erschütterndes Schicksal geht. Janácek selbst hatte in einem Brief an den Wiener Hofoperndirektor Gregor anlässlich der dortigen Erstaufführung seiner Oper 1918 bemerkt, dass die Küsterin eine zweite Hauptfigur sei, bloß "Jenufa" sei doch nichtssagend. Doch hat sich seit der Übersetzung ins Deutsche durch Max Brod der Titel "Jenufa" durchgesetzt. Aber nur wenn das Motiv für das grausame Handeln der Küsterin und für ihre rigorose Moral deutlich wird, erhält diese Figur ein individuelles Gesicht. Zudem wird nur so die verzeihenden Liebe Jenufas gegenüber ihrer Stiefmutter am Schluss verständlich: "Sie ist nicht so zu verdammen. Lasst sie nur Buße tun. Gönnt ihr ein wenig Zeit dazu." Diese Szene im 3. Akt der Oper gerät in Pounteys Inszenierung dann auch zu einem der Höhepunkte dieser großartigen Produktion.
3.Akt: Jenufa verzeiht ihrer Stiefmutter: Agnes Baltsa (Küsterin), Angela Denoke (Jenufa).
Beide Frauen verbindet die Sehnsucht nach einer erfüllten Liebe und beiden wird sie durch nichtsnutzige Männer verdorben. Als Jenufa, die Stieftochter, ein uneheliches Kind von dem Trunkenbold Stewa bekommt und dieser sich weder zu seinem Kind noch zu Jenufa bekennt, tötet die Küsterin das heimlich Neugeborene in einem Bach, weil sie die zu erwartende Schande ihrer Tochter nicht ertragen kann und ihr damit eine ehrenvolle Verbindung mit Laca ermöglichen will, der Jenufa liebt. Im ersten Akt erscheint die Küsterin als eine Frau von äußerster moralischer Strenge, zugleich wird aber der Grund ihrer Verbitterung deutlich, wenn sie in ihrer Erzählung über ihr Ehemartyrium mit dem Trinker Buryja berichtet. Und ein solches Schicksal will sie ihrer Tochter ersparen. Durch Agnes Baltsas intensive Gestaltung lässt sich in diesem Moment hinter der verhärteten und kalten Fassade dieser Frau die große Enttäuschung ihres Lebens erkennen.
Als im 3. Akt, während der Vorbereitungen für Jenufas und Lacas Hochzeit das tote Kind im schmelzenden Eis gefunden wird und sich die Küsterin zu ihrer grausamen Tat bekennt, appelliert Jenufa an die Dorfgemeinschaft, ihre Stiefmuter nicht zu verdammen und verzeiht ihr, begleitet vom reinen C-Dur des Orchesters, während auf das Bühnengeschehen in diesem Moment ein heller Lichtstrahl fällt. In David Pountneys sensibler und atmosphärisch überaus dichter Inszenierung wird all dies unmittelbar spürbar. Mit großer Aufmerksamkeit ist jede Figur ausgeformt. Ohne ins Folkloristische abzugleiten, sind lebendige Bilder aus dem "mährischen Bauernleben" gelungen, die die Handlung in realistischer Deutlichkeit berührend erzählen. Ohne falsche Sentimentalität wird dennoch Ergriffenheit möglich. Der Verzicht auf übertriebene Symbolik tut der dramatischen Wahrheit dieser Oper auffallend gut. Das Bühnenbild unterstützt dieses Konzept überzeugend. Im ersten Akt ist die Bühne das Innere der Mühle. Geschäftige Arbeit treibt die Menschen an - ein Leben, das anscheinend kaum zu erschüttern ist. Doch dass diese Welt von Enttäuschung und Aggression, von Ängsten und Verzweiflung beherrscht wird, zeigt sich im 2. Akt, in dem der Raum von zahllosen schweren Säcken nahezu erdrückt wird. Im 3. Akt gibt es nur noch eine kahle aus Brettern gebaute Scheune, ein fast abstrakter Raum, in dem sich nach der (Er-)Lösung des Grauens Neues entwickeln kann.
Ensemble im Inneren der Mühle: Angela Denoke (Jenufa), Wolfgang Bankl (Altgesell), Cornelia Salje (Barena), Anni Schlemm (Die alte Buryja), Jorma Silvasti (Laca).
Das Ensemble der Sängerinnen und Sänger lässt keine Wünsche offen. Neben der großartigen Agnes Baltsa ist Angela Denoke eine geradezu ideale Jenufa. Sie macht das Schicksal, das ihre Rolle ihr vorschreibt, erfahrbar und ihr heller, reiner Sopran macht die Partie ungewöhnlich glaubhaft. Anny Schlemm als alte Buryja kann als Einzige so etwas wie mütterliche Wärme in das Geschehen bringen. Selbst die Nebenrollen, wie die der schnippischen Karolka (Renate Pitscheider) oder der arroganten Frau des Richters (Helene Ranada) sind blendend besetzt. Die beiden männlichen Hauptrollen gestalten Torsten Kerl als machohafter Hallodri Stewa und Jorma Silvasti als schüchterner Außenseiter Laca überzeugend. Beide setzen mehr auf dramatische Echtheit als auf Schöngesang, was sicherlich im Interesse der Oper ist.
3. Akt: Das neue Paar: Laca (Jorma Silvasti) und Jenufa (Angela Denoke
Seiji Ozawa hat sich mit großem Engagement (und enormem Körpereinsatz) der Partitur angenommen, die er auswendig dirigiert. Dieser Produktion liegt die von Charles Mackerras hergestellte sog. Brünner Fassung von 1908 zu Grunde, die die von Janácek gewünschte Fassung sein soll. In ihr ist der Orchesterapparat schlanker und herber als in der Bearbeitung, die vom Dirigenten Karel Kovarovic bei der Prager Aufführung 1916 verwendet worden war als Zugeständnis an die Klangfülle der Werke Wagners, Mahlers oder von Richard Strauß. FAZIT "Kunst gegen Gewalt" - in den Rahmen dieses Projekts österreichischer Künstlerinnen und Künstler sind auch die Aufführungen von Janáceks Oper Jenufa an der Wiener Staatsoper eingebettet. Auf beeindruckende Weise sind sie somit ein Beitrag zur Auseinandersetzung mit dem Thema und zeigen auf, wie Gewalt entsteht und wohin sie führen kann. Ihre Meinung ? Schreiben Sie uns einen Leserbrief |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühnenbild
Kostüme
Licht
Chor
Choreografie
SolistenDie alte BuryjaAnny Schlemm
Laca Klemen
Stewa Buryja
Die Küsterin Buryja
Jenufa
Altgesell
Dorfrichter
Seine Frau
Karolka, beider Tochter
Schäferin
Barena
Jana
Tante
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- Fine -