Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Zur Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



Jenufa

Oper aus dem mährischen Bauernleben in drei Akten
Text von Gabriela Preissová
In der deutschen Übersetzung von Max Brod
Musik von Leos Janácek


In deutscher Sprache mit deutschem Text an den Plätzen


Premiere an der Wiener Staatsoper am 24. Februar 2002
Besuchte Aufführung am 29. Mai 2002

Realismus ohne Folklore, Ergriffenheit ohne Sentimentalität


Von Christoph Wurzel / Fotos: Wiener Staatsoper GmbH, Axel Zeininger


Neben der Titelfigur Jenufa ist die Küsterin die zweite Hauptfigur dieser Oper. Das ist in dieser Inszenierung an der Wiener Staatsoper vor allem der beeindruckenden Rollengestaltung durch Agnes Baltsa zu verdanken. In der tschechischen Originalsprache heißt die Oper ja auch "Jeji pastorkyna", d.h. "Ihre Ziehtochter" und damit ist schon viel darüber gesagt, dass es offenbar in dieser Oper um ein besonderes Mutter-Tochter Verhältnis und ein beide verbindendes erschütterndes Schicksal geht. Janácek selbst hatte in einem Brief an den Wiener Hofoperndirektor Gregor anlässlich der dortigen Erstaufführung seiner Oper 1918 bemerkt, dass die Küsterin eine zweite Hauptfigur sei, bloß "Jenufa" sei doch nichtssagend. Doch hat sich seit der Übersetzung ins Deutsche durch Max Brod der Titel "Jenufa" durchgesetzt. Aber nur wenn das Motiv für das grausame Handeln der Küsterin und für ihre rigorose Moral deutlich wird, erhält diese Figur ein individuelles Gesicht. Zudem wird nur so die verzeihenden Liebe Jenufas gegenüber ihrer Stiefmutter am Schluss verständlich: "Sie ist nicht so zu verdammen. Lasst sie nur Buße tun. Gönnt ihr ein wenig Zeit dazu." Diese Szene im 3. Akt der Oper gerät in Pounteys Inszenierung dann auch zu einem der Höhepunkte dieser großartigen Produktion.

Szenenfoto

3.Akt: Jenufa verzeiht ihrer Stiefmutter: Agnes Baltsa (Küsterin), Angela Denoke (Jenufa).

Beide Frauen verbindet die Sehnsucht nach einer erfüllten Liebe und beiden wird sie durch nichtsnutzige Männer verdorben. Als Jenufa, die Stieftochter, ein uneheliches Kind von dem Trunkenbold Stewa bekommt und dieser sich weder zu seinem Kind noch zu Jenufa bekennt, tötet die Küsterin das heimlich Neugeborene in einem Bach, weil sie die zu erwartende Schande ihrer Tochter nicht ertragen kann und ihr damit eine ehrenvolle Verbindung mit Laca ermöglichen will, der Jenufa liebt. Im ersten Akt erscheint die Küsterin als eine Frau von äußerster moralischer Strenge, zugleich wird aber der Grund ihrer Verbitterung deutlich, wenn sie in ihrer Erzählung über ihr Ehemartyrium mit dem Trinker Buryja berichtet. Und ein solches Schicksal will sie ihrer Tochter ersparen. Durch Agnes Baltsas intensive Gestaltung lässt sich in diesem Moment hinter der verhärteten und kalten Fassade dieser Frau die große Enttäuschung ihres Lebens erkennen. Als im 3. Akt, während der Vorbereitungen für Jenufas und Lacas Hochzeit das tote Kind im schmelzenden Eis gefunden wird und sich die Küsterin zu ihrer grausamen Tat bekennt, appelliert Jenufa an die Dorfgemeinschaft, ihre Stiefmuter nicht zu verdammen und verzeiht ihr, begleitet vom reinen C-Dur des Orchesters, während auf das Bühnengeschehen in diesem Moment ein heller Lichtstrahl fällt.
Natürlich hat dies mit weiblicher Emanzipation nichts zu tun, denn die Frauen als Opfer patriarchaler Gewalt nehmen ihre Rolle als Büßende und Verzeihende nur allzu bereit ein. Doch zugleich sind sie auch, im Gegensatz zu den schwachen Männern in der Oper, diejenigen, die eine Entwicklung hin zu menschlicher Größe erkennen lassen. Und gerade dadurch wird diese Oper zu einem Schrei nach Erlösung aus Unterdrückung, die selbst nur Gewalt hervorbringt.

In David Pountneys sensibler und atmosphärisch überaus dichter Inszenierung wird all dies unmittelbar spürbar. Mit großer Aufmerksamkeit ist jede Figur ausgeformt. Ohne ins Folkloristische abzugleiten, sind lebendige Bilder aus dem "mährischen Bauernleben" gelungen, die die Handlung in realistischer Deutlichkeit berührend erzählen. Ohne falsche Sentimentalität wird dennoch Ergriffenheit möglich. Der Verzicht auf übertriebene Symbolik tut der dramatischen Wahrheit dieser Oper auffallend gut.

Das Bühnenbild unterstützt dieses Konzept überzeugend. Im ersten Akt ist die Bühne das Innere der Mühle. Geschäftige Arbeit treibt die Menschen an - ein Leben, das anscheinend kaum zu erschüttern ist. Doch dass diese Welt von Enttäuschung und Aggression, von Ängsten und Verzweiflung beherrscht wird, zeigt sich im 2. Akt, in dem der Raum von zahllosen schweren Säcken nahezu erdrückt wird. Im 3. Akt gibt es nur noch eine kahle aus Brettern gebaute Scheune, ein fast abstrakter Raum, in dem sich nach der (Er-)Lösung des Grauens Neues entwickeln kann.

Szenenfoto

Ensemble im Inneren der Mühle: Angela Denoke (Jenufa), Wolfgang Bankl (Altgesell), Cornelia Salje (Barena), Anni Schlemm (Die alte Buryja), Jorma Silvasti (Laca).

Das Ensemble der Sängerinnen und Sänger lässt keine Wünsche offen. Neben der großartigen Agnes Baltsa ist Angela Denoke eine geradezu ideale Jenufa. Sie macht das Schicksal, das ihre Rolle ihr vorschreibt, erfahrbar und ihr heller, reiner Sopran macht die Partie ungewöhnlich glaubhaft. Anny Schlemm als alte Buryja kann als Einzige so etwas wie mütterliche Wärme in das Geschehen bringen. Selbst die Nebenrollen, wie die der schnippischen Karolka (Renate Pitscheider) oder der arroganten Frau des Richters (Helene Ranada) sind blendend besetzt. Die beiden männlichen Hauptrollen gestalten Torsten Kerl als machohafter Hallodri Stewa und Jorma Silvasti als schüchterner Außenseiter Laca überzeugend. Beide setzen mehr auf dramatische Echtheit als auf Schöngesang, was sicherlich im Interesse der Oper ist.
Gesungen wird in deutscher Sprache, eine Entscheidung, die angesichts der inzwischen selbst an kleineren Häusern üblichen Originalsprache verwundert. Es leuchtet jedoch ein, was der Janácek-Kenner Charles Mackerras zu bedenken gibt, dass nämlich ein übersetzter, der originalen Sprachmelodie aber angepasster Text allemal besser sei als eine Aufführung in der möglicherweise von Sängerinnen und Sängern unzureichend beherrschten tschechischen Originalsprache. Und bis auf Agnes Baltsas recht harten Akzent ist die Textartikulation in der Wiener Aufführung nicht zu beanstanden.

Szenenfoto

3. Akt: Das neue Paar: Laca (Jorma Silvasti) und Jenufa (Angela Denoke

Seiji Ozawa hat sich mit großem Engagement (und enormem Körpereinsatz) der Partitur angenommen, die er auswendig dirigiert. Dieser Produktion liegt die von Charles Mackerras hergestellte sog. Brünner Fassung von 1908 zu Grunde, die die von Janácek gewünschte Fassung sein soll. In ihr ist der Orchesterapparat schlanker und herber als in der Bearbeitung, die vom Dirigenten Karel Kovarovic bei der Prager Aufführung 1916 verwendet worden war als Zugeständnis an die Klangfülle der Werke Wagners, Mahlers oder von Richard Strauß.
Bei hoher Aufmerksamkeit fürs Detail gelingt Ozawa ein äußerst transparenter Orchesterklang, der die intensive Farbigkeit der Musik betont. Dynamische Abstufungen und eruptive Momente steigern die innere Spannung der Musik. Zugleich lässt er, wo nötig, der Reflexion genügend Raum, wie in der Ensemblestelle "Jedes Paar muss im Leiden seine Zeit überstehen", die damit zur zentralen Aussage im 1. Akt erhoben wird. Zündend gelingen die Volksszenen im 1. Akt, packend die unheilvolle Dramatik im 2. Akt ("Grad als ob der Tod hätt hereingegrinst"). Im 3. Akt schließlich mischt Ozawa unter die Erlösungsapotheose die gehörige Portion Schärfe und Trotz, die diesem Opernschluss einen bedrückenden Zweifel verleihen. Denn ob die Verbindung von Jenufa mit Laca, der ihr aus Eifersucht gegenüber Stewa im Affekt einst die Wange zerschnitten hatte, wirklich glücklich wird - das bleibt eine offene Frage.


FAZIT
"Kunst gegen Gewalt" - in den Rahmen dieses Projekts österreichischer Künstlerinnen und Künstler sind auch die Aufführungen von Janáceks Oper Jenufa an der Wiener Staatsoper eingebettet. Auf beeindruckende Weise sind sie somit ein Beitrag zur Auseinandersetzung mit dem Thema und zeigen auf, wie Gewalt entsteht und wohin sie führen kann.



Ihre Meinung ?
Schreiben Sie uns einen Leserbrief

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Seiji Ozawa

Inszenierung
David Pountney

Bühnenbild
Robert Israel

Kostüme
Marie-Jeanne Lecca

Licht
Mimi Jordan Sherin

Chor
Ernst Dunshirn

Choreografie
Renato Zanella




Orchester der Wiener Staatsoper
Chor der Wiener Staatsoper
Balletteleven der
Wiener Staatsoper
Bühnenorchester der
Wiener Staatsoper



Solisten

Die alte Buryja
Anny Schlemm

Laca Klemen
Jorma Silvasti

Stewa Buryja
Torsten Kerl

Die Küsterin Buryja
Agnes Baltsa

Jenufa
Angela Denoke

Altgesell
Wolfgang Bankl

Dorfrichter
Walter Fink

Seine Frau
Helene Ranada

Karolka, beider Tochter
Renate Pitscheider

Schäferin
Stella Grigorian

Barena
Cornelia Salje

Jana
Ileana Tonca

Tante
Waltraud Winsauer




Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Wiener Staatsoper
(Homepage)



Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Zur Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum

© 2002 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -