Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Zur Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



Les Mamelles de Tirésias


Opéra bouffe von Francis Poulenc nach einem Theaterstück von Guillaume Apollinaire

Szenische Erstaufführung in den Niederlanden am 7. September 2001 in Haarlem

(Rezensierte Aufführung: Utrecht, 18. September 2001)


Logo: Opera Trionfo

Opera Trionfo
(Homepage)

40.050 Babys in einer guten Stunde

Von Koert Braches / Fotos von Pan Sok, Voorburg

Opera Trionfo, eine 1998 gegründete niederländische Stiftung zur Förderung der Kammeroper, bringt in einer Reihe von Aufführungen in verschiedenen Orten der Niederlande Les Mamelles de Tirésias (Die Brüste des Tirésias), eine Oper aus dem Kriegsjahr 1944, auf die Bühne. Der Bezug zur Entstehungszeit wird ausdrücklich hergestellt, indem der Oper die 'kleine Kammerkantate' Soir de Neige von Poulenc (Text von Paul Eluard) vorausgeschickt wird. Ein sinnvoller Einfall. Zwar sind Musik und Text nicht zur gleichen Zeit entstanden, aber Dichter Apollinaire greift in seinem Theaterstück aus 1903 den noch kommenden zwei Weltkriegen bereits vor. Die hier gebrachte Kombination verstärkt den Zynismus, der aus der Oper Poulencs spricht.

Der Chor füllt die Einöde des Bühnenraums und singt die vier Chorsätze mit einer eindrucksvollen Choreografie. Danach betritt der Direktor die Bühne und guckt die Chorsänger verwundert an, als wären sie fehl am Platz. Er weist das Publikum darauf hin, dass es sich auf eine gesungene Moralpredigt einstellen darf: Kinder kriegen heißt die Lehre, die man aus dem Krieg ziehen kann! Sein erst noch verhaltener Monolog wird nach und nach geschwollener, fast demagogisch, was Bariton Hans Pieter Herman sowohl stimmlich wie schauspielerisch souverän beherrscht. Während er nun sein Herz ausgeschüttet hat, hat sich hinter ihm die Szene verwandelt in Zanzibar am Morgen.

Szenenfoto Ein Piekser mit der Haarnadel, und die weiblichen Wölbungen sind weg!




Ein großer roter Sessel verkörpert das häusliche Leben, dem Thérèse (aufs Beste besetzt mit der stimmlich wundervollen Sopranistin Renate Arends) gerne entfliehen möchte. Kinder auf die Welt setzen und erziehen ist nicht ihre Sache. Ihre Ballonbrüste lässt sie gen Himmel aufsteigen. Weg mit den weiblichen Zügen, auf zum Männerdasein unter dem Namen Tirésias! Sie bekommt nun einen so starken Bartwuchs, dass im Grunde ein Mähdrescher Abhilfe schaffen müsste. Danach verlässt sie die Bühne, um sich als Soldat, Künstler, Senator und noch einiges mehr durchs Leben zu schlagen! Ihr Mann bleibt in Verzweiflung zurück.

Szenenfoto "Nun, nun, du liebes Mädchen," fragt der Gendarm den Ehemann, "wer hat dir denn so zugesetzt?"


Während nun Thérèse-Tirésias ihre Freiheit genießt , sind ihrem Mann, inzwischen als Frau verkleidet, bezeichnenderweise die Hände gebunden. Auch ein herbei eilender Gendarm (durch Mattijs van de Woerd mit sichtlicher Freude und angenehm warmer Stimme gesungen), der die Umstände eines unerfreulichen und tödlich endenden Streitfalles zweier Betrunkener klären muss, geht nicht gegen die Feministinnen vor, die sich nunmehr unter der Leitung von Thérèse-Tirésias vereint haben im Wunsch, keine Kinder kriegen zu wollen. Der gebärfreudige Ehemann entschliesst sich, diese Arbeit auf sich zu nehmen. Mit Erfolg: 40050 Kinder kommen zur Welt, die dem Vater viel Mühe kosten, aber ihn durch ihre Arbeit als Verkäufer, Dichter und Journalist auch viel Geld einbringen.

Szenenfoto Viele kleine Kinder, die alle hungrig sind und schreien.

Inzwischen darben die Bürger Zanzibars, weil die vielen hungrigen Mäuler das Essen wegfressen, so erzählt der Gendarm und fragt den Ehemann, wie das Problem zu lösen wäre. Es folgt eine der vielen Spitzfindigkeiten im französischen Orginaltext von Guillaume Apollinaire, der schon als Text ohne Musik zum Lachen anregt: "Geben Sie Ihnen Karten" singt der Ehemann, wobei Karten hier eigentlich als Bezugsscheine zu verstehen sind. Diese kommen allerdings aus einer ungewöhnlichen Quelle: eine Kartenlegerin soll die Bevölkerung mit 'Karten' versehen. Die Kartenlegerin erscheint, spricht einige weissagerische Worte und macht sich danach dem Ehemann als Thérèse bekannt. In großer Liebe schließen sie sich in die Arme und mahnen zusammen mit den anderen Sängern das Publikum, erstens: sich zu kratzen, wenn man dazu die Lust verspürt, und zweitens: Kinder zu machen.

Szenenfoto Glückliche Vereinung der Eheleute. Die Busenballons werden allerdings nicht mehr gebraucht.


Aus einer komischen Oper auch ein Bühnenereignis zu machen, das einen zum Lachen bringt, bedarf es vieles. Vor allen Dingen ist da sichtlicher Spaß am Singen und Spielen gefragt, was allerdings bei diesen Aufführenden reichlich vorhanden ist. Bis auf wenige Ausnahmen (wie das etwas holperige Spiel von Bernard Loonen, der Darsteller des Ehemanns, und die sängerischen Leistungen der Zeitungsverkäuferin, dargestellt von Maaike Beekman) sind die Rollen vorzüglich besetzt. Der Orchesterpart, der aus Platzgründen von Bart Visman auf weniger Instrumente umgeschrieben werden musste, wird dem typischen Tonfall Poulencs immer noch gut gerecht, was nicht zuletzt dem feurigen Dirigat Ed Spanjaards zu verdanken ist. Was einem im Namen der Operngesellschaft als junges Musiktheater dargeboten wird, trägt vielleicht in manchen Kleinigkeiten die Spuren einer noch nicht immer voll präsenten Bühnenerfahrung. Dafür ist aber so vieles an musikalischen, sängerischen und schauspielerischen Höchstleistungen vorhanden, das die Aufführung mit dem, was heute in den Niederlanden an Oper geboten wird, sicherlich mithalten kann


FAZIT

Eine volle, pausenlose Stunde der Hör- und Sehfreuden. Nichts wie hin, wenn Sie in der Nähe sind.


Ihre Meinung ?
Schreiben Sie uns einen Leserbrief

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Ed Spanjaard

Inszenierung
David Prins

Bühnenbild
Vincent Sturkenboom

Kostüme
Claudy Jongstra

Choreografie
Scott Blick

Dramaturgie
Elsina Jansen



Nieuw Ensemble

Chor von Opera Trionfo




Solisten

Thérèse
Renate Arends

Der Ehemann
Bernard Loonen

Der Gendarm
Mattijs van de Woerd

Der Direktor
Hans Pieter Herman
(ab 20. Oktober Robbert Muuse)

Die Zeitungsverkäuferin
Maaike Beekman

Der Journalist
Willem Jan van Deuveren

Lacouf/Der Sohn
Terence Mierau

Presto
Jan Willem Baljet


Weitere Informationen
erhalten Sie von
Opera Trionfo
(Homepage)




Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Zur Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum

© 2001 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -