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Drohung mit der KlobürsteVon Christoph Wurzel
Alles Stress, nichts als Stress! Und das ausgerechnet am Hochzeitstag! In Stuttgart zeigt Nigel Lowery diesen tollen Tag vor allem als verrückte Slapstick-Komödie. Die Verwicklungen werden auf die Spitze getrieben, alles gerät gehörig durcheinander, fast stürzen die Grundfesten der herrschenden Ordnung ein. Aber am Schluss scheint alles doch noch gut zu werden - aber sehr mühsam und in letzter Minute. Bis zur nächsten Verwirrung im Geschlechterkampf. In einem Brief an seinen Vater hat Mozart von seiner Suche nach einem Opernstoff berichtet, der "recht Comisch im ganzen sein sollte". Er schlug Lorenzo da Ponte den Figaro-Stoff vor und machte daraus eine Komödie für Musik, die in der Opernwelt ihres Gleichen sucht. Man weiß aus der Rezeptionsgeschichte des Figaro, dass diese Oper noch zu Lebzeiten Mozarts - vor allem in Prag - ungeheuer populär wurde und einige Nummern sogar als Gassenhauer verbreitet waren - volkstümlich im besten Sinne.
Was spricht also dagegen, die Oper heute im Lichte der herrschenden Popularkultur zu beleuchten und die Geschichte mit Hilfe von Versatzstücken aus Soap, Boulevard und Klamotte zu erzählen? Gewiss ein Risiko, wenn die Inszenierung sich in der bloßen Oberflächlichkeit modischer Effekte erschöpfte und das seriöse Kunstwerk darin unterginge. Fruchtbar kann ein solcher Ansatz sein, wenn darin etwas zum Vorschein kommt, das dem historischen Werk eine Dimension abgewinnt, die deutlich machen kann, dass die Geschichte uns ebenso etwas angeht wie das Publikum zur Zeit ihrer Entstehung. In diesem zweiten Sinne hat sich Nigel Lowery als Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner respektvoll und anregend an Mozarts und da Pontes Oper vergriffen. Herausgekommen ist eine ungemein temporeiche, witzige und bühnenwirksame Aufführung. Die Gags hätten gut auch für zwei Inszenierungen ausgereicht. Die meisten sitzen genau, einige sind nur albern, aber nie sind sie ärgerlich. Ja, viele führen zu Lösungen, die eher einleuchten, als es konventionelle Inszenierung meist bieten. So verstecken sich im 1. Akt zuerst Cherubino und dann der Graf im dunklen Bad, von wo jener auch schon mal mit der Klobürste droht.
Was braucht man für eine solche Figaro-Inszenierung alles? Der Ausstatter konnte sich diesmal im Supermarkt bedienen: zwei Bierkästen (zur Arie "Cinque, dieci, venti, trenta.."), zahllose Mineralwasserflaschen (wenn es dem Grafen zu heiß wird), Gummihandschuhe (für Putzfrau Marcellina) einen Gartenschlauch mit Spritzpistole (für Gärtner Antonio), einen Colt aus der Spielzeugabteilung für den Security-Mann Basilio, ferner aus der Möbelabteilung einen Kühlschrank (für besagtes Mineralwasser), eine Waschmaschine (in der Cherubino das Band der Gräfin findet), sowie einen Satz stapelbarer Gartenstühle für die Hochzeitsgesellschaft. Und bei der gibt es auch den mitgebrachten Kuchen und vor allem Chips.
Aus dem Kaufhaus nebenan sind auch die Kostüme leicht zu beschaffen, jedenfalls die meisten. Das gräfliche Paar hingegen sticht heraus aus der billigen Banalität des Alltags. Graf und Gräfin tragen Rokoko-Kostüme. Das entfernt sie doch sehr von ihren quicklebendigen Bediensteten. Und das gibt auch durchaus einen Sinn. Den Hauptunterschied in sozialer Hinsicht macht aber in dieser Inszenierung weniger das Interieur aus, sondern vielmehr das Exterieur, genauer der Ausblick aus dem Fenster. Aus den gräflichen Gemächern sieht man nämlich in einen schönen barocken Garten, aus dem Zimmer des Dienerpaares hingegen in den Hinterhof grauer Mietskasernen. Eine einfache, aber sehr wirkungsvolle Idee!
Überhaupt hat Lowery, der von der Bühnenbildnerei kommt, die Räume äußerst geschickt arrangiert, indem er die Drehbühne zu raschen und einleuchtenden Szenenwechseln nutzt. Tempo gewinnt das Spiel in den Rezitativen und Ensembles, in denen die Handlung wirklich weiter getrieben wird. Atempausen gönnt der Regisseur dem Publikum in den Arien, die aber auch schön in die Handlung integriert werden.
Lowery hat die Sympathie Mozarts mit den Frauen deutlich betont, indem er in der Figur der Marcellina der Dienerin Susanna eine tatkräftige Mitstreiterin ( im 3. und 4. Akt) zur Seite stellt, der auch die oft gestrichene Arie Nr. 24 "Il capro e la capretta" erhalten geblieben ist. In der heißt es: "Wir armen Frauen, die wir diese Männer so sehr lieben, werden von den Ungeheuern immer so grausam behandelt". Damit ist ein Gegengewicht zu Figaros Arie "Ach öffnet eure Augen, törichte Männer" hergestellt und Männer und Frauen bekommen in gleicher Weise ihr Fett ab.
Auch musikalisch ist diese Produktion von höchster Vergnüglichkeit. Die Spielfreude der Sängerinnen und Sänger ist ungebremst und geht durchaus nicht auf Kosten der Gesangskultur. Wie oft in Stuttgart handelt es sich um eine homogene Ensembleleistung. Die Gräfin ( Caterina-Cellia Costea) leidet mit schöner Stimme, nimmt aber ihr Schicksal dann couragiert an. Wunderbar gestaltet sie in ihrer 2. Arie ("Dove sono i bei momenti?") den Übergang vom legatoseligen Andantino zum entschlossenen Allegro. Der Graf ( Robert Hayward) spielt nicht nur den hitzig Verliebten so überzeugend, dass man fast Mitlied bekommt, sondern er singt ihn auch mit vollem Affekt. Susanna (Catriona Smith) und Figaro (Hernan Itturalde) wird einige Akrobatik abverlangt, beide verlieren aber trotz aller Hektik die feine Ausgestaltung des Gesangsparts nicht aus dem Sinn. Etwas plump dagegen kommt Bartolo daher (Karl Friedrich Dürr ), dessen Rachearie eher zur Karikatur gerät. Als Witzfigur eher glaubhaft ist der Basilio, den Roderic Keating als schleimigen Friseur spielt, mit viel Opportunismus und Intrigantentum auch in der Stimme. Einfach den kecken Hans Dampf spielt und singt als Cherubino Claudia Mahnke mit ungeniert erotischem Touch. Auch die übrigen Rollen sind adaequat besetzt und werden überzeugend ausgefüllt: Margarete Joswig als Marzelline, Jaquelyn Familant als Barbarina und Helmut Holzapfel als Don Curzio sowie Peter Kajinger als Antonio. Der Stuttgarter Opernchor leistet wiederum ebenso beste musikalische, wie auch darstellerische Dienste.
Das Orchester spielt spritzig und enorm engagiert. Wolfgang Heinz, der mit ihm auch die Oper einstudiert hat, lässt die Musik wirklich sprechen und arbeitet besonders deren Farbigkeit transparent heraus. In den Arien werden die obligaten Soloinstrumente zu mit den Sängern kooperierenden Stimmen. Leider hat man in den actionreichen Ensembles bisweilen nicht genug Aufmerksamkeit übrig, um die Schönheit der musikalischen Gestaltung voll zu erfassen. |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung, Bühne, Kostüme
Spielleitung
Licht
Chor
Dramaturgie
Staatsorchester Stuttgart SolistenGraf AlmavivaRobert Hayward
Gräfin Almaviva
Susanna
Figaro
Cherubino
Marcellina
Bartolo
Don Basilio
Don Curzio
Barbarina
Antonio
Blumenmädchen
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- Fine -