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Musiktheater
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Fidelio
Oper in zwei Akten
Musik von Ludwig van Beethoven
Text von Joseph Sonnleithner
Stephan von Breuning und
Georg Friedrich Treitschke
nach Jean Nicolas Bouilly



Premiere der Wiederaufnahme
am 22. Dezember 2001
Besuchte Aufführung: 26. Dezember 2001


Homepage Staatstheater Stuttgart

(Homepage)


Utopie


Von Christoph Wurzel


In Stuttgart ist Martin Kusejs Geniestreich aus dem Jahre 1998 wieder zu erleben: Fidelio - seine zweite Opernarbeit überhaupt. Eine grandiose Produktion! Unmittelbar überträgt sich von Beginn an die drückende Atmosphäre der Handlung auf die Zuschauer. Die beklemmende Situation von Unterdrückung und Gefangenschaft bestimmt die gesamte Aufführung. Ausgetrieben sind biedermeierliche Singspielidylle und hohles Freiheitspathos. Herausgekommen ist dabei die ungemein spannende Ausstellung einer Welt, in der alles unter der Tyrannei, unter Willkür und Brutalität erstarrt ist. Unter der dünnen Oberfläche einer gerade noch geregelten Welt wird hier die Vorhölle spürbar. Die Menschen leiden qualvoll und ihre Beziehungen sind beschädigt, einige sogar zerstört. In einem dialektischen Spannungsverhältnis stehen dabei Handlung und Musik.

Kann es aus einer solchen Realität ein Entrinnen geben, gar die Befreiung durch eine humane Tat? Diese Inszenierung gibt die klare Antwort: nicht real, sondern nur in der Kunst. Das bedeutet, Kusej fügt dem Werk an einer entscheidenden Stelle einen Bruch zu und bringt seinen Sinn so überhaupt erst zum Vorschein. Denn in dieser Aufführung geschieht im 2. Akt, genau zum Signal der Trompete, das, was in jeder ähnlichen Situation und unter jeder Gewaltherrschaft der Geschichte geschehen würde: Pizarro hat erkannt, dass sein Mordplan an Florestan entdeckt, dessen Frau zu seiner Rettung entschlossen und er selbst verloren ist. In der zynischen Rationalität der Macht vollendet der Gouverneur des Gefängnisses seinen abscheulichen Plan und schneidet Florestan die Kehle durch, worauf Leonore ihn erschießt. Die Trompete wird hier also nicht zum Symbol der Rettung des geheimen Gefangenen, sondern seines Untergangs. Dann herrscht eine Minute völlige Dunkelheit, völliges Schweigen. Anschließend verwandelt sich die Bühne in einen neutralen Raum, schüchtern betreten Chorsängerinnen und -sänger die Szene und das Folgende, die Apotheose der Brüderlichkeit und der Macht der Liebe, wird als festliches Konzert zelebriert. Die Utopie ist kein Ort, sondern eine Idee, eine Hoffnung allenfalls. Sie erfüllt sich allein in der Kunst, in der Musik.

Szenenfoto Der Schnee begräbt alle Hoffnungen.

Dieses Konzept ist so schlüssig und stimmig, wie es einfach ist. Von diesem Ansatz her erschließt Kusej die ganze Oper und kommt zu verblüffend klaren Bildern. Wie können Menschen unter derartigen Verhältnissen überhaupt leben - überleben? Nur indem sie ihre Wünsche vom kleinen oder großen Glück träumen. Aber diese Träume sind gleichsam von einer Eiskruste überzogen. Keiner davon wird je wahr werden, das spürt man in dieser Inszenierung ganz deutlich. Kusej findet hierfür ein sinnfälliges Symbol im Quartett des 1. Aktes: Leise fällt Schnee über die vier Menschen, die hier in Hoffnung und Trug verstrickt sind.

Szenenfoto Der Chor betritt den Ort des grausigen Geschehens.

Und alle träumen ihren Traum. Rocco möchte seine Tochter gut verheiraten, mit etwas Gold beineben. Jaquino möchte Marzellines Liebe erringen. Marzelline träumt von der Heirat mit Fidelio. Stefanie Krahnenfeld versieht sie in ihrer Darstellung mit einer gehörigen Portion erotischer Sehnsucht. Leonore erträumt sich die Rettung des gefangenen Gatten und ihre Wiedervereinigung mit ihm. Nur mühsam entschließt sie sich ( pantomimisch dargestellt während der Ouvertüre Leonore Nr. 2), diese Befreiungstat selbst zu übernehmen. Und man sieht der zierlichen Person von Evelyn Herlizius geradezu an, welche Bürde sie übernommen hat. Gesanglich ist sie der Partie allerdings durchaus gewachsen, wenn ihre Stimme in der Höhe auch recht scharf klingt. Doch dieser Anflug von Anstrengung ist durchaus konform mit der Anlage der Rolle. Wirklich ergreifend gestaltet sie ihre Arie "Komm, Hoffnung, lass den letzten Stern der Müden nicht erbleichen!".
Auch den Gefangenen wird ein kleiner Schimmer Hoffnung gewährt, anrührend symbolisiert, indem sie sich während des ermöglichten Freigangs paarweise zum Tanzen formieren. Doch auch dieses "Fest" erlaubt kein Aufatmen, schon gar keine Freude, wie es Text und Musik vorgeben. Die Stimmung ist gedrückt und verängstigt. Der Stuttgarter Chor zeigt sich hier, wie in der ganzen Oper, wieder einmal von seiner allerbesten Seite, und zwar ebenso im Spiel wie im Gesang.

Szenenfoto Florestan in geistiger Umnachtung: Gott! Welch Dunkel hier!

Schließlich Florestan. In geistiger Umnachtung erträumt er sich den Engel seiner Erlösung. Der Regisseur hat dem Sänger in der Darstellung des Wahnsinns Enormes abverlangt. Bei hell erleuchteter Bühne gewinnen die Worte "Gott! Welch Dunkel hier. O grauenvolle Stille" an dieser Stelle eine gespenstische Dimension. Sie spiegeln nicht die äußere Welt, sondern die innere Verfassung der Figur. Stuart Skelton spielt und singt, dass es einem den Atem stocken lässt.

Doch auch Pizarro träumt: von Rache und Vergeltung. John Wegener gestaltet die Partie absolut eindringlich und mit großer dramatischer Verve. Stimmlich bleibt er dabei immer beherrscht und nuanciert im Aufbau der Spannung.

Auch Widerstand wird deutlich. In dieser Inszenierung ist Rocco kein williger Helfer. Deutlich spielt Roland Bracht heraus, dass es Grenzen gibt für das Mitläufertum. Doch letztlich kann er sich gegen das schreiende Unrecht nicht durchsetzen. Leider war er am Tag der besuchten Aufführung indisponiert. So sang Michael Eder vom Bühnenrand aus die Partie und bewies sich als das kongeniale musikalische Alter Ego. Diese zufällig eingetretene Situation kam der Inszenierung als Verfremdungseffekt sogar noch entgegen.

Vom Pult aus trieb Oleg Caetani die Dramatik in ungeahnte Dimensionen. Bis zum Zerbersten spannte er die Spannungsbögen. Der Jubel am Schluss gewann eine fast unerträgliche Schärfe und machte das Unmögliche dieses Schlusses umso deutlicher. Schön malte er die Farben der Hoffnung in der Musik aus. Das Stuttgarter Staatsopernorchester erwies sich zum wiederholten Male als erstklassig.


FAZIT
Diese Aufführung bohrt sich einem ins Gedächtnis ein.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Oleg Caetani

Inszenierung
Martin Kusej

Spielleitung
Sylvia Kurz

Bühnenbild
Martin Zehetgruber

Kostüme
Gisela Storch - Pestalozza

Lichtdesign
Richard Traub

Chor
Ulrich Eistert / Michael Alber

Dramaturgie
Klaus Zehelein


Staatsorchester Stuttgart
Chor der Staatsoper
Statisterie der Staatsoper



Solisten

Don Fernando
Michael Ebbecke

Don Pizarro
John Wegner

Florestan
Stuart Skelton

Leonore
Evelyn Herlizius

Rocco
Michael Eder / Gesang
Roland Bracht / Szene

Marzelline
Stefanie Krahnenfeld

Jaquino
Mattias Klink

1. Gefangener
Colin Hills

2. Gefangener
Heinz Gerger




Weitere Informationen
erhalten Sie vom
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Da capo al Fine

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