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Des Wüstlings TotentanzVon Christoph Wurzel / Fotos von Thomas A. Schaefer
Dass diese Handlung unweigerlich in die Katastrophe treibt, wird bereits in den ersten Takten der Ouvertüre spürbar. Lothar Zagrosek legt nahezu die ganze Höllengewalt des Finales bereits zu Beginn der Oper an und es wird deutlich: Don Giovanni ist schon, bevor das Geschehen auf der Bühne beginnt, ein Verlorener, ein Todgeweihter. Ein Totentanz beginnt.
Die Corrida der Liebe - Chor, Peter Kajlinger (Masetto), Helga Rós Indridadóttir (Zerlina). Und so ist die Bühne auch als Arena gebaut und der Regisseur setzt vielfach in Requisite und Bewegung der Akteure Assoziationen an den Stierkampf frei. Das Prinzip der Identität Don Giovannis ist schlechthin die Eroberung und ihr fällt er selbst zum Opfer. Dies ist der Ansatz der Inszenierung von Mozarts Oper durch Hans Neuenfels in Stuttgart. Was bei der Hauptfigur manisch selbstzerstörerisch ausgeprägt ist, erscheint bei den anderen Protagonisten in ironischer Brechung oder zur Groteske verzerrt: Eros und Thanatos, Liebes- und Todestrieb, sind verschwistert. Auch Zerlina tanzt, als sie Masetto ihre Liebe gesteht ("Batti, batti o bel Masetto") mit den Knochenmännern den Totentanz. Ebenso kehrt das zweite, das Stierkampfmotiv bei den Nebenfiguren in ironischer Wendung wieder: die Bauern als Stiere drapiert, die Bauernmädchen als Kühe. Die Liebe - hier ist sie keine Himmelsmacht, sondern eine Corrida. Ist es also kein Zufall, dass diese Oper in Sevilla spielt? Neuenfels' Regie bedient sich zahlreicher Anleihen aus der Theatergeschichte oder aus eigenen früheren Arbeiten. Neben der Form des Totentanzes sind Anspielungen an die Commedia dell'arte in Gestik oder Kostümierung unverkennbar. Zerlina und Masetto bewegen sich plötzlich in ihrem Duett wie Colombine und Arlecchino. Don Giovanni und Leporello tragen Masken und auch die Stereotypen des italienischen Volkstheaters, die durch schwarzes Kostüm und weiße Halskrause karikierten Gelehrten, tauchen am Schluss als mögliche neue Brötchengeber für Leporello auf. Zugleich benutzt Neuenfels das Mittel der Konkretisierung innerer Bilder als Spiel im Hintergrund, welches die psychologische Situation der Figur kommentieren soll. Als Donna Anna Ottavio von Don Giovannis Vergewaltigungsversuch berichtet, wird das Geschehen im Hintergrund wie eine szenische Sprechblase pantomimisch nachgespielt - doch der Vergewaltiger ist dabei ihr Vater, der Komtur. Ist also Donna Annas Vaterkomplex die Erklärung dafür, dass sie Don Giovannis erotischer Ausstrahlung verfallen ist? Dies jedenfalls legt der Regisseur nahe. Die Frage, was sich zwischen Anna und Don Giovanni abgespielt hat, bevor die Oper beginnt, erfährt hier eine Aufklärung: zumindest Verehrung und Bewunderung bringt Anna Don Giovanni entgegen, denn ihr Heim schmückt ein lebensgroßes Portrait des adligen Frauenhelden. Wie sehr auch Elvira von Don Giovanni betrogen und misshandelt wurde - auch sie ist ihm in Wahrheit verfallen. Noch unmittelbar vor dem Ende wirft sie sich ihm förmlich zu Füßen. Da ist sie wieder, die unheilvolle Verbindung von Eros und Tod.
Der Sexualneurotiker, das Ideal und die Wirklichkeit -
Rudolf Rosen (Don Giovanni), Venus von Milo, Angela Denoke (Donna Elvira), im Hintergrund Hernan Iturralde (Leporello).
Das Konzept ist klar und leuchtet auch im Wesentlichen ein, aber was dazu alles auf der Bühne geschieht, dient vielfach weniger der Erhellung, sondern eher der Verrätselung. Zahllose Details werden bemüht, die sich aber nicht unbedingt zu einem organischen Ganzen fügen. Am Schluss schickt Donna Anna Ottavio in die Wüste und er mutiert zu einem orientalischen Prinzen. Dazu bekommt er noch ein Dromedar mit auf den Weg. Ein bisschen viel Aufwand für so eine kurze Information. Da dient Einiges eher der Ablenkung und wirkt nur als intellektuelle Spielerei. Dass Don Giovanni im Finale des ersten Aktes bereits angeschlagen ist, müsste nicht dadurch unterstrichen werden, dass Leporello ihn im Rollstuhl über die Bühne fährt... Kurzum: Szenisch sind einige Einfälle bestechend, andere wiederum überflüssig und verwirrend.
Die musikalische Seite kann dieses Mal leider auch nicht voll überzeugen. Lothar Zagrosek, um Wahrheit in der Musik bemüht, betont den dramatischen Affekt und erreicht damit keine geringe Wirkung. Dies geht jedoch an zu vielen Stellen auf Kosten der Präzision. Auch klappert es manchmal erheblich zwischen Bühne und Graben. Andere Stellen werden wiederum mit großer Liebe zum Detail ausgearbeitet - eine uneinheitliche Gestaltung mithin.
Die Sänger, viel beschäftigt mit z.T. komplizierten Bühnenaktionen, werden den Rollen gesanglich gerecht. Besonders Hernan Iturralde kann als Leporello voll überzeugen. Don Ottavio, der auch in dieser Inszenierung eher als Schwächling erscheint, wird von Norman Shankle sehr schön gesungen. Machtvoll und als rächender Geist beeindruckend singt und spielt Attila Jun den Komtur. Rudolf Rosen ist ein jugendlicher, sportlich-agiler Don Giovanni, der mit schlankem Bariton der Partie nichts schuldig bleibt. FAZIT Eine andere Produktion in der Regie von Hans Neuenfels in Stuttgart (Die Entführung aus dem Serail) war 1998 zur "Aufführung des Jahres" gekürt worden. Hohe Erwartungen hefteten sich also an diesen Don Giovanni. Sie haben sich bei weitem nicht erfüllt. Ihre Meinung ? Schreiben Sie uns einen Leserbrief |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Regiemitarbeit
Bühne, Kostüme
Chor
Dramaturgie
Co.-Dramaturgin
SolistenDon GiovanniRudolf Rosen
Donna Anna
Don Ottavio
Der Komtur
Leporello
Donna Elvira
Zerlina
Masetto
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- Fine -