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Triographie

Drei Choreographien:

Paralipomena von Amanda Miller
Playground von Kyle Bukhari
Different Directions von Marguerite Donlon

Premiere im Saarländischen Staatstheater Saarbrücken am 12. April 2002



Homepage des Staatstheaters Saarbrücken
(Homepage)

Beziehung zwischen den Fragmenten?

Von Sebastian Hanusa / Fotos von Bettina Stöß



Paralipomena ist der Titel einer ersten von drei Choreographien, die der Ballettabend Triographie weniger vereint denn nebeneinander stellt. Das griechische Wort für Ergänzungen, Nachträge, Splitter - für jenes, was bei der Produktion an an- und abfällt - ist gleichsam für den gesamten Abend programmatisch. Es wird eher ein heterogenes Feld der Bezüge, nichtlinearer Wechselbeziehungen und unvermuteter Knotenpunkte geknüpft denn eine unter irgendeiner Beschreibung fassliche Stoßrichtung thematisiert. Wenn somit die Einheit des Abends eher in seiner Vielheit gegeben ist, so weisen die "Splitter" der einzelnen Stücke doch unterschiedliche Grade Heterogenität auf.

Das angesprochene Paralipomena von Amanda Miller hat die größte Offenheit des verwandten Materials. Zunächst teilt ein Licht-Rechteck die Bühne streng in Innen und Außen. Im Innenraum tanzt Ilka von Häfen einen traumverlorenen, fast narzisstischen Tanz, an der Lichtgrenze umlegt Leo Mujic das Rechteck mit Muscheln: Ein schamanitisches Ritual scheint abzulaufen. Dann kippt der in seiner Strenge - ob Ilka van Häfens großartiger Darbietung - fragil-lyrische Beginn in ein scheinbares Kinderspiel, sodann in eine Tanz-Dressur, wenn Leo Mujic über Flüstertüte Kommandos gibt und die willfährige Tänzerin über die Bühne scheucht. Fragmente von möglichen Assoziationen werden somit angedeutet, zumindest vage thematische Ausrichtung jedoch vermieden. Leider schaffen die Splitter es nicht, eine wenngleich unbestimmte, ins Offene verweisende Form zu konstituieren, so dass sich das Stück auf die lakonische Feststellung seiner eigenen Beschaffenheit beschränkt.

Vergrößerung Einzige Requisite im "Playground" sind grellgrüne Tafeln.

In "Playground" - choreographiert von Kyle Bukhari – gelingt dies eher, hier ist mit dem titelgebenden Playground aber auch eine bestimmte Stoßrichtung vorgegeben. Man scheint in ein Raumschiff versetzt, die Tänzer treten mit Helmen und grauer Uniform ausgestattet als androgyne Maschinenwesen auf. Sie betreten die Bühne durch eine Tür, setzen den Helm ab, legen teilweise ihre Uniform ab, sind augenscheinlich im Freizeit-Bereich eines interstellaren Raumkreuzers. Wie die Arbeit ist aber auch die Freizeit jener noch menschlichen Besatzung mechanisiert. Das Geschlechterspiel folgt redundanten Regeln, die vorgegaukelte Verführung eines Individuums durch die computergenrierte Big-Brother-Stimme des anonymen "Playground" ist in ihrer Trivialität von erschreckender Leere. Ebenso strahlt indes die Reaktion jenes glückstrunkenen Menschen – Tänzer Toby Kassell – ein Residuum utopischen Vermögens aus, welches vollends in der Rebellion Anna Hagermarks gegen Ende des Stückes hervorbricht.

Vergrößerung Different Directions: Wider die Schwerkraft!

Der Abschluß des Abends war das Stück Different Directions von Saarbrückens Ballettchefin Marguerite Donlon. Auch hier ist der Titel Programm: Die Idee des Passierens eines nichtssagend-neutralen "Verkehrsbereichs" beschreibt den Raum, in dem sich die paralipomenalen Fragmenten tänzerischer Semantik wiederfinden, sobald sie sich ihr Kontext in eine nurmehr formal festellbare "Aboutness" entäußert. Im Stück ist dieser Raum ein zentralperspektivisch sich nach hinten öffnender Flur von fast brutaler Weißheit. Raffinierter Kunstgriff des Bühnenbilds ist die Fortsetzung des realen Raumes nach hinten durch einen sich nahtlos anschließenden Flur in der Video-Projektion Oliver Mösts.

In dem verdoppelten Raum kommt es zu einem Pas de quatre zwischen den beiden Haupt-Solisten des Abends, Ilka van Häfen und Toby Kassell, und ihrem jeweiligen alter ego in den Videos von Oliver Möst. In den beiden nie zueinander findenden Protagonisten inkarniert auf letztlich eindrücklichste Weise die Thematisierung jener nicht mehr gerichteten Verweisstrukturen. Die Form der tänzerischen Sprache ist die der Flüchtigkeit, die mit dem Tanzpartner auf Bühne und Video ausschließlich im Entzug zu dialogisieren beginnt. Das ironische Brechung, aberwitzige Spiele mit den im Video aufhebbaren Kräften der Schwerkraft hierbei eine gewichtige Rolle spielen, steht interressanterweise nicht in Konflikt zur strengen Form des Stückes. Auch greifen Musik und Szene bestens ineinander. Claas Willekes elektronische Komposition unter Verwendung von Musik Hendryk Góreckis ist eng mit der Choreographie verzahnt, zeichnet sich durch gute ausgehöhrte Klänge aus, auch wenn mitunter ein Drift ins Gefällige droht.


FAZIT
Dort, wo das ästhetische Erleben spart, beginnt das lustvolle Geschäft der Beschreibung.


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*Besetzung der rezensierten Aufführung


Paralipomena

Choreographie / Kostüme
Amanda Miller

Musik
Giancinto Scelsi

Bühne / Licht
Seth Tilett

Solisten

Ilka van Häfen* / Hitomi Kuhara
Leo Mujic* / Rubens Reniers


Playground

Choreographie
Kyle Bukhari

Musik
Christophe Séchet / Velma

Kostüme / Bühne
Martina Sölch

Solisten

Dorothée Delabie* / Amy Fabris*
Ilka van Häfen* / Hitomi Kuhara
Anna Hagermark* / Nicole Kohlmann*
Toby Kassell* / Harald Krytniar*
Ignacio Martinez* / Zhong Yi Shing*
Rubens Reniers / Maxim Simonetti


Different Directions

Choreographie / Kostüme
Marguerite Donlon

Musik
Claas Willeke / Hendryk Nicolaj Gorecki

Bühne / Video
Oliver Möst

Solisten

Ilka van Häfen* / Nicole Kohlmann
Toby Kassell* / Ignacio Martinez


Weitere Informationen
Staatstheater Saarbrücken (Homepage)



Da capo al Fine

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