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Musiktheater
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The Panic

Eine Kammeroper
Libretto von Paul Godfrey
Deutsch von Alexander Jansen
Musik von David Sawer

Infinito Nero

Estasi von Salvatore Sciarrino
Libretto vom Komponisten nach
Santa Maria Maddalena de` Pazzi

Premiere in der alten Feuerwache Saarbrücken am 26. Januar 2002



Homepage des Staatstheaters Saarbrücken
(Homepage)

Zwei Opern – zwei Welten

Von Christoph Barth / Fotos von Bettina Stöß



Der breit gefächerte Spielplan des Saarländischen Staatstheaters beinhaltet in jeder Spielzeit auch ein zeitgenössisches Musiktheaterwerk. Diesmal wurden zwei kleiner besetzte Kammermusiktheaterwerke von David Sawer und Salvatore Sciarrino kombiniert.

Eröffnet wurde der Abend mit der deutschen Erstaufführung der Kammeroper The Panic von David Sawer auf ein Libretto von Paul Godfrey. Der Titel bezieht sich auf den Gott Pan, den missratenen Sohn von Apoll und einer Nymphe. Jener wurde aus dem Olymp vertrieben und fungiert als Schutzgott der Hirten, symbolisert die Fruchtbarkeit, dies jedoch in ursprünglicher, unzivilisierter Form gleich einer hemmungslosen blinden Geilheit (worin er eine starke Nähe zu dem heidnischen Gott Baal aufweist). Pan ist es, der die Fäden in der Hand hat und die Menschen wie Marionetten beherrscht, sobald die von ihm verkörperte Sexualität in unserer Gesellschaft zur bloßen Ware verkommt und kein Mittel zur Kommunikation mehr darstellt.

Vergrößerung Mit großer Spielfreude: Volker Philippi als Pan

Diese Situation zeigt sich auch in The Panic: Die Frau unterwirft sich in naivem Glauben aufopferungsvoll ihrem Ehemann und sieht in der Ehe den Garant für ihr Glück, während der Mann sie nur als Objekt seiner Herrschsucht betrachtet. Auf der Straße hat sich dieser in einen jungen Mann verliebt, doch auch diesen will er beherrschen und sich unterwerfen. Die drei Darsteller sprechen aber kaum miteinander, reden vielmehr aneinander vorbei, während Pan den Lauf der Dinge nach seinen Vorstellungen lenkt und als einziger sich wirklich amüsiert. Die Musik von David Sawer dient eher der Illustration und Untermalung der Handlung und ist genau wie der Text recht einfach und eingängig, stilistisch sehr konservativ. Leider war Peggy Steiner in der Rolle der Frau kurzfristig erkrankt, daher übernahm Sarah Tannehill den musikalischen Part, während Annette Radenheimer szenisch agierte. Aufgrund dieser Teilung der Rolle verlor das Stück aber noch mehr an Überzeugungskraft, wiewohl keine andere Möglichkeit blieb, um die Premiere zu retten. Insgesamt gehört The Panic aber zu den Stücken, die in der Verbindung von einer mittelmäßigen Story und einem geglücktem musikalischen Handwerk nur deshalb nicht schlecht sind, weil sich in kurzer Zeit (hoffentlich) niemand mehr daran erinnern wird.

Als Zwischenaktmusik erklang braves.strecke/atem, eine Klangcollage, die Sebastian Hanusa aus Atemgeräuschen aufgebaut hatte und mit der er in Form einer kontinuierlichen dynamischen Steigerung einen beeindruckenden Spannungsbogen zum zweiten Stück des Abends schlug.

Infinito Nero, komponiert vom 1947 in Palermo geborenen Salvatore Sciarrino, entstand als Auftragswerk für die Wittener Tage für Neue Kammermusik und wurde dort 1998 uraufgeführt. Das vom Komponisten verfasste Libretto beruht auf Texten der italienischen Mystikerin Maria Maddalena de Pazzi, die in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Florenz als Nonne des Karmeliter-Ordens lebte. Ihr Leben war geprägt von visionären Erlebnissen, die ihr Ziel in der mystischen Vereinigung mit Gott fanden. Den Aufstieg der Seele zu Gott suchte sie aber nicht in Meditation, sondern in ekstatischen Erlebnissen. Diese wurden hervorgerufen durch eine aus Selbstdemütigung resultierende Erniedrigung und Kasteiung des eigenen Körpers in Verbindung mit blinder Wut und Raserei und hatten eine deutliche erotische Komponente. Ihre Texte hat sie nicht selbst niedergeschrieben, sondern diese sind die Aufzeichnungen der Äußerungen, die sie während ihrer ekstatischen Visionen hervorgestoßen hat, immer wieder mit langen Pausen durchsetzt.

Vergrößerung Frédérique Sizarets in Infinito Nero war der Höhepunkt des Abends

Dadurch dass die weibliche Darstellerin in Sciarrinos Stück die historische Figur der Maria Maddalena de Pazzi bei einem ihrer ekstatischen Erlebnisse verkörpert und den Text singt, den diese dabei ausgestoßen hat, glaubt der Zuschauer, eine der Visionen der italienischen Mystikerin direkt beizuwohnen. Durch die Musik aber wird spürbar, dass wir nicht real einer solchen Vision beiwohnen, sondern sie nur re-präsentiert, wieder in die Gegenwart geholt wird. Die Klänge von Sciarrinos Musik bewegen sich alle in einem dynamischen Bereich des kaum noch Wahrnehmbaren; aus Atem- und Klappengeräusche entwickelt sich ein verflochtener Klangstrom, der immer wieder von den schnell ausgestoßenen Wortfetzen der Darstellerin unterbrochen wird. Die unmerkliche und flüchtige Musik, die sich durch äußerste Sparsamkeit des Materials auszeichnet, besticht durch die differenzierte Verwendung avantgardistischer Spieltechniken und extremer Tonlagen bei den einzelnen Instrumenten, während sich die Musik im Grenzbereich von Stille, Geräusch und Klang bewegt. Allerdings wurden diese nuancierten Raffinessen der Partitur in der Ausführung durch ein Instrumentalensemble des Staatstheaters unter der Leitung von Steffen Müller-Gabriel meist nicht deutlich, oft wurde etwas lustlos und verständnislos vor sich hin musiziert.

Umso mehr überzeugte dafür Frédérique Sizaret in der Rolle der "Voce", sie glänzte nicht nur durch eine souveräne Interpretation des äußerst schwierigen Vokalparts, sondern bestach auch durch ihre schauspielerischen Leistungen. Die Inszenierung von Alexander Jansen wurde beiden Stücken absolut gerecht, das Bühnenbild dagegen erschien etwas einfallslos. Eine Pyramide, deren Spitze abnehmbar war, wurde nach vornehin geöffnet, wodurch der Blick auf das Innere freigegeben wurde, worin die Handlung angesiedelt war. Insbesondere bei The Panic war es schwierig, eine Beziehung zwischen Bühnenbild und Stück herzustellen, bei Infinito Nero weniger - es kam aber dennoch der Eindruck auf, dass durch das gleichbleibende Bühnenbild eine Verbindung zwischen den beiden Stücken des Abends hergestellt werden sollte, die in Wirklichkeit nicht existiert. Das eigentlich problematische war die erzwungene Kombination zweier Werke, die nicht zusammen passen. Sciarrinos Stück überragte jenes von Sawer bei weitem, was dem Publikum auch nicht verborgen blieb.


FAZIT
Insgesamt ein interessanter Musiktheater-Abend. Besonders wegen des selten aufgeführten Infinito Nero lohnt sich ein Besuch.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Steffen Müller-Gabriel

Inszenierung
Alexander Jansen

Bühne und Kostüme
Angela C. Schuett

Video
Robert Hutter

Dramaturgie
Matthias Kaiser

Regieassistenz und Abendspielleitung
Annette Radenheimer



Mitglieder des
Saarländischen Staatsorchesters


Solisten

*krankheitsbedingte Premierenbesetzung


The Panic

Eine Frau
Peggy Steiner,
Sarah Tannehill* (musikalisch) /
Annette Radenheimer* (szenisch)

Ein Mann
Stefan Röttig

Ein junger Mann
Algirdas Drevinskas

Pan
Volker Philippi

Infinito Nero

Voce
Frédérique Sizaret


Weitere Informationen
Staatstheater Saarbrücken (Homepage)


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