Orpheus im Bezug zu gestern und heute -
Seltene Barockoper in Saarbrücken
Von Christof Barth
Mit der szenischen Aufführung der Oper L'Orfeo von Luigi Rossi hat das Ensemble pazzaCaglia um Lutz Gillmann einen Akzent gesetzt, der den überregionalen Vergleich nicht zu scheuen braucht. Dies ist umso erwähnenswerter als hier eine veritable Opernproduktion in Kooperation mit der Akademie für Alte Musik und der Musikhochschule erarbeitet wurde, die sich sowohl in der Opernwelt als auch in der Spezialisten-Szene der Alten Musik manchem Vergleich stellen kann.
Luigi Rossi (ca.1597- 1653) stand als Komponist, Sänger und Lautenist u.a. bei den Fürsten Medici in Florenz und bei Kardinal Antonio Barberini in Rom in Diensten, bevor er 1642 nach Paris berufen wurde. Dort schrieb er die Musik zu dem von Francesco Buti auf italienisch verfassten Libretto über den antiken Sänger aus Thrakien. Die Uraufführung seines L'Orfeo 1647 im Palais Royal in Paris war ein großer Erfolg, auch weil der Stil der italienischen Oper in Frankreich damals noch völlig unbekannt war und die Spezialeffekte der Bühnentechnik das Publikum faszinierten.
Für die Aufführung in der Saarbrücker Schloßkirche ging Lutz Gillmann, der künstlerische Leiter des Projekts, von der Frage aus, wie eine der damaligen reisenden Opernkompagnien dieses Stück aufgeführt hätten. Gillmann hat nicht nur ausladende Nebenhandlungen gestrichen, sondern auch sämtliche Rollen auf nur neun Sängern (vier Männer, fünf Frauen) verteilt und das Orchester auf zwei Violinen, Violoncello, Blockflöte, Laute, Cembalo und Orgel reduziert. Allen skeptischen Einwänden der historischen Puristen zum Trotz hat das Stück dadurch aber keineswegs an Wirkung verloren. Im Gegenteil, durch diese Konzentration auf die Figur des Orpheus und das Innenleben der beteiligten Personen gelang es, das Überzeitliche des griechischen Mythos abseits allen höfischen Prunkes zu verdeutlichen. Diese Reduktion spiegelte sich auch im Bühnenbild von Alexander Emmert wider. Vier Wände aus Holzrahmen und Zellufanfolie bildeten einen quadratischen Raum mit einer Pforte auf der Vorderseite, davor stand eine Couch und ein Fernsehgerät. Diese symbolisierten den Konflikt zwischen Schein und Realität, zwischen Individualismus und gemeinschaftlichen Zwängen - Themen wie sie im Orpheus-Mythos und seinen zahlreichen Umsetzungen zu finden sind. Für einige Szenen wurden zusätzliche Requisiten von den Darstellern selbst auf die Bühne gebracht, etwa die Hochzeitstafel für die Vermählung von Orpheus und Euridike oder diverse Gartengeräte, deren konzeptionelle Einbindung allerdings nicht klar wurde.
Während außer dem Bühnenbild auch die Kostüme und die Inszenierung von Ralf Peter auf eine äußerliche Historisierung bewusst verzichteten, musizierte das Ensemble pazzacaglia im Sinne der historischen Aufführungspraxis, d.h. mit dem Wissen aus Traktaten, Abbildungen und Briefen der damaligen Zeit. Auch die Gestik der Darsteller orientierte sich an dem, was aus früheren Jahrhunderten überliefert ist. Doch nicht nur die Musiker überzeugten mit ihrer differenzierten, lebendigen und abwechslungsreichen Interpretation der Partitur Rossis, dessen Musik von fein ausgestalteten Rezitativen über gewagte Harmonik in den Trauermusiken bis zu mitreißenden Tänzen alles zu bieten hat, was den damaligen Ruhm der italienischen Musik in ganz Europa begründete. Sämtliche Rollen waren hervorragend besetzt - es gelang durchweg eine glaubhafte Darstellung der Bühnencharaktere durch technisch souveräne und nuancierte Interpretation. Gesundheitliche Beeinträchtigungen bei Fumiko Kato als Euridike wurden durch ihre darstellerische Leistung kompensiert. Schließlich ergänzten sich die Inszenierung von Ralf Peter (gleichzeitig auch in der Rolle des Orpheus) und die Ausstattung von Alexander Emmert so gut, dass durch ihr schlüssiges Konzept und ihr sicheres Gespür für Komik die im Titel genannte Verbindung von Tragik und Komödie deutlich wurde. Es gelang, den Gegensatz zwischen dem Bezug zu unserer heutigen Zeit (etwa bei der Inszenierung oder den Kostümen) und der bewussten Besinnung auf historische Quellen (Ausführung von Musik und Gestik) zu einer Einheit zu bringen und die gerade in unserer Zeit ungebrochene Aktualität des Orpheus-Mythos aufzuzeigen.
FAZIT
Insgesamt also eine äußerst gelungene und auf jeden Fall hörenswerte Interpretation, und vielleicht ergibt sich ja für das Ensemble pazzaCaglia die Möglichkeit, diese Produktion auch an anderen Orten vorzustellen. Es wäre Lutz Gillmann und seinem Ensemble zu wünschen, die mit Erfolg begonnene Arbeit fortzusetzen!
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Lutz Gillmann
Inszenierung
Ralf Peter
Ausstattung
Alexander Emmert
Dramaturgie
Lutz Gillmann / Ralf Peter
Ensemble pazzaCaglia
Solisten
Orfeo
Ralf Peter
Euridice
Fumiko Kato
Aristeo
Claudia Kemmerer
Venere / Apollo / Parche
Angela Lösch
Giunone / Nutrice / Driadi
Geneviève Kaemmerlen
Amore / Proserpina / Gratie
Daniela Schmid
Endimione / Caronte / Giove
Akeo Hasegawa
Satiro / Plutone
Martin Höllenriegel
Momo / Vecchia
Alexander Wendt
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