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Manon Lescaut

Dramma lirico von Giacomo Puccini

Premiere im
Saarländischen Staatstheater Saarbrücken
am 8. September 2001


Homepage des Staatstheaters Saarbrücken
(Homepage)

Echte Helden verstehen keinen Spaß

Von Angela Mense / Photos von Bettina Stöß



Es gibt Helden, die kommen nie zur Ruhe. Auch wenn die Legende ihnen ein sicheres Ende beschert. So auch die Titelheldin von der „Geschichte des Ritters Des Grieux und der Manon Manon Lescaut“ die der Schriftsteller Abbé Prévost im Jahre 1732 zu eben jenem Zweck in die Wüste Kaliforniens schickte. Genützt hat die Verbannung wenig. Ganze fünfzehn Mal tauchte die vor Lebenslust strotzende Manon allein auf europäischen Bühnen wieder auf. Giacomo Puccini, vielleicht der berühmteste ihrer Erweckungskünstler, steht da erst an elfter Stelle. Im 19. Jahrhundert vergeht kein Jahrzehnt, ohne dass eine neue Charakterstudie in Form von Schauspiel, Oper oder Ballett entsteht. Bis ins 20. Jahrhundert und zuletzt 1952 mit Hans Werner Henzes und Grete Weils Oper „Boulevard solitude“ hat Manon Lescaut ihre Fähigkeiten als lyrisch-dramatisches Stehaufmännchen bewiesen.

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Lescaut ganz Ohr: Die Schwester entscheidet sich für die Liebe.

Dabei ist diese Manon nichts anderes als ein leichtes Mädchen aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, die ihre Genusssucht nicht bezähmen kann. Schlimmer noch: Ihr fällt gar nicht ein, dies zu tun und geht daran jämmerlich zugrunde. Was ist an dieser farb- und tugendlosen Gestalt so faszinierend? Oder besser gefragt: Was macht sie so anziehend?

Denn bezirzen tut das junge Mädchen, das eigentlich für das Kloster bestimmt ist, gleich die ersten besten Männer, die ihr über den Weg laufen. So steht sie plötzlich zwischen zwei Verehrern und hat die Qual der Wahl. Der eine, Chevalier Renato Des Grieux, wartet mit echten Gefühlen und dem Charme einer Studentenbude auf. Der andere, Geronte di Ravoir, kann ihr zwar weder Jugend noch Liebe bieten, dafür aber den Luxus des Pariser Salonlebens. Das Kloster steht da längst nicht mehr zur Debatte.

Vergrößerung Das Schicksal hat zugeschlagen: Manons Verbannung

Zwischen Liebe und Luxus zu hadern, ist zwar menschlich. Aber reicht ein solch irdisches Dilemma aus, um eine Charakterfigur in den dramatischen Olymp zu erheben? Vielleicht gibt uns Jean-Claude Auvrays Inszenierung von Puccinis „Manon Lescaut“ darauf eine Antwort. Puccini setzt den Akzent auf die reine Leidenschaft, die bei der Titelheldin sowohl beim Anblick des Geliebten als auch des Goldes gleichermaßen hervorgerufen wird. Erotische Anspielungen werden in der Saarbrücker Inszenierung zum Leitmotiv. So sind die Liebhaber bei ihrem ersten Treffen in rotes Licht getaucht. Rot ist auch die Farbe von Manons Kleid, das sie in den Gemächern des Geronte di Rivoir trägt. Die Frauen, mit denen Manon letzten Endes in die Verbannung geschickt wird, lassen durch ihren sexy Auftritt an ihrem Beruf keinen Zweifel.

Doch Manon wäre nicht Heldin, könnte man sie als gewöhnliches Flittchen hinstellen. Auch wenn ihre Liebe käuflich ist, gespielt ist ihre Leidenschaft nie. Vielleicht macht deswegen die Erotik vor dem Bühnenbild (Andreas Wilkens) halt. Die neoklassizistischen Mauerfragmente spielen weniger auf die Dekadenz des französischen Rokoko als auf den antiken Ehrbegriff an. Manon kann ihre unbedingte Leidenschaft nicht einfach unterdrücken. Sie verkörpert gewissermaßen ihre Tugend, die ihr zum Schicksal wird. Auch in Puccinis Musik findet sich diese Ambivalenz von Erotik und Tugend – dramatische Ausbrüche kontrastieren mit verspielte Orientalismen.

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In der Wüste: Des Grieux begleitet seine Geliebte bis zu deren letztem Atemzug

Der Balanceakt zwischen verspielter Lust und ehrenhaftem Gefühl gelingt allerdings nicht immer. Er teilt die Sänger in Komödianten und dramatische Helden. Die einen glänzen durch schauspielerische Leistung, die anderen durch stimmliche Qualitäten. Mit Sicherheit kann man Algirdas Drevinskas zur ersten Gruppe zählen. Seine Comedia-dell'Arte-Einlagen setzen einen erfrischenden Kontrapunkt zur Ernsthaftigkeit der Thematik. Allein Hiroshi Matsui in der Rolle des Geronte di Ravoir meistert durch souveräne Bühnenpräsenz und sonoren Baß den schmalen Grad zwischen lächerlichem Lustgreis und respekteinflößenden königlichen Beamten.

Barbara Gilbert in der Titelrolle überzeugt mit warmen Timbre, das sie selbst in den leisesten Höhen nicht verläßt. Vielleicht ist gerade diese Perfektion schuld an einer etwas zu einseitigen Interpretation, die zwar das dramatische Element vermittelt, die spielerisch kokette Seite der Heldin jedoch vermissen lässt. Das Saarländische Staatsorchester unter der Leitung von Michel Sasson traf meisterhaft den romantisch-schwelgerischen Ton Puccinis; dafür ließen sowohl technische Präzision als auch die dynamische Abstimmung zwischen Bühne und Orchestergraben einige Wünsche offen.


FAZIT
Eine gut durchdachte Inszenierung, deren Idee allerdings nicht konstant ausgeführt wird. Die Unausgewogenheit wird durch einzelne Glanzleistungen wieder wettgemacht.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Michel Sasson

Inszenierung
Jean-Claude Auvray

Bühne
Andreas Wilkens

Kostüme
Chiara Donato

Choreinstudierung
Andrew Ollivant

Dramaturgie
Matthias Kaiser



Statisterie des
Saarländischen Staatstheaters

Opernchor und Extrachor des
Saarländischen Staatstheaters

Das Saarländische
Staatsorchester


Solisten

* Besetzung der
rezensierten Aufführung


Manon Lescaut
Barbara Gilbert

Lescaut, ihr Bruder
Stefan Heidemann* /
Guido Baehr

Chevalier Des Grieux
Jan Vacik

Geronte di Ravoir
Hiroshi Matsui

Edmondo
Tanzmeister
Laternenanzünder
Algirdas Drevinskas* /
Rupprecht Braun

Wirt / Kapitän
Manfred Bertram

Musiker
Frédérique Sizaret

Sergant
Alto Betz

Friseur
Oliver Werner


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Staatstheater Saarbrücken (Homepage)



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