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Regietheater jenseits von Gut und Böse
Von Sebastian Hanusa
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Fotos von Bettina Stöß
Erwartungsfroh richteten sich die Blicke des kulturinteressierten Saarbrücken auf die Neuinszenierung am Staatstheater: Immerhin führt der als Gastregisseur verpflichtete John Dew einen überregional wohlklingenden Namen und hatte sich sowohl während seiner Intendanz in Bielefeld als auch später in Dortmund als Sachwalter der französischen Oper profiliert.
Aber auch wenn dem Theater die enthusiastische Aufnahme der Premiere zu gönnen ist, lässt gerade dieses fundamental an der Urteilsfähigkeit des Premierenpublikums zweifeln. Was man der Produktion zugestehen muss, ist ihre hervorragende musikalische Qualität, insbesondere in sängerischer Hinsicht. Wenn man jedoch von einigen Ausnahmen absieht, verbreitete die Inszenierung des eigentlich extrem dankbaren Stücks gähnende Langeweile. Dew mag ohnehin eher als Inszenator eindrücklicher Bilder denn als Meister einer nuancenreichen und spannungsgeladenen Personenführung bekannt sein. Während einige sehr schön gestellte Bilder die wenigen Höhepunkte der Inszenierung ausmachten, ist es indes verwunderlich, wie eine Personenführung im Stil simpelster Rampenoper das Publikum zu etwas anderem als gähnender Langeweile inspirieren konnte.
Schon der große Eingangsmonolog Fausts mit dem Wechseln zwischen fundamentaler Verzweiflung und enthusiastisch begrüßtem Hoffnungsschimmer in der Osternacht ließ Böses ahnen: Gary Bennnetts Faust ist als Penner auf der Parkbank inszeniert, was prinzipiell noch nicht schlecht sein muss. Aber wenn sich die szenischen Aktionen im Griff an die Schnapsflasche erschöpfen, während es musikalisch brodelt und tobt, schleicht sich ein erstes Befremden ein. Alsbald merkt man, dass hier kein szenischer Kontrapunkt gesetzt wird, sondern augenscheinlich wenig inszenatorische Inspiration am Werk gewesen sein dürfte. Bennett flüchtet sich hier, wie im gesamten weiteren Verlauf des Stückes, in die Tenor-Standard-Geste "großes Gefühl" (Arme auf!), wenn er nicht ohnehin an der Rampe herumsteht. Ähnliches ließe sich auch von Mephisto und Gretchen sagen: Während ersterer mehr durch ständigen Kostümwechsel denn durch irgend geartete Diabolizität auffiel, musste die mittlerweile fast schon gewohnt überragende Barbara Gilbert als Gretchen in unvorteilhaftem Kostüm als eine Art "Lieschen Müller" auf der Bühne herumstehen.
Wollte man einer deratrigen Interpretation eine inszenatorische Intention zuschreiben, wäre dies eine bewusste Distanznahme zum Nationalheiligtum Faust. Hierfür fehlten jedoch insgesamt erkennbare Motivation wie konsequente Umsetzung. Aus Gretchen das Puttchen von nebenan zu machen, Faust als Penner und die Walpurgisnacht als Heroinexzess darzustellen, ist solange gerechtfertigt, wie sich ein schlüssiges Konzept erkennen lässt. Bei Dew hat man jedoch den Eindruck pseudo-avancierter Kasperei. Noch konzeptloser erscheint die Behandlung des Chores. Sofern dieser nicht ohnehin auf der Bühne herumsteht, schwankt die Perspektive des Regisseurs zwischen altbackenem Naturalismus – die Mannen heben singend die Bierhumpen – und matter Ironie – ab und an laufen fünf Choristen im Gänsemarsch über die Bühne. Der Höhepunkt der Abgestandenheit wird in der Walpurgisnacht erreicht: Das ganze Personal ist aufwendig und sehr phantasievoll im Punker-Look zurechtgemacht, man fröhnt diversen Drogen. Aber außer den drei bekannten Bewegungsklischees wird wenig geboten, bevor gegen Höhepunkt der Szene die Damen und Herren des Chores in konzentrischen Kreisen die Bühne bejoggen dürfen. Man ist versucht klassisch konservativ zu fragen: "Was will der Regisseur uns überhaupt sagen?" Es steht zu befürchten, dass man mit "nichts" antworten müsste und dies leider nicht in einem emphatisch postmodernen, sondern in einem resigniert ratlosen Tonfall. Übertroffen wird das ganze nur noch durch einige debil-neckische Details, die endgültig an der Seriosität der Inszenierung zweifeln lassen. Exemplarisch wäre der kindische und in keiner Weise aus dem Stück motivierte Einfall zu nennen, Faust auf einem Kick-Board (Tretroller!) auftreten zu lassen.
Um nicht ungerecht zu erscheinen: Einige wenige Höhepunkte sind durchaus zu bemerken, bezeichnenderweise jeweils dann, wenn das Stück wenige Personen und noch weniger Aktion auf der Bühne verlangt. Hier gelangt es Dew in Einklang mit dem Bühnenbild von Thomas Gruber, bestechende und ob ihrer Präsenz - und nicht ob ihrer szenischen Funktion - eindrückliche Bilder zu stellen. Der Erfolg der Produktion indes kann sich eigentlich nur aus der übergroßen Liebe des Publikums zum Rampentheater der Vorkriegsjahre und aus der bemerkenswerten musikalischen Qualität erklären. An erster Stelle wäre die wieder einmal überragende Barbara Gilbert zu nennen, die mit einer faszinierenden Bandbreite dynamischer und klangfarblicher Nuancen und einer wie selbstverständlich wirkenden Technik das insgesamt sehr gut disponierte Ensemble in den Schatten stellte. Gary Bennett bot an ihrer Seite eine ebenfalls überzeugende Vorstellung und fiel lediglich hinsichtlich einer etwas statischen, wenig flexiblen Interpretation und insbesondere mit seinem sperrigen und weitestgehend nasalfreien Französisch etwas ab. Patrick Simper als Mephisto kam stimmlich wie szenisch wenig zur Entfaltung, wobei zu großen Teilen ein Mangel der Regie verantwortlich zu machen wäre. Während das Ensemble auch in den kleineren Rollen sehr gut besetzt war, sorgte Guido Baehr als Valentin für ein weiteres Glanzlicht des Abends. Insgesamt szenisch schon sehr präsent, war es die Szene von Valentins Tod, die hinsichtlich musikalischer wie darstellerischer Intensität aus dem dekorativen Einheitsbrei positiv herausfiel. Dies ist weitestgehend Guido Baehr zu verdanken. Ein weiteres Lob sei dem Chor gewidmet. Wenn seine szenische Bilanz auch eher mager ausfällt, hat der Opernchor, auch, wenn er um den immerhin aus Laien zusammengesezten Extrachor erweitert ist, im überregionalen Vergleich wenig Konkurrenz zu scheuen. Stimmlich gut disponiert, ist eine für einen Opernchor erstaunliche Bandbreite zwischen saubersten a capella-Passagen im Pianissimo und einem präzise vorgebrachten, fast martialischen Soldatenchor möglich. Ebenfalls zufriedenstellend war die Leistung des Saarländischen Staatsorchesters, dem in der Vergangenheit leider nicht zu Unrecht der Ruf des Musikbeamtentums nachgesagt wurde. Unter der Leitung des als Gast engagierten Neil Varon präsentierte das Orchester eine unter sämtlicher Aspekten ordentliche Leistung, begleitete die Sänger mal mit einer gewissen selbstsicheren Zurückhaltung mal mit großer, expressiver Geste.
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ProduktionsteamMusikalische LeitungNeil Varon
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Choreinstudierung
Dramaturgie
Regieassistenz und Abendspielleitung
Solisten*Besetzung der rezensierten AufführungFaust Gary Bennett
Méphistotélès
Valentin
Wagner
Marguerite
Siébel
Marthe
Ein Mädchen
Hye-Sil Yoon
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- Fine -