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Die glückliche Hand

Drama mit Musik von Arnold Schönberg op. 18

Lieder eines fahrenden Gesellen

Text und Musik von Gustav Mahler
Transkription von Arnold Schönberg

Erwartung

Monodram in einem Akt op. 17 von Arnold Schönberg
Text von Marie von Pappenheim

Premiere im Saarländischen Staatstheater Saarbrücken am 14. Oktober 2001



Homepage des Staatstheaters Saarbrücken
(Homepage)

Höhepunkt durch Schönberg-Premiere

Von Sebastian Hanusa / Fotos von Bettina Stöß



Eine Woche lang war Saarbrücken das Zentrum der Schönberg-Welt. Anlässlich Schönbergs 50. Todestag fanden in Kooperation von Musikhochschule, Funk, Universität und Staatstheater ein musikwissenschatliches Symposion und die "Tage für Interpretation und Aufführungspraxis" statt. Während neben "Hauskräften" wie Stefan Litwin und Yaron Windmüller unter anderem Bruno Canino und Gustav Rivinius für die Interpretations-Workshops geladen waren, referierten auf dem Symposion neben anderen Heinz-Klaus Metzger und Rainer Riehn. Zudem war Nuria Schönberg-Nono anwesend, ein längeres Interview mit ihr wurde live im Rundfunk übertragen.

Als Abschluss der Schönberg-Veranstaltungen hatte eine Produktion des Staatstheaters Premiere, welche die beiden Monodramen Erwartung und Die glückliche Hand mit der Bearbeitung für Kammerbesetzung der Lieder eines fahrenden Gesellen kombinierte, welche Schönberg 1920 für den Verein für musikalische Privataufführungen angefertigt hatte. Es drängt sich auf, nach Heinz-Klaus Metzgers Vortrag auf dem Symposion die Frage zu stellen, inwieweit Schönberg mittlerweile im Musikleben sein kritisches Potenzial eingebüßt habe und zu einem leicht kommensurabelen Kultur-Konsumgut geworden sei, und ob dies nicht erst die szenische Saarbrücker Erstaufführung der beiden Monodramen ermöglicht habe. Festzustellen ist, dass ein großer Teil des landeshauptstädlichen Premierenpublikums seinen Frieden mit den Werken gemacht zu haben scheint, teilweise sich sogar zu Begeisterungsstürmen hinreißen ließ. Nach 80 Jahren kann nun auch ein breiteres Publikum sich der Eindrücklichkeit der Schönbergschen Musiksprache nicht mehr entziehen, besonders da es einer weitestgehend gelungenen Aufführung beiwohnen durfte. Inwiefern hier aber ein Fall vom "Altern Neuer Musik" vorliegt bzw. sich die Schemata eines delektierenden Klangkonsums gewandelt haben, oder aber eine kritische Hörhaltung verstärkt zum Zuge kommt, sei dahingestellt.

Vergrößerung Beeindruckende Bilder bestimmten die Glückliche Hand...

Der Interpretation von Markus R. Bosch am Pult des Saarländischen Staatsorchesters könnte man ein wenig ersteres Vorwerfen. Schönbergs Musik erklang präzise und durchsichtig, und der Dirigent erzeugte eine sehr gute dynamische Balance zwischen Orchestergraben und Bühne, die die Sänger selten zudeckte und in das klangliche Gesamtergebnis homogen integrierte. Nur vermißte man bei aller Durchhörbarkeit den eminenten Farbenreichtum der Partituren ein wenig - nicht in dem Sinne, dass etwas technisch gefehlt hätte, eher auf der Ebene einer interpretatorischen Sensibilität für das durchgestaltete Detail. Selbiges wäre auch über Phrasierung und Tempowahl zu sagen. Nicht nur in den beiden Schönberg-Stücken, sondern auch in dem "leichtgängigeren" Mahler-Liedern fehlte jenes Moment letzter Anspannung, welches das utopische Potenzial der Musik vollends zum Erklingen gebracht hätte. Aber vielleicht heißt es hier auch zu viel verlangen - auch für ein A-Orchester sind die Anforderungen gerade der schönbergschen Partituren enorm hoch. Statt dessen sollte man festhalten, dass der Abend als ein absolutes Glanzlicht des Saarländischen Staatsorchesters bezeichnet werden muss. Zudem muss man zugestehen, daß Schönberg - und auch Mahler - insofern noch nicht "Klassiker" geworden sind, als auch gelungene Interpetationen immer noch Anstoß für Diskussionen geben. Sofern spräche Kritik auch weniger gegen die Interpreten als mehr für die Stücke und indirekt für den Mut der Verantwortlichen, derartige Stücke zu spielen. Es gibt auch bequemere Wege.

Auch die Inszenierung von Matthias Kaiser muß sich einer derartigen Kritik unterwerfen, zunächst jedoch viel Lob: Die Ergänzung der beiden Schönberg-Monodramen durch die "Lieder eine fahrenden Gesellen" ist in doppelter Hinsicht ein Glücksgriff. Musikalisch bemerkenswert ist die Bearbeitung für Kammerorchester. Schönberg gelingt es, den Farbenreichtum des Orchesters zu übernehmen - besonders durch differenzierten Einsatz von Klavier und Harmonium - und gleichzeitig die bei Mahler schon gegebene Intimität des Satzes zu akzentuieren. Die Reduktion von Volumen und einigen Klangfarben erzeugt eine große persönliche Nähe zwischen Komponist und Zuhörer. Durch die szenische Realisierung der Lieder erscheinen diese fast als zwangsläufige Vorgänger der beiden anderen Stücke. Dies betrifft die formale Reduktion des Dramas auf eine Person und die hierdurch ermöglichte Überblendung von innerem Erleben und Welterfahrung ebenso wie eine hieran anschließende Wendung der Perspektive vom höchst Individuellen zu einer fast objektiven Allgemeinheit. Die ausschließliche Konzentration auf eine Person erfordert keine Charakterisierung in der Außenwelt mehr, das seinem individuellen Außen entkleidete Ich wird zur Typologie möglicher Seelenbeben, zum anonymen Wanderer, zum ausgetrieben und zurückgewiesenen "Mann", zur irrenden "Frau". Diese charakteristischen Wendung vom Monolog der "Erwartung" zum fast wortlosen, aber um so symbollastigerem Spiel der Glücklichen Hand scheint die monologisierende Lyrik der Gesellen-Lieder fast organisch voraus zu gehen.

Vergrößerung ... und die Lieder eines fahrenden Gesellen.

Während das Bühnenbild diesem verbindenden Aspekt zwischen Glücklicher Hand und Gesellen-Liedern nachgeht, entsteht zur Erwartung ein Bruch. In den beiden ersten Stücken basiert die Szenerie auf einem Kubus, der sich wiederum aus würfelförmigen Metallrahmen zusammensetzt. Während dieser in ersterem Fall allmählich zusammengesetzt wird und letztlich die Funktion des erdrückenden Fabeltiers übernimmt, welches den Mann zum Schluss überfällt, bildet der nunmehr geschlossene Kubus das von innen warm beleuchtete Behältnis für das Kammerorchester, welches als Fremdkörper allmählich den kalten Bühnenraum quert. In der Erwartung wird das Konzept leider nicht eingelöst, statt des Kubus wird die Szenerie nun von einem hohlen Wändegeviert gebildet. Dieses deutet das verlassene Haus/das verflossene Glück der Frau an - leider wird so der optische Bezugsrahmen gebrochen. Da hilft auch das schon von Mahler bekannte, rote Tau nicht mehr viel.

Während sich Kaiser in Erwartung und Mahler-Liedern den Stücken gemäß ganz auf die zentrale Person konzentriert und hier ein inneres Erleben in seiner naturalistischen Gestalt inszeniert, hat das Geschehen der Glücklichen Hand mehr bewegungs-skulpturale Qualität. Der symbolische Gestenkatalog der Handlung um den mit genialer Schaffenskraft begabten Mann, der sozial und in der Liebe scheitert, ist durch die Abstraktheit des Bühnenbildes nahezu nicht mehr entschlüsselbar. Dafür gewinnt das Bewegungsmoment als solches an Bedeutung, gleichsam die schon bei Schönberg vorgenommene Aufladung des Geschehens mit einer Farbenmetaphorik, die in engster Verwandschaft zu Kandinskys synästhetischer Kunstvorstellung der Jahre um 1910 steht. Gerade über die Farblichkeit, die Beleuchtung gelingt Kaiser hier eine Synthese zu schaffen, die das abstrakte Bühnenbild und das formalisierte Geschehen zu einem eindrücklichen Gesamteindruck verschweißt. Aus diesem Blickwinkel betrachtet ist es unwichtig, dass die Handlung in ihrer linearen Struktur nicht immer nachvollziehbar bleibt; das Narrative tritt hinter einer abstrakten und zudem im Detail beziehungsreichen Struktur zurück.

Vergrößerung Die Erwartung war ganz auf Gwyneth Jones konzentriert.

Als Kontradiktio hierzu die Forderung nach mehr Textverständlichkeit beim Chor - soviel zum Konservativismus eines Musikkritikers. Oder auch nur als Überleitung zu der hervorragenden Textverständlichkeit bei Guido Baehr in seinen Mahler-Liedern. Sowohl darstellerisch als auch stimmlich die vier szenischen Miniaturen der Vereinsamung ausfüllend, ist seine klare und präzise Diktion eine besondere Freude. Während man sich die eine oder andere Klangfarbe mehr noch wünscht und etwas mehr Volumen in der Höhe herbeisehnt, überzeugt Baehr mit der unprätenziösen Klarheit seines Timbres und einer gestochen scharfen Stimmführung. Während das Sängerische in der Glücklichen Hand hinter dem Total aus Farbe, Tanz, Licht und Bewegung zurückgetreten ist, konzentriert sich in der Erwartung alles auf die Person der Frau, an diesem Abend auf Gwyneth Jones. Über 70jährig ist Frau Jones immer noch in der Lage, die anspruchsvolle Partie nicht nur auszufüllen, sondern auch in der hohen Lage mit einem erheblichen Tonvolumen zu überzeugen. Man hört natürlich die Stimme einer alten Frau, nicht mehr so beweglich und geschmeidig wie bei einer jüngeren. Aber Gwyneth Jones strahlt alles Dramatik und Stärke, die sie stimmlich noch mühelos besitzt, auch in ihrer szenischen Präsenz aus. Der schmerzhafte Schock einer panischen Angst inkorporiert sich glaubhaft über die 30 Minuten des Monodrams. Hinter dieser Präsenz tritt auch die Regie zurück, produziert eine bespielbare Leere, einen Raum für die Sängerin und ihre Rolle.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Markus R. Bosch

Inszenierung
Matthias Kaiser

Bühne
Walther Jahrreiss

Kostüme
Angela C. Schuett

Choreinstudierung
Andrew Ollivant

Dramaturgie
Alexander Jansen

Regieassistenz und Abendspielleitung
Annette Radenheimer



Das Saarländische Staatsorchester


Solisten

Die glückliche Hand

Ein Mann
Patrick Simper

Ein Weib
Nina Burri

Ein Herr
Gaetano Franzese

Sechs Frauen
Sabine von Blohm/
Christine Maschler
Crenguta Aukle
Sylvia Didam
Barbara Dunkel
Jolanta Meller
Hye-Sil Yoon

Sechs Männer
Terence Vanden Berg
Johannes Bisenius
Da Cheng
Antoniy Ganev
Harald Häusle
Stefan Röttig

Lieder eines fahrenden Gesellen

Ein Fahrender
Guido Baehr

Erwartung:

Eine Frau
Gwyneth Jones

Er
Gaetano Franzese


Weitere Informationen
Staatstheater Saarbrücken
(Homepage)




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