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Paradise Lost
(Das verlorene Paradies)


Rappresentazione in zwei Aufzügen
Libretto von Christopher Fry nach John Milton
Musik von Krzystof Penderecki

Aufführungsdauer: ca. 3h (eine Pause)

Premiere im Großen Haus der Städtischen Bühnen Münster am 6.10.2001



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Städtische Bühnen Münster
(Homepage)

Die Suche nach dem (musikalischen) Sinn




Von Stefan Schmöe / Fotos von Michael Hörnschemeyer



Erfolg macht verdächtig. Das gilt jedenfalls für zeitgenössische Musik: Krzysztof Penderecki hat es wie kaum ein anderer verstanden, seine Musik in den Konzertprogrammen zu verankern, und die Kritik der Avantgarde ist nicht ausgeblieben. Es ist müßig, heute über das Verhältnis des effektsicheren und undogmatischen Penderecki zu den Serialisten zu sinnieren. Vieles, was heute (gerade im Musiktheater an kleineren Häusern) als Uraufführung angeboten wird, biedert sich der Tonalität jedenfalls weitaus stärker an die Musik von Paradise Lost. Was bei dieser Musik aber unangenehm auffällt, ist der inflationäre Gebrauch erfolgserprobter Mittel. Das betrifft zunächst die Besetzung: Mit riesiger Chorbesetzung (Kinderchor inbegriffen), dazu Sprecher, etliche Solisten und natürlich dem großen Orchesterapparat macht Penderecki bereits vor dem allerersten Ton deutlich, dass es sich um ein sehr wichtiges Werk handelt. Musikalisch indes ist die Besetzung nicht gerechtfertigt; fast absurd ist z.B. die Verwendung des Kinderchores, der wohl in erster Linie den „Ach-wie-niedlich“-Effekt verfolgt (und die geistige Nähe zur Matthäuspassion verdeutlichen soll?), der aber kompositorisch nicht legitimiert wird. Darüber hinaus scheint das Werk oft der Maxime „viel Lärm, viel Sinn“ zu gehorchen: Massive Klangballungen am Ende etlicher Szenen täuschen Bedeutung vor, wo die soundsovielste Wiederholung längst bekannter Modelle nur noch langweilt.

Szenenfoto Hinten (von links): Zephon Nathalie de Montmollin), Gabriel (Mario Brell) und Ithuriel (Reiner Beinghaus), vorne: Satan (Stefan Adam)

Penderecki hat Paradise Lost nicht als Oper, sondern als „Rappresentazione“ bezeichnet und greift damit auf eine sehr alte Tradition auf. Von Antonio de Cavalieri ist eine „Rappresentazione die Anima e di Corpo“ aus dem Jahr 1600 erhalten, ein geistliches Spiel mit allerhand allegorischen Figuren. In dieser Gattungsbezeichnung spiegelt sich der wesentliche Schwachpunkt des Werkes wider: Paradise Lost entwickelt keinerlei dramatisches Eigenleben, sondern der Komponist „überzog ... sogar die Oper mit jenem immer schwerfälliger gewordenen Oratorien-Pathos“, wie Ulrich Dibelius treffend bemerkte. Erzählt wird die Geschichte vom Sündenfall, indem sich ein Stellvertreterkrieg zwischen Gott und Satan widerspiegelt. Die Handlung ist in etliche Einzelszenen zerlegt, die keinen großen, das Ganze zusammenhaltenden Spannungsbogen erkennen lassen. Es wird aber auch nie deutlich, was Penderecki eigentlich an dem Thema kompositorisch interessiert. Der altehrwürdige Stoff (Vorlage ist John Miltons opulentes Epos „Paradise Lost“ aus dem Jahr 1667) und natürlich die darin enthaltene Theologie müssen schon für sich sprechen und werden quasi mit Musik untermalt – ein gigantischer Bibel-Videoclip sozusagen. Das Pathos erstickt letztendlich die Frage nach dem Sinn.

Szenenfoto Adam (Radoslaw Wielgus) und Eva (Birgit Beckherrn)

Nach dem Sinn sucht auch ein junger Mann auf der Bühne: Den greisen John Milton (eine Sprechrolle), den das Libretto hier vorsieht, ersetzt Regisseur Peter Beat Wyrsch durch einen jungen Mann, der mit Taschenlampe im leeren Raum herumirrt und auf ein Buch stößt - offensichtlich Miltons "Paradise Lost", und das setzt die Handlung in Gang. Ansonsten bemüht sich die Inszenierung weitgehend um recht strenge Werktreue. Wyrsch unterstreicht den Zwittercharakter zwischen Oper und Oratorium, indem er den Chor einerseits ganz oratorisch in einem schwarzen Kasten platziert, andererseits aber immer wieder daraus hervor auf die Bühne holt – ohne das die grau gekleideten Choristen eine konkrete „Rolle“ einnehmen würden. Alle szenischen Vorgänge werden mehr angedeutet als ausgespielt. Als Requisiten dienen häufig Leiterwagen; auf einem etwa wächst der (später verdorrte) Baum der Erkenntnis – Anklänge an Prozessionswagen und an Passionsspiele (und darin auch ein Verweis auf die Tradition). Diese Konzeption greift klug die Konzeption Pendereckis auf, und zumindest stellenweise gelingen dem Regieteam (Bühne: Gralf-Edzard Habben, Kostüme: Renate Schmitzer) eindrucksvolle Bildlösungen. Wyrsch verzichtet auf eine eindeutige Aktualisierung, wichtiger ist ihm der zeitlose Charakter der Vorgänge in ihrem mythischen Gehalt. In der Summe aber unterstreicht das Konzept (und deshalb wird diese Werktreue zum Problem) die Schwächen des Stückes. Deutlich wird das beispielsweise in der vorletzten Szene: Zu einem groß angelegten „Dies irae“ haben Adam und Eva Visionen von Krieg und Mord. Dargestellt wird dies durch einige Stuntmen, die sich gegenseitig wiederholt zu Tode prügeln. Diese ständigen Wiederholungen aber haben etwas quälend Ermüdendes, und zwar nicht in einem irgendwie pädagogischen Sinn, sondern die künstlerische Idee ist schnell durchschaut (so sehr originell ist die Verwendung des „Dies irae“ ja nun auch nicht), und das Stück tritt auf der Stelle.

Szenenfoto von links: Ithuriel (Reiner Beinghaus), Satan (Stefan Adam) und Zephon (Nathalie de Montmollin), daneben der Chor

Ganz hervorragend ist allerdings die musikalische Umsetzung in Münster gelungen. Das betrifft in besonderem Maße die viel beschäftigten Chöre; aber mit Radoslaw Wielgus (Adam) Birgit Beckherrn (Eva) und Stefan Adam (Satan) sind die Hauptrollen exzellent besetzt, aber auch die zahlreichen Nebenrollen lassen kaum einen Wunsch offen. Allein die Textverständlichkeit könnte stellenweise besser sein. Vielleicht hätte das Orchester in den Fortissimo-Stellen noch plastischer klingen können, ansonsten ist auch der instrumentale Part bravourös bewältigt. Will Humburg hielt den riesigen Apparat scheinbar mühelos zusammen. Für ein Stadttheater kann diese Meisterleistung kaum hoch genug eingeschätzt werden.

Szenenfoto Adam (Radoslaw Wielgus), der Sinn suchende Milton (Thomas Wenzel) und Eva (Birgit Beckherrn), darüber der Messias (Auke Kempkes)

Vielleicht wäre Paradise Lost lebensfähiger, wenn sich die Regie dem Werk entgegenstellen würde, wenn sie frecher und spielerischer mit dem Stoff umginge. Vermutlich aber hat Paradise Lost - wenn überhaupt – nur im Konzertsaal, als reines Oratorium dargeboten, Überlebenschancen. Die Zweifel an der künstlerischen Substanz jedenfalls kann diese äußerst ambitionierte Produktion, bei allem Respekt vor der großen Leistung des Münsteraner Theaters, nicht ausräumen.






FAZIT
Trotz großartiger musikalischer Leistung wird der (musikalische) Sinn nicht gefunden. Das nährt den Verdacht gegen Penderecki aufs Neue: Die mäßige Substanz von Paradise Lost hinterlässt einen faden Nachgeschmack.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Will Humburg

Regie
Peter Beat Wyrsch

Bühnenbild
Gralf-Edzard Habben

Kostüme
Renate Schmitzer

Chorleitung
Peter Heinrich

Dramaturgie
André Meyer



Symphonieorchester der
Stadt Münster
Chor und Extrachor der
Städtischen Bühnen Münster



Solisten

Milton
Thomas Wenzel

Adam
Radoslaw Wielgus

Eva
Birgit Beckherrn

Satan
Stefan Adam

Beelzebub / Gabriel
Mario Brell

Moloch / Messias
Auke Kempkes

Belial
Mark Bowman-Hester

Mammon
Donald Rutherford

Tod / Raphael / Ithuriel
Reiner Beinghaus

Sünde
Heike Grötzinger

Zephon
Nathalie de Montmollin

Michael
Attila Wendler

Stimme Gottes
Jürgen Wink / Frank Göbel







Weitere Informationen
erhalten Sie von den
Städtischen Bühnen Münster
(Homepage)






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