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Der feurige Engel

Oper in fünf Akten
von Sergej Prokofjew
Text vom Komponisten nach dem gleichnamigen Roman von Valery Brjussow

in deutscher Sprache
Aufführungsdauer: ca. 2h 30' (eine Pause)

Premiere im Großen Haus der Städtischen Bühnen Münster am 09.02.2002


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Städtische Bühnen Münster
(Homepage)

Sinnsuche mit dem Campingkocher

Von Stefan Schmöe / Fotos von Michael Hörnschemeyer


In Münster, der Stadt der Wiedertäufer, haben Glaubensfragen historisch einen besonderen Stellenwert. Das Theater hat das Thema „Glauben“ sinnfällig zum programmatischen Motto der laufenden Spielzeit erhoben. Nach Pendereckis Schöpfungsmysterium Paradise Lost, zu Saisonbeginn vor allem musikalisch beeindruckend realisiert, bildet Prokofjews Feuriger Engel die zweite wichtige Säule in dieser Konzeption – und es ist für ein eher kleines Theater wie in Münster eine kaum hoch genug anzurechnende Leistung, gleich zwei so sperrige Werke des 20. Jahrhunderts in einer Saison zu meistern.


Szenenfoto Begegnung im Gasthaus: Der zu Beginn noch recht bodenständige Söldner Ruprecht trifft die von Visionen besessene Renata ...

Die Querbezüge zwischen beiden Werken sind in erster Linie musikalischer Natur. Beide Komponisten untermauern die durchaus pathetische Ernsthaftigkeit ihrer Werke durch einen riesigen musikalischen Apparat; und beide Partituren suchen keinen unmittelbar opernhaften Zugang zu ihrem Sujet – ist Pendereckis Werk statisch-oratorisch angelegt, soist Der feurige Engel stark symphonisch geprägt, wobei die Singstimmen sich oft als zusätzliche Klangfarbe in den vom Orchester dominierten Satz einfügen. Der Dualismus von relativ schlichten tonalen Modellen in tiefer (Posaunen-)Lage und atemlos pulsierenden hohen Streichern tragen hier den Widerstreit zwischen Realität und Glaubenswahn mehr musikalisch als inhaltlich aus. Bezogen auf die Handlung zeigen die Werke konträre Ansätze. Pendereckis Engel entspringen der christlichen Vorstellung, Prokofjews Engel ist ein Symbol für Irrglauben und die Projektion anderer, vornehmlich sexueller Gefühle auf eine der Mystik entnommenen Gestalt.


Szenenfoto ... die ihn in einen Abgrund aud Mystik und Okkultismus zieht. Rätselhaft bleibt allerdings auch die Drehtür, die Renata hier anstarrt ...

In Prokofjews Oper geht es um eine Frau, die in ihrer Kindheit die Vision eines Engels hatte, in den sie sich verliebt und dessen irdische Verkörperung sie seitdem sucht. Man kann das 1922-25 komponierte Werk sehr vielschichtig interpretieren, mag in dem Engel eine politische oder sexuelle Wahnvorstellung sehen - die Regie ist hier gefordert, Stellung zu beziehen in einem recht offenen Beziehungsgefüge. Inhaltlich schwierig ist die Oper aber auch durch die gegen Ende hin verstärkt auftretenden surrealen Elemente, die Prokofjew (der das Libretto nach einem Roman von Valeri Brjussow selbst verfasste) etwas holprig und vom Handlungsablauf eher ablenkend konstruiert hat. Mit der fast permanent aufgepeitschten Musik ist Prokofjews Konzeption in ihrem hektischen Ablauf überspannt – Ruhelosigkeit wird hier zum Prinzip erhoben, ist aber auf Dauer auch leicht ermüdend.

Ein klares und ruhiges Bühnenbild könnte hier einen wohl tuenden Gegenpunkt setzen. In der Regie von Peter Beat Wyrsch ist das nur im ersten (aber immerhin längsten) der fünf Akte der Fall, der in einem kleinen gelben Guckkasten (das Zimmer eines Gasthauses darstellend), deutlich gegen den schwarzen Vorhang abgesetzt, spielt. Die Personenführung schwankt leider bereits hier, ein Schwachpunkt der gesamten Inszenierung, ziemlich unentschlossen zwischen Stilisierung und einem recht unbeholfenen Realismus. Danach nutzt Wyrsch durchweg die komplette Bühne, wodurch die Stellung des ersten Aktes als eine Art Prolog pointiert wird. Inhaltlich kann man das rechtfertigen, aber der Wechsel der Ästhetik ist ein krasser Bruch.


Szenenfoto ... und auch die Schienen in der Bühnenmitte dienen vornehmlich dazu, das Bühnenpersonal ins Stolpern zu bringen. Ruprecht liegt allerdings nicht deshalb benommen da, sondern weil Renata ihn in ein dubioses Duell geschickt hat - mit dem Auftrag zu unterliegen ...

Wyrsch möchte offenbar alle Ebenen des Stückes zeigen, den Gegenwartsbezug des im 16. Jahrhundert angesiedelten Stückes nicht zu vergessen: So verweist ein mit Aktenordnern gefülltes Regal auf ein sehr ordentliches und akribisches Vorgehen von Renata und ihrem Begleiter Ruprecht auf der Suche nach dem Engel, und sie kochen ihr okkultes Süppchen auf dem jedem Campingfreund bekannten blauen Gaskocher. Abgesehen von so unfreiwillig komischen Elementen ist die Inszenierung visuell wie gedanklich deutlich überfrachtet. Die Vielzahl der Bilder und Symbole sind nicht zu erfassen. Man ahnt, dass hinter jedem Requisit eine Idee steht, aber nichts davon wird wirklich greifbar. Die Aufweitung des Blickwinkels führt vor allem dazu, dass die Inszenierung ihr eigentliches Therma verliert: Man kann sich so ziemlich alles hineindenken, und irgendwo liefert Wyrsch den passsenden Hinweis dazu. Die Regie scheitert an einem Zuviel an Ideen. Gleichzeitig geht auch die ästhetische Wirkung der im Detail ausdrucksvollen, in der Summe aber ebenfalls überladenen Bühnenbilder verloren.

Vollends unglücklich ist der Schlussakt, wo Renata, inzwischen in ein Kloster eingetreten, von der Inquisition auf den Scheiterhaufen geschickt wird. Der Chor der Nonnen schaukelt (nicht nur des närrischen Premierentermins wegen assoziiert man leicht: schunkelt) leicht hin und her, reißt sich die ohnehin ziemlich übertriebenen Kostüme bald vom Leib, um unter sittenstrenger Nonnenkluft erotisch rote Hemdchen zu offenbaren, und zur farbenfrohen Verbrennung klappt ein riesiges Kreuz aus der Wand: Karneval in Westfalen.


Szenenfoto ... was den Inquisitor auf den Plan ruft, der ein farbenfrohes Kostümfest mit lustiger Verbrennung veranstaltet. Helau!

Grandios ist im Gegensatz zum Bühnengeschehen die musikalische Umsetzung. Dirigent Will Humburg treibt das Orchester zu höchster Intensität, und trotzdem deckt er nie die Sänger zu. Die Balance – auch mit dem ausgezeichneten Chor (Einstudierung: Peter Heinrich) – ist stets sorgfältig abgestimmt. Mit Ruth-Maria Nicolay, leider in abenteuerlich unansehnliche Kostüme gezwängt, ist die Riesenrolle der Renata bestens besetzt. Die Sängerin versteht es, die Partie äußerst kantabel zu gestalten, und doch eine Spur von Hysterie beizumischen. Stefan Adam (Ruprecht) behauptet sich in seinem umfangreichen, aber musikalisch weniger interessanten Part souverän. Ein Kabinettstückchen liefert Mario Brell mit seinem scharfen, sehr markanten und überlegen eingesetzten Tenor in den Rollen des Gelehrten Agrippina und des Mephistopheles. Durchweg ordentlich sind auch die kleineren Rollen besetzt. Insgesamt liefert das Ensemble ein starkes Plädoyer für Prokofjews Oper. Ein Jammer, das der Regisseur nicht den Mut hatte, stärker diese Musik für sich selbst sprechen zu lassen.


FAZIT

Operncrash der besonderen Art: Eine Musik von höchster Intensität und eine überfrachtete und ästhetisch misslungene Inszenierung rasen frontal aufeinander zu – dazwischen sitzt reizüberflutet das Publikum, dem Hören und Sehen vergeht. Nichts für ruhebedürftige Melancholiker.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Will Humburg

Inszenierung
Peter Beat Wyrsch

Bühnenbild
Dieter Richter

Kostüme
Renate Schmitzer
Silke Schneider

Dramaturgie
André Meyer

Choreinstudierung
Peter Heinrich



Symphonieorchester der
Stadt Münster

Opernchor und Statisterie der
Städtischen Bühnen Münster
Damen des Extrachores der
Städtischen Bühnen Münster


Solisten

* Besetzung der besprochenen Aufführung

Ruprecht
Stefan Adam

Renata
Ruth-Maria Nicolay

Wirtin
2. Nonne
Heike Grötzinger

Jakob Glock
Arzt
Mark Bowman-Hester

Agrippa
Mephistopheles
Mario Brell

Graf Heinrich (Madiel)
Faust
Inquisitor
Auke Kempkes

Wahrsagerin
Äbtissin
Suzanne McLeod

Knecht/Matthias Wissmann
Wirt
Donald Rutherford

1. Nonne
Stephanie Kühne

u.v.a.



Weitere Informationen
erhalten Sie von den
Städtischen Bühnen Münster
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