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Musiktheater
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Eugen Onegin

Lyrische Szenen in drei Akten nach Alexander S. Puschkin
Libretto von Peter I. Tschaikowsky und Konstantin Schilowsky
Deutsch von Wolf Ebermann und Manfred Koerth
Musik von Peter I. Tschaikowsky


In deutscher Sprache

Aufführungsdauer: ca. 2h 45' (eine Pause)

Premiere im Theater Mönchengladbach am 15. Juni 2002


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Theater Krefeld-Mönchengladbach
(Homepage)
Große Gefühle in starken Bildern

Von Thomas Tillmann / Fotos von Matthias Stutte



Marscha Pörzgen nimmt Tschaikowskys Vorstellungen ernst, der eben keine rasante, verwickelte, den Gesetzen traditioneller Operndramaturgie folgende Geschichte erzählen wollte, sondern sich in enger Anlehnung an Puschkins Vorlage für die inneren Zustände seiner Figuren interessierte, und so verzichtet sie im Verbund mit Ausstatter Andreas Jander auch auf die historische Fixierung in der Mitte des 19. Jahrhunderts oder auf eine vordergründige Aktualisierung, sondern inszeniert das Werk als dichte Kammeroper in einem gleichsam der Zeit enthobenen Raum, einem Museum mit wechselnden Exponaten und einer tischartigen, schräg im Raum stehenden Spielfläche in der Mitte, auf der sich meistens auch die wenigen sinnstiftenden Requisiten befinden. Die ausweglose Selbstbefangenheit der Liebenden wird durch ein Gitter abgestorbener Birkenstämme illustriert, das die Bühne zu einer Art Seelengefängnis werden lassen (folgerichtig versucht sich Tatjana in der Briefszene daraus zu befreien), das mit seinen in zahllose opulente, wirklich hinreißende Biedermeier-Roben gewandeten "Insassen" und dank des viel Atmosphäre schaffenden Lichts (ein Sonderkompliment an Beleuchtungsmeister Konrad Drechsel und sein Team) beinahe selbst wie ein Gemälde wirkt. Viele sensible Details - etwa die Idee, Tatjana ihren Brief an Onegin nicht nur aufs Papier, sondern in die Luft schreiben zu lassen, die Chorsängerinnen danach als Doubles der empfindsamen Tochter Larinas auf die Bühne zu bringen, die ihre Gesten aufgreifen, was nicht nur die Assoziation auslöste, dass ihre unglückliche Liebe durchaus kein Einzelfall und wahrlich kein heute undenkbares Phänomen ist, sondern auch bei Onegins anschließendem Auftritt den Eindruck erweckte, dass er nicht nur dies eine Herz gebrochen haben dürfte -, die nur sekundenlang sichtbaren Blicke zwischen Tatjana und Lenski, die soviel besser zusammen passen würden, die unerhört einfühlsame Figurenzeichnung machen diesen beglückenden Abend aus und lassen über die seltenen weniger überzeugenden Bilder gern hinwegsehen (ich denke an die Maskierungen während Tatjanas Namenstagsfest oder den etwas unglücklichen nahtlosen Übergang zum dritten Akt, der in seiner morbiden Optik des zerstörten Museums Tatjanas abgestorbene Gefühle für Onegin illustrieren). Einzig die Entscheidung, das Werk in einer (gar nicht schlechten) neuen deutschen Übersetzung zu präsentieren, bleibt diskutabel angesichts eines Ensembles, in dem die Nichtmuttersprachler dominieren (die sich aber erstaunlich tapfer schlugen!), und eines Publikums, das sich inzwischen doch an Übertitel gewöhnt hat.

Vergrößerung Die scheue Tatjana (Elena Nebera, im roten Kleid), die kaum von der Seite ihrer Njanja (Kerstin Pajic-Dahl, darunter) weicht, fühlt sich befremdet durch die ausgelassene Stimmung beim Erntedankfest im Hause ihrer Mutter (Vuokko Kekäläinen, links am Bildrand), das ihrer von Verehrern (Herrenchor) umringten, lebenslustigen Schwester Olga (Carola Guber, im hellblauen Kleid, liegend) so viel Freude macht.

Einmal mehr stellte das Gemeinschaftstheater unter Beweis, über was für ein exzellentes Sängerensemble es verfügt: Christoph Erpenbeck etwa brachte für die Titelpartie nicht nur eine imposante physique du rôle und eine große, "kommunikative" darstellerische Begabung mit, die einen sein Dasein als blasiert-gelangweilter Herzensbrecher sofort abnehmen ließen, sondern auch einen klangschön-edlen, eloquenten, nicht zu kleinen lyrischen Bariton, dem die Flexibilität für den Konversationston vor allem des ersten Teils, für gut gestützte Piano- und mezza-voce-Effekte eignet und auf Erfahrung im Liedgesang schließen lässt, der in allen Lagen mühelos anspricht und auch über die Kraft für dramatischen Ausbrüche gebietet, die aber niemals die vollendete Gesangslinie sprengen. Elena Nebera verfügt über einen vollen, gesunden, trotz seines beeindruckenden Volumens nie "fett" oder matronal klingenden jugendlich-dramatischen Sopran mit viel Kraft und Farbe in der Mittellage und einer völlig mühelos attackierten, strahlenden Höhe, eine Stimme eben, die alle Vorzüge der "slawischen" Schule aufweist und ohne deren Unarten wie ein übermäßiges Vibrato und peinigende Höhenschärfe auskommt - von mir aus hätte die sonst manchmal quälend lange Briefszene drei Stunden dauern können! Auch schauspielerisch erwies sie sich als weniger unterbelichtet als in der Rolle der Maria Stuarda, in der ich sie in Krefeld vor einigen Wochen allerdings stimmlich umwerfend erlebte. Man wünscht der jungen Russin, dass man an ihrem neuen Stammhaus in Dortmund ebenso behutsam mit ihrem vielversprechenden Material umgeht wie am Niederrhein, dass sie von einer verantwortungsvollen Agentur betreut wird, die nicht nur aufs Geld schielt, und dass sie nicht wie so viele andere durch die Übernahme zu vieler und zu schwerer Partien in kürzester Zeit wieder von der Bildfläche verschwindet. Ebenfalls höchstes Niveau hatte daneben Kairschan Scholdybajews mit legatostark-kultiviertem, geschmeidig-zarte Töne voller Schmelz und Seele, effektvolle, aber nie eitle Morendi, aber gleichermaßen auch prächtige Acuti bietenden, herrlich melancholisch gefärbten Tenor gesungener Lenski.

Vergrößerung Der sensible Poet Lenski (Kairschan Scholdybajew) versteht nicht, wie seine Olga so ausgelassen mit seinem Freund Onegin tanzen konnte, den er nun zum Duell erwartet.

Carola Guber machte mit ihrem hellen, frischen Mezzosopran, dem es nur in der Tiefe erheblich an Volumen mangelt, viel aus der für Schwermut nicht zu habenden Olga, Ulrich Schneider war mir darstellerisch ein wenig hemdsärmelig als die Macht der Liebe besingender Fürst Gremin, wusste aber in jeder Sekunde, was er mit seinem reifen, ausladenden, charaktervollen Bass sang, Vuokko Kekäläinen, die ich absolut hinreißend und wie entfesselt als Elisabetta in der bereits erwähnten Repertoirevorstellung von Maria Stuarda bewunderte, brachte viel Stimme und Ausstrahlung für die Larina mit, Kerstin Pajic-Dahl bemühte sich um die Filipjewna, Rainer Roon vermochte aus dem Triquet vokal wie szenisch nicht mehr als einen schrägen Vogel zu machen, und auch in den noch kleineren Partien gab es mehr Schatten als Licht, während der von Heinz Klaus präparierte Hauschor sich in bestechender Fassung präsentierte und die Ensembleszenen zu weiteren Glanzpunkten der Aufführung werden ließ, die auch durch die Tanzeinlagen des Bewegungsensembles bereichert wurde, für die Silvia Behnke ebenso für den sehr aktiven Chor eine nur auf den ersten Blick putzige, durchaus die Handlung kommentierende oder ironische Brechungen aufweisende Choreografie ausgedacht hatte.

Vergrößerung Während Gremin (Ulrich Schneider, links) über die Liebe sinniert, wird Onegin (Christoph Erpenbeck, rechts) klar, dass er eigentlich immer nur Tatjana geliebt hat, die jetzt aber die Frau des Fürsten ist.

Der Abend hätte noch schöner werden können, wenn es Allan Bergius, der die Produktion vom scheidenden GMD Anthony Bramall übernommen hat - letzterer wechselt in derselben Funktion ans Badische Staatstheater Karlsruhe -, gelungen wäre, die Niederrheinischen Sinfoniker zu einem konzentrierteren, weniger falsche Tönen und klappernde Einsätze aufweisenden Spiel zu bewegen, und eine bessere Kommunikation zwischen Bühne und Graben erzielt hätte - eine eigene, Tschaikowskys Farbenreichtum und effektvolle Steigerungen auskostende, großen Gestaltungswille erahnen lassende, beseelte Interpretation war ja durchaus erkennbar.

Vergrößerung Sicher hat Tatjana (Elena Nebera) noch Gefühle für Onegin (Christoph Erpenbeck), der sie einst verschmähte und jetzt bedrängt, aber anders als er weiß sie, wann eine Sach' ein End' hat. Ilja Glasunows Russische Venus ist auch hier stumme Zeugin.


FAZIT

Mit einer sensibel inszenierten, optisch hinreißenden und mit erstklassigen Solisten besetzten Neuinszenierung der hierzulande wohl berühmtesten Tschaikowsky-Oper gelingt dem finanziell weitaus schlechter als manche "Konkurrenzbetriebe" dastehenden Theater Krefeld-Mönchengladbach ein letzter Höhepunkt in einer ohnehin künstlerisch erfolgreichen Spielzeit.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Allan Bergius

Inszenierung
Mascha Pörzgen

Bühne
Andreas Jander

Kostüme
Christof Cremer

Choreinstudierung
Heinz Klaus

Choreografische Mitarbeit
Silvia Behnke

Dramaturgie
Benedikt Holtbernd



Chor, Bewegungsensemble
und Statisterie der
Vereinigten Städtischen
Bühnen

Die Niederrheinischen
Sinfoniker


Solisten

* Besetzung der Premiere

Die Larina,
verwitwete Gutsbesitzerin
Vuokko Kekäläinen*/
Margriet Schlössels

Larinas Töchter:

Tatjana
Janet Bartolova/
Elena Nebera*

Olga
Carola Guber*/
Constance Heller

Filipjewna,
die Njanja (Kinderfrau)
Anneliese Bolten-Nacken/
Kerstin Pajic-Dahl*

Eugen Onegin,
ein junger Gutsherr
Christoph Erpenbeck*/
Mikhail Lanskoi

Wladimir Lenski,
sein Freund, Poet
Man-Taek Ha/
Kairschan Scholdybajew*

Fürst Gremin
Ulrich Schneider*/
Michael Tews

Ein Hauptmann
Bernhard Schmitt*/
Zbigniew Szczechura

Saretzki,
ein Sekundant
Krassimir Kurtakow*/
Bernhard Schmitt

Triquet,
ein Franzose
Walter Planté/
Rainer Roon*

Guillot,
Kammerdiener Onegins
Peter Sauer*/
Michael Schmidt

Vorsänger
Swetlozar Betov*/
Jerzy Gurzynski




Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Krefeld-
Mönchengladbach

(Homepage)



Da capo al Fine

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