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Gondelfahrt mit finalem Crash
Von Stefan Schmöe
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Fotos von Matthias Stutte Zu den ganz großen Werken der Operettengeschichte zählt die Nacht in Venedig sicher nicht. Neben dem Top-Schlager Komm in die Gondel fällt manch andere Nummer musikalisch doch ziemlich stark ab, und die magere Story um einen weibstollen Herzog und die auf selbigen neugierigen Damen der feinen und weniger feinen Gesellschaft gehört auch nicht gerade zu den Glanzlichtern des Repertoires. Trotzdem - zwischen allerlei dicken Brocken ringsherum und manchen (durchaus anregenden) Zumutungen an das Publikum macht das Werk Sinn zumal das Theater Krefeld Mönchengladbach stärker als andere Häuser die oft (und in mancher Hinsicht sicher zu unrecht) belächelte Gattung Operette pflegt und sich auf ein auch darauf eingespieltes Ensemble verlassen kann. Lassen wir uns also auf eine niederrheinische Gondelpartie ein.
Venezianische Liebeleien: Senatorengattin Barbara (Mitte) sucht außereheliches Liebesglück, Fischermädchen Annina (2. von rechts) wäre schon die Ehe an sich recht, Makkaronikoch Pappacoda (links) verdient sich ein Zubrot als Überbringer amouröser Botschaften, und der Harlekin wacht über allem.
Der größte Verdienst der Inszenierung von Jörg Fallheiers Inszenierung besteht darin, dass er allzu bemühte Operettenbehäbigkeit vermeidet. Zwei Harlekine agieren wie Zeremonienmeister und rücken die selbst für eine Operette ziemlich dünne Handlung in die Sphäre von Commedia dell'arte und venezianischem Carnevale (wo das Stück inhaltlich auch hingehört). Die Spielfläche besteht durchweg aus einem spiegelglatten, leeren Raum mit Ausblick auf den Markusplatz, und Requisiten gibt es kaum die nun wirklich unvermeidlichen Gondeln kommen wie die Rennwagen altrömischer Wagenlenker daher. Der Verzicht auf eine üppigere Ausstattung lenkt die Konzentration auf die Akteure, und das spielfreudige Ensemble kann da durchaus überzeugen. Allerdings versäumt es Fallheier, die Personen ordentlich zu charakterisieren ob Senatorengattin oder Fischmädchen, die sozialen Spannungen (von denen die Handlung lebt) bleiben völlig unkenntlich.
Das allgemeine Durcheinander in Liebesdingen verwirrt auch die eigentlich einander zugetanen Annina und Caramello
Zum Glück wird das soziale Operettenallerlei durch die agilen Sänger nachhaltig belebt. Markus Heinrich (Makkaroni-Koch Pappacoda) und noch mehr Andreas Schagerl (herzoglicher Barbier Caramello) strahlen zwar mit recht kleinen (dafür aber sehr ordentlich phrasierend geführten) Stimmen nur wenig tenoralen Glanz aus, spielen aber glänzend das gesamte Repertoire herunter, das einen guten Operettendarsteller auszeichnet. Auch Peter Lüthke als trotteliger Senator Delaqua hat hohen Unterhaltungswert. Michael Putsch als leicht knödelnder und stimmlich offensichtlich indisponierter Herzog überspielt sein dämliches Kostüm mit charmanter Eleganz. Judith Arens (Kammerzofe Ciboletta) und Barbara Cramm (Fischmädchen Annina), beide ebenfalls mit leichten Stimmen, aber tadellos singend, agieren als Verteter der Weiblichkeit zurückhaltender, wobei gerade die Annina ruhig sehr viel deutlicher die vulgären Züge, mit denen sie als Fischmädchen auf dem Ball selbst unter Maskierten auffällt, herausspielen müsste; Barbara Cramm wirkt da von der Regie allein gelassen und etwas orientierungslos. Überhaupt hat die Szene mitunter etwas unnötig steriles, weil improvisatorische Momente fehlen gut möglich, dass sich das in den nächsten Auführungen ändert und die Produktion dann noch an Schwung gewinnt.
Caramello, der herzogliche Barbier, führt seinem Herrn etwas lieblos eingekleidete Senatorengattinnen zu
So wohltuend der Verzicht auf Bühnenkitsch einerseits ist, so bedauerlich ist auf der anderen Seite, dass das Regieteam keinerlei Kapital aus der Karnevals-Situation der Handlung schlägt: Ein wenig (oder besser noch deutlich) mehr vom ästhetischen Zauber des venezianischen Carnevale hätte ruhig sein dürfen. So wird der (vorzüglich singende) Chor in rote Kapuzenmäntel (Kostüme: Friederike Singer) gehüllt und begeht die Party wie eine schwarze Messe das wirkt ziemlich lieblos. Völlig fehlt auch ein Spannungsbogen über die drei Akte hinweg, die ja, wie der Titel besagt, eine Nacht, und zwar eine rauschende Ballnacht, durchleben lassen. Aufgabe der Regie wäre es da, die Entwicklung von den Vorbereitungen am Nachmittag bis zum Abschied des Herzogs am nächsten Morgen deutlich zu machen, aber Fallheier beschränkt sich mehr und mehr darauf, sein Personal auf der Bühne sich selbst zu überlassen. Völlig lieblos wird mit Mühe und Not der Schluss abgewickelt: Konzeptionslos fällt die Inszenierung da in sich zusammen, als würde einem Plattenspieler der Strom abgedreht.
Und der Herzog, Auslöser des Treibens: Der fragt sich zu Recht, warum er so ein blödes Unterhemd tragen muss.
Kapellmeister Allan Bergius hat mit den Niederrheinischen Sinfonikern viele Details sorgfältig durchgearbeitet. Das Orchester entwickelt einen schönen, leicht und geschmackvoll sentimental unterlegten Operettenton, der der Aufführung eine besondere Note verleiht. Die Tempi sind allerdings nicht immer stabil, was sich an den oft leicht verwackelten Übergängen, aber auch an der gelegentlich fehlenden Selbstverständlichkeit des Tempos bemerkbar macht. Auch hier könnte die Produktion noch an Leichtigkeit und einem Schuss Spontanität gewinnen.
Entschlackte Operetteninszenierung, die aber zunehmend unmotiviert ihrem abrupten Ende entgegentaumelt - dank ordentlicher Einzelleistungen dennoch ganz akzeptabel. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühnenbild und Kostüme
Dramaturgie
Solisten* Besetzung der PremiereeGuido, Herzog von Urbino *Michael Putsch / Kairschan Scholdybajew
Delaqua
Barbaruccio
Testaccio
Barbara, Delaquas Frau
Agricola, Barbaruccios Frau
Annina
Caramello
Pappacoda
Ciboletta
Enrico Piselli
Harlekine
Senatorengattinnen
Balbi
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