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Musiktheater
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Pique Dame
Oper in drei Akten
Text von Modest I. Tschaikowski
nach der Novelle von Alexander Puschkin
Musik von Peter I. Tschaikowski

In russischer Sprache mit französischen und flämischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h 30' (eine Pause)

Premiere im Théâtre Royal de Liège
am 15. Februar 2002


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Opéra Royal de Wallonie
(Homepage)
Ein großer Tschaikowski-Abend

Von Thomas Tillmann / Fotos von der Opéra Royal de Wallonie



Mit einer in üppigen Bildern schwelgenden Neuproduktion der Pique Dame von Petrika Ionesco landete die Königliche Oper Walloniens im Februar einen stark akklamierten Erfolg. Der Rumäne, der auch die berühmte Stadionproduktion von Aida verantwortete, die im letzten September in der neugebauten Arena auf Schalke zu erleben war, hat zweifellos ein Händchen für das Spektakuläre und Repräsentative, für sinnliches Austattungstheater, und so machte neben den ebenfalls von ihm entworfenen, folkloristische Elemente aufnehmenden, aufwändigen Kostümen und den geschmackvollen, wenn auch nicht durchgehend kongruent bewältigten Balletteinlagen das imposante Bühnenbild mit der ansteigenden, perspektivisch sich nach hinten verengenden Spielfläche, das durch wechselnde Dekorationen an der Seite bald die Kanalbrücke, bald die opulenten Räume russischer Herrschaftshäuser andeutete oder durch Projektionen und eine glänzende Lichtregie weitere Spielorte suggerierte (keine leichte Aufgabe für die technische Mannschaft des Lütticher Théâtre Royal!), den größten Eindruck bei dieser sehr "russischen", streckenweise reichlich durchchoreografiert wirkenden Inszenierung. Ein bisschen mehr Psychologie hätte es da schon sein dürfen, einige Ansätze gab es auch, die aber nicht konsequent zuende geführt wurden oder zu hektisch neuer szenischer Pracht zu weichen hatten (etwa in der durchaus surreale Momente aufweisenden Ballszene, in dem bizarren "Videoclip", der Hermanns mentalen Verfall bebildert, oder auch in der Schlussszene, wenn Hermann in den Armen der Geliebten stirbt, die dann aber von der Gräfin flugs nach oben gezogen wird).

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Noch wehrt sich die wohlbehütete Lisa (Maria Gavrilova) gegen die Liebesschwüre des hitzigen Offiziers Hermann (Vladimir Galouzine).

Anders als bei der vom Rezensenten gescholtenen La Bohème im Januar hatte Direktor Jean-Louis Grinda für diese Produktion ein hochkarätiges, rollenerfahren-kompetentes und zum großen Teil auch mit der Originalsprache vertrautes Ensemble zusammengestellt, das der in allen großen Opernmetropolen gastierende und diverse Male in zentralen Partien seines Fachs auf Tonträgern dokumentierte Vladimir Galouzine (in Deutschland als Wladimir Galusin bekannt) mit baritonal dunklem, mühelos die strapaziöse Tessitura bewältigendem, gleichermaßen über kraftvoll-strahlende Spitzentöne wie über zarte, aber gehaltvolle Piani selbst im Passaggio verfügendem jugendlichen Heldentenor und intensiver, die unaufhaltbar ins Delirium führende psychische Entwicklung des Hermann glaubhaft, aber nicht aufdringlich umsetzender Charakterisierungskunst anführte. Darstellerisch unbeholfen, betulich und altmodisch wirkte dagegen Maria Gavrilova, seit 1991 Solistin des Bolschoi-Theaters, die die Lisa bereits unter anderem an der New Yorker Met und in Florenz gesungen hat, und einen üppigen, sehr fraulichen, im Kern jedoch lyrischen Sopran ihr eigen nennt, der die russische Gesangstradition nicht einen Moment verleugnen kann: Im Osten mag man ein solch ausladendes Vibrato mehr als in unseren Breitengraden, wo man sich auch an das Klirren und die metallische Schärfe im Forte sowie an den beherzten Einsatz der Bruststimme in tiefer gelegenen Passagen gewöhnen muss; dass die Künstlerin sich aber auch um feinere vokale Details bemüht zeigte und einige berückende Pianomomente anzubieten hatte, soll nicht verschwiegen werden - eine Stimme mit Charakter eben, die sicher auch in den großen italienischen Spintopartien ihre Wirkung entfaltet.

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Der wegen des Geheimnisses der drei Karten bereits reichlich verwirrte Hermann (Vladimir Galouzine) im Kreise der ausgelassenen Besucherinnen und Besucher des Maskenballs (Chor der Opéra Royal de Wallonie), dessen Höhepunkt das Erscheinen der Zarin sein wird.

Daneben war Mady Urbain mit ihrem weitgehend intakten, geschickt geführten Mezzosopran eine vokal seriöse Gräfin; die in Belgien bekannte Gesangsprofessorin verschenkte aber darstellerisch so viele Möglichkeiten, dass man an große Rollenkolleginnen wie Rita Gorr oder die kürzlich verstorbene Martha Mödl gar nicht denken mochte. Einen positiven Eindruck hinterließen indes die fest an der Opéra National de Lyon engagierte Svetlana Lifar, Schülerin unter anderem von Viorica Cortez und Teresa Zylis-Gara, als lebendig agierende Pauline und Daphnis mit ihrem in allen Lagen mühelos ansprechenden, hell-vibrierenden Mezzo, der an der Düsseldorf-Duisburger Rheinoper festengagierte, glänzend phrasierende Boris Statsenko, der zwar auch diesmal wieder im Forte ein bisschen schrie und die natürlichen Grenzen seines ja durchaus pianofähigen Kavalierbariton missachtete, als edelmütiger Jeletzki aber idiomatischer und involvierter wirkte als in manchen seiner italienischen Partien. Nikita Storojev gab mit leicht aufgerautem, die hohe Lage wahrlich nicht ohne Anstrengung erreichenden Bass und pointierter Deklamationskunst den Grafen Tomski sowie den Plutus im Intermezzo (auch er hat im russischen wie im italienischen Fach in der ganzen Welt und im Aufnahmestudio reüssiert), Alexandre Kravetz war mit hellem Charaktertenor der bizarr-überdrehte Tschekalinski, Laure Delcampe eine sehr luftige, soubrettige Chloé in der Pastorelle, Emilienne Coquaz eine Mascha von Format und Stimme, während der verdienten Christine Solhosse die Partie der Gouvernante ein bisschen tief lag. Solides Niveau ist ferner den übrigen Comprimari sowie dem Chor und dem sehr engagierten Kinderchor der Königlichen Oper zu bescheinigen.

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Hermann (Vladimir Galouzine) liest in seinem bescheidenen Kasernenzimmer Lisas Brief, in dem sie ihn bis um Mitternacht an den Kanal bestellt, um ihm zu verzeihen.

Immer Verlass ist auf Friedrich Pleyers kapellmeisterliche Qualitäten, die ihn das personenreiche Ensemble mit festem Blick zur Bühne souverän koordinieren ließ, auf seine Sicherheit bei der Wahl der "richtigen", abwechslungsreichen Tempi und auf sein stupendes Gespür für das Einfangen von Stimmungen und den melancholischen Ton, den Tschaikowskis Partitur atmet, deren süffige Momente er auszukosten wusste, ohne sie übermäßig süßlich klingen zu lassen. Dabei konnte der Wiener am Pult des Orchestre de l'Opéra Royal de Wallonie die dynamische Palette voll ausreizen, musste er doch keine Rücksicht nehmen auf ambitioniert ins dramatische Fach drängende Stimmchen, die man anderorts so häufig scheitern hört.

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Sie lässt ihn nicht los: Hermann (Vladimir Galouzine) sieht kurz vor seinem Tod noch einmal den Geist der alten Gräfin (Mady Urbain) vor sich.


FAZIT

Eine pralle, optisch wie musikalisch überzeugende Annäherung an Tschaikowskis vorletzte Oper, die das Publikum zu schätzen wusste, der man aber ein wenig mehr psychologischen Tiefgang gewünscht hätte.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Friedrich Pleyer

Inszenierung, Bühnenbild
und Licht
Petrika Ionesco

Assistenz
Marguerite Borie

Kostüme
Michel Fresnay

Choreografie
Eric Margouet

Choreinstudierung
Edouard Rasquin

Einstudierung
des Kinderchores
Jean-Claude Van Rode

Eine Neuproduktion der
Opéra Royal de Wallonie



Chor und Kinderchor der
Opéra Royal de Wallonie

Orchester der
Opéra Royal de Wallonie


Solisten

Lisa
Maria Gavrilova

Pauline/Daphnis
Svetlana Lifar

Die Gräfin
Mady Urbain

Gouvernante
Christine Solhosse

Mascha
Emilienne Coquaz

Chloé
Laure Delcampe

Hermann
Vladimir Galouzine

Graf Tomski/Plutus
Nikita Storojev

Prinz Jeletzki
Boris Statsenko

Tschekalinski
Alexander Kravetz

Surin
Léonard Graus

Tschaplitzki
Guy Gabelle

Narumoff
Patrick Delcour

Zeremonienmeister
Marcel Arpots



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Opéra Royal de Wallonie
(Homepage)



Da capo al Fine

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