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Mäßige Bohème-Reprise
Von Thomas Tillmann
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Fotos von Opéra Royal de Wallonie
So richtig Stimmung wollte nicht aufkommen bei der Premiere der Wiederaufnahme der bereits im November 1995 in Liège gezeigten La Bohème-Inszenierung von Mireille Larroche und Alain Paties. Die künstlerische Leiterin der Opéra Péniche und ihr Assistent hatten eine im Wesentlichen traditionelle Werksicht entwickelt, die besonders im ersten Teil des Abends durch die Spielfreude der Akteure und die differenzierte Charakterisierung Mimìs besticht, die vor dem Eintritt in Rodolfos bescheidenes Heim versiert ihr Dekolleté überprüft und die Kerze rasch selbst auspustet, um die somit gar nicht so zufällig zustande kommende Liaison in Gang zu bringen, und die im vierten Akt die sanften braunen Locken gegen einen ihre Fragilität und Todesnähe unterstreichenden Kurzhaarschnitt eingetauscht hat.
Foto links:Der alte Benoît (Michel Vaissière) erklärt seinen Mietern Colline (Felipe Bou), Rodolfo (Wolfgang Bünten), Schaunard (Patrick Delcour) und Marcello (Werner Van Machelen, sitzend), dass sie drei Monate mit der Zahlung im Rückstand sind.
Weniger überzeugend fand ich dagegen den Einfall, die Handlung durch Einfügen von Nebenfiguren "aufzuwerten", die bereits vor den Einleitungstakten des Orchesters das Bühnengeschehen anstoßen, begleiten und kommentieren (so etwa der weibliche Clown mit dem schwarzen, die vermeintliche Heiterkeit der Ereignisse Lügen strafenden Todesraben oder der allgegenwärtige Pariser Straßenjunge) - die Idee läuft sich einfach nach kurzer Zeit tot und lenkt dann von der für einen bewegenden Theaterabend allemal ausreichenden Story unnötigerweise ab, die das Produktionsteam in der vorgesehenen Epoche belässt, was sich natürlich auch in den der Handlungszeit angepassten Kostümen und den das Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts realistisch heraufbeschwörenden Bühnenbildern widerspiegelt.
Foto rechts:Mimì (Tatiana Lisnic) und Rodolfo (Wolfgang Bünten) am Abend ihres Kennenlernens.
Die Opéra Royal de Wallonie ist anders als mancher deutsche Repertoirebetrieb in der glücklichen Lage, für jede Produktion Spezialisten engagieren zu können, und so verwundert es, dass man für die beiden männlichen Hauptrollen Künstler verpflichtet hatte, deren Eignung fürs italienische Fach man trotz einschlägiger Erfahrung nach dem Eindruck dieses Abends bezweifeln möchte. Besonders dem an der Kölner Oper festengagierten Wolfgang Bünten fehlte es an der nötigen "Sonne" in der Stimme, wie mein belgischer Sitznachbar es anschaulich auf den Punkt brachte, sein sehr lyrischer, trockener, wenig Farbenreichtum aufweisender, im Piano reichlich dünner, in der Höhe enger, belegter und unruhiger Tenor war streckenweise trotz allen Forcierens kaum zu hören (da liegt es wirklich nahe, demnächst Partien wie Cavaradossi und Macduff ins Repertoire aufzunehmen!), und ein begnadeter Schauspieler ist der Münchner wahrlich auch nicht. Wenig Italianità hatte auch der vielseitige, mit anderen Rollen sicher besser beratene Werner Van Mechelen anzubieten, der dem Marcello aber immerhin einiges an darstellerischer Tiefe verlieh. Für Patrick Delcours Schaunard gilt das, was ich über seine Mitwirkung bei der konzertanten La Sonnambula vor einigen Wochen geschrieben habe: Er bewältigt auch diese Partie ohne Fehl (auch wenn er für höher gelegene Töne durchaus arbeiten muss und auch sein Bariton nicht wirklich "italienisch" klingt), kann aber erneut wenig eigene Akzente in vokaler oder szenischer Hinsicht setzen. Dies wollte auch Felipe Bou mit seinem leichten, nicht sehr individuell gefärbten Bass nicht gelingen; in der berühmten Mantelarie blieb es beim redlichen Bemühen um Gestaltungsnuancen.
Foto links:Sie können voneinander nicht lassen: Musetta (Anne-Catherine Gillet) und Marcello (Werner Van Mechelen).
Die den Dirigenten nicht aus den Augen lassende Anne-Catherine Gillet kam über eine alle abgegriffenen Klischees bedienende Musetta-Interpretation nicht hinaus: Allzu aufgesetzt und einstudiert ist ihre Koketterie und Divaallüre, allzu kalkuliert das Ausspielen der zuverlässigen Höhe, der eine wenig eindrucksvolle Mittellage und eine schwache Tiefe gegenüberstehen. Einen wirklich guten Eindruck hinterließ nur Tatiana Lisnic, die immerhin auch schon an der Wiener Staatsoper und der Mailänder Scala in Partien wie Adina, Susanna und Lauretta aufgetreten ist und einen gut sitzenden lyrischen Sopran hören ließ, der zu den zartesten Piani ebenso fähig war wie zu kraftvoller Attacke bei den dramatischen Ausbrüchen - eine gesunde Stimme eben mit einer außerordentlich zuverlässigen, aufregenden, "saftigen" Höhe und einer tiefen Lage, die sich zweifellos noch entwickeln wird. Man wünscht der jungen Sopranistin aus Moldavien, die auch ein sicheres Gespür für eine raffinierte Phrasierung, eine durchdachte Textausdeutung und eine unaufdringliche und gerade deshalb berührende Darstellung bewies, dass sie sich möglichst lange gegen im Moment noch zu schwere Partien wehren kann. Studienleiter David Miller schließlich hatte zwar einen guten Kontakt zur Bühne und gab brav Einsätze, aber er besaß nicht die notwendige Autorität, um den Sängern allzu große Freiheiten zu untersagen und damit zu einer einheitlichen Linie hinsichtlich der Tempowahl zu finden, und so blieb das Spiel des Orchesters in dieser Vorstellung reichlich unkonturiert und allgemein und war streckenweise auch unnötig laut.
Foto rechts:Mimì (Tatiana Lisnic) erfährt, dass sie nicht mehr lang zu leben hat - gut, dass es in dieser Inszenierung den Straßenjungen gibt (Alexandre Faitrouni), der ihr hier als Stütze dient.
Man hat in den letzten Jahren überzeugendere Abende im Théâtre Royal erlebt. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Assistenz
Dramaturgie
Bühnenbild
Kostüme
Licht
Choreinstudierung
Einstudierung des Kinderchores
Eine Koproduktion
Solisten* Abendbesetzung
Mimì
Musetta
Rodolfo
Marcello
Schaunard
Colline
Benoît
Alcindoro
Parpignol
Un sergente
Un doganiere
Akrobaten und
Ein Straßenjunge
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