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I Puritani
Melodramma serio in drei Akten
Libretto von Carlo Pepoli
nach Têtes rondes et Cavaliers
von J. A. F. Ancelot und Xavier Boniface Saintine
Musik von Vincenzo Bellini

In italienischer Sprache mit französischen und flämischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h 15' (eine Pause)

Premiere im Théâtre Royal de Liège
am 12. April 2002


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Opéra Royal de Wallonie
(Homepage)
Szenisch halbherzige Ehrenrettung eines sperrigen Meisterwerks

Von Thomas Tillmann / Fotos von der Opéra Royal de Wallonie



Über problematische Libretti wird ja gerade bei italienischen Opern des 19. Jahrhunderts häufig geklagt, und bei allem Wohlwollen, Skepsis und Stirnrunzeln angesichts des Plots von Bellinis für die musikalische Entwicklung des Genres wichtigen I Puritani kann ich nachvollziehen. Dieser Umstand entlässt einen Regisseur aber nicht aus der Pflicht, einen auch noch so sperrigen, abstrusen Stoff und die Befindlichkeiten der handelnden Personen einem Publikum von heute näher zu bringen, eine spannende Geschichte zu erzählen eben, und wenn ihm das unmöglich erscheint, dann muss er von seiner Aufgabe zurücktreten und auf die sicher nicht unbeträchtliche Gage verzichten, pardon. Die Inszenierung von Charles Roubaud - vor Ort einstudiert von Bernard Monforte - kam über ein dekoratives Anordnen der in prächtige historisierende Roben gewandeten Mitwirkenden und das Organisieren von kontrollierten, meistens rampennahen Auf- und Abgängen in dem klaren, geometrischen, nur unwesentlich variiertes, brav ausgeleuchtetes Einheitsbühnenbild von Architektin Isabelle Partiot nicht hinaus - viel mehr als eine konzertante Aufführung in Kostümen war das nicht. Ich bin wahrlich kein unkritischer Anhänger eines modernen Regietheaters, aber an diesem langen Premierenabend in Lüttich habe ich mich doch manches Mal gefragt, ob nicht ein Regisseur der jüngeren Generation mehr aus dem Stück herausgeholt und mir einige verzweifelte Blicke auf die Uhr erspart hätte.

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Lord Arturo Talbo (Marc Laho), der seine Geliebte und Braut Elvira in den Wahnsinn treibt, als er der geplanten Hochzeit fernbleibt, um Enrichetta di Francia zu retten.

Sicher, die musikalische Seite ist bei einer Belcantooper letztlich ohnehin das Wichtigste, und die fiel bei weitem besser aus, auch wenn ich in den Jubel für Stefania Bonfadelli nicht uneingeschränkt einstimmen konnte: Als Fachpartie für einen dramatischen Koloratursopran oder einen jugendlich-dramatischen Sopran weist das Handbuch der Oper von Kloiber und Konold die Partie der Elvira aus, und wenn man sich die Rollenvertreterinnen in den gar nicht wenigen Studioeinspielungen und Live-Mitschnitten des Werkes anschaut (etwa im inzwischen unentbehrlichen Verzeichnis von Steiger), dann sind die reinen Koloratursoprane deutlich in der Minderheit. Für einen solchen halte ich indes die bestechend geläufige Stimme der Italienerin, die zweifellos ein Feuerwerk von Stratosphärentönen und durchaus originellen Verzierungen abbrannte, die dank einer nicht geringen Schärfe im oberen Register auch in den Tableaux präsent blieb und die sich auch darstellerisch nach Kräften ins Zeug legte, aber trotzdem war spätestens in der großen Arie im dritten Akt der Mangel an vokalen Farben, an Schattierungen in der kleinen, weißen Stimme offensichtlich, und auch das ausgeprägte Vibrato besonders bei länger gehaltenen Fortetönen ist meine Sache nicht. Mit Rollen wie Olympia, Adele und Despina liegt sie sicher richtiger, vielleicht auch noch mit der Amina in Bellinis Sonnambula, die sie zuletzt mit riesigem Erfolg in Wien gesungen hat, während Partien wie Lucia, Gilda, Violetta, Manon und eben auch die Elvira meines Erachtens zur Zeit noch außerhalb ihrer Möglichkeiten liegen, und das ist kein Genörgel eines üppigeres Material bevorzugenden Kritikers, sondern Ausdruck von Besorgnis.

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Voller Entsetzen beobachtet die Hofgesellschaft Elvira (Stefania Bonfadelli) im Zustand geistiger Umnachtung.

Wahrlich keinen schlechten Eindruck hinterließ als Arturo der aus Lüttich stammende und dort lebende Marc Laho, der sich in der extrem hoch liegenden Tessitura durchaus wohl zu fühlen schien, in der Bellini diese Rubini-Partie notiert hat, auch wenn mancher der durchaus sicher erreichten Acuto im dreigestrichenen Bereich nicht wirklich schön klang. Mir gefiel indes die melancholische Färbung seines leichten, aber nicht leichtgewichtigen lyrischen Tenors, die berühmte Träne in der Stimme, die weiche Führung derselben, das geschmackvolle An- und Abschwellen der Töne, die sensible Ausgestaltung seines diffizilen Parts, den nicht viele Tenöre auf dieser Welt so solide bewältigen wie der Preisträger des renommierten Gesangswettbewerbs im benachbarten Verviers. Gefeiert wurde auch der sehr junge Vittorio Vitelli, der mit sehr hellstimmigem, mitunter fast tenoral wirkenden, in der Tiefe kaum hörbaren lyrischen, geschmeidigen und zu schönen mezza-voce-Effekten fähigen Bariton den Riccardo gab; dass er auch Heldenbaritonpartien wie Amonasro und Escamillo singt, mag man kaum glauben und möchte man nicht miterleben. Immerhin mischte sich seine Stimme in dem effektvollen Duett des letzten Aktes hervorragend mit dem klangvollen Bass des in Liège so beliebten Wojtek Smilek, der sich als Giorgio ganz auf die Schönheit seines Instruments hätte verlassen können, aber darüber hinaus eine intensive Auseinandersetzung mit Text und Rolle erkennen ließ. Wenig Ausstrahlung und Format hatte dagegen der Comprimaria-Mezzo von Christine Labadens als Enrichetta di Francia, während die Partien der Ensemblemitglieder Guy Gabelle und Léonard Graus wohl zu klein waren, um sich damit nachhaltig im Gedächtnis des Rezensenten zu verankern. In großer Form zeigte sich dagegen der vielbeschäftigte, wie aus einer Kehle dynamisch sehr flexibel, kraftvoll und tonschön singende Chor der Königlichen Oper.

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Elvira (Stefania Bonfadelli) ist dem Wahnsinn entrissen, denn ihr Geliebter Arturo (Marc Laho) ist zu ihr zurückgekehrt.


Giuliano Carella schließlich gelang am Pult des insgesamt sehr konzentriert musizierenden Orchesters zwar keine so außergewöhnliche Leistung wie Alberto Zedda vor einigen Monaten mit der Sonnambula, aber man freute sich doch über die feinen dynamischen Abstufungen, die gekonnten Rubati und das mustergültige Herausarbeiten von Kontrasten und Farben (trotz der schon häufig beklagten problematischen Akustik im Théâtre Royal), das rastlose Vorwärtsdrängen und die (nur selten zu) forschen Tempi, die mitreißende Rhythmik und nicht zuletzt über den guten Kontakt zur Bühne.


FAZIT

Eine an sich sehr willkommene, aber hinsichtlich der Regie allzu halbherzige Ehrenrettung der letzten Oper Vincenzo Bellinis!


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Giuliano Carella

Inszenierung
Charles Rosbaud

Einstudierung
Bernard Monforte

Bühnenbild
Isabelle Partiot

Kostüme
Katia Duflot

Licht
Fabrice Kebour

Choreinstudierung
Edouard Rasquin

Eine Koproduktion
der Opéra Théâtre
d'Avignon et des Pays
de Vaucluse,
der Opéra de Marseille,
der Washington Opera
und der
Opéra Royal de Wallonie



Chor der
Opéra Royal de Wallonie

Orchester der
Opéra Royal de Wallonie


Solisten

Elvira
Stefania Bonfadelli

Enrichetta di Francia
Christine Labadens

Lord Arturo Talbo
Marc Laho

Sir Riccardo Forth
Vittorio Vitelli

Sir Giorgio
Wojtek Smilek

Sir Bruno Roberton
Guy Gabelle

Lord Gualtiero Valton
Léonard Graus





Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Opéra Royal de Wallonie
(Homepage)



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