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Die etwas andere Salome
Von Thomas Tillmann
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Fotos von Opéra Royal de Wallonie Einer der Gründe, warum es auch viele deutsche Opernliebhaber immer wieder nach Liège zieht, ist der Umstand, dass man dort neben den "Klassikern" in schöner Regelmäßigkeit auch Werke des französischen Repertoire zu sehen bekommt, die in unseren Gefilden kaum oder gar nicht (mehr) bekannt sind oder arrogant als minderwertig geschmäht werden. Dies gilt nicht zuletzt für das umfangreiche Oeuvre Jules Massenets, von dem auf deutschen Spielplänen allenfalls Manon oder Werther gelegentlich aufgeführt werden, besonders aber für die oft als süßlich (im Französischen heißt das so schön "sirupeux") abgetane, 1881 in Brüssel uraufgeführte, in Paris aber bezeichnenderweise erst 1921 im französischen Original herausgekommene, mit ihren wuchtigen Chorszenen und ausgedehnten Balletteinlagen noch ganz der allerorts sträflich vernachlässigten Grand Opéra verpflichtete Hérodiade. Das Libretto geht auf eine Flaubert-Erzählung zurück, die auch Oscar Wilde gekannt hat, der die Vorlage für Richard Strauss' Salome lieferte, setzt aber ganz andere, die Erkenntnisse der Geschichtswissenschaft nonchalant übergehende Schwerpunkte als der bekanntere Einakter: Der junge, sittenstrenge Prophet Johannes macht sich Herodias zur Feindin, die sich illegal mit ihrem Schwager Herodes vermählt hat, der als Tetrarch im von den Römern kontrollierten Galiläa herrscht und ein Auge auf die junge Salome geworfen hat, die auf der Suche nach ihrer Mutter ist, die sie im Stich gelassen hat und deren Identität sie nicht kennt. Johannes hat sich der jungen Frau angenommen, die sich ihrerseits in den vom Volk hochverehrten Propheten verliebt hat. Als Herodes davon erfährt, willigt er in den Wunsch seiner Gattin und der Unruhen fürchtenden Priester ein und lässt Johannes hinrichten. Als Salome, deren Wunsch, mit dem Geliebten zu sterben, unerfüllt bleibt, erfährt, dass Herodias ihre Mutter ist, nimmt sie sich selbst das Leben.
Hérodiade (Kathryn Harries) will ihren Gatten Hérode (Philippe Rouillon) davon überzeugen, Jean hinrichten zu lassen, der kein gutes Haar an ihr lässt.
Im März 2001 wurde die neue Oper von St. Etienne (sie trägt nun den Namen Grand Théâtre Massenet, immerhin wurde der Komponist 1842 in einem Vorort der französischen Stadt geboren) mit der nun in Lüttich gezeigten Produktion eröffnet. Die Regie des dort amtierenden Jean-Louis Pichon verdient indes keinerlei Erwähnung, denn mehr als ein braves Arrangieren der Mitwirkenden auf den die Bühne beherrschenden Treppenstufen war ihm offenbar nicht eingefallen, so dass man einmal mehr Sängerinnen und Sänger in opulenten, historisierenden, im Falle der Juden mit hebräischen Schriftzeichen und teilweise glitzernder Menora verzierten Kostümen in atmosphärischem Licht zuschauen durfte, die ihre eigenen Rollenauffassungen vorzugsweise an der Rampe und mit festem Blick auf den Dirigenten zum Besten gaben - mit wechselhaftem Erfolg wie häufig in solchen Vorstellungen, aber auch von der ohnehin spannenderen musikalischen Seite nicht weiter ablenkend, was dem regietheatergeplagten deutschen Besucher nicht unrecht war.
Phanuel (Eric Martin-Bonnet) hat es nicht geschafft, Hérodiade (Kathryn Harries) davon zu überzeugen, in Salomé weniger die Rivalin als die Tochter zu sehen.
Die beim Lütticher Publikum so beliebte Barbara Haveman warf sich mit nie nachlassender Intensität und entblößtem Bauch in die Rolle der Salomé, der sie auch stimmlich mit ihrem bis in die Extremhöhe leicht ansprechenden, die Orchestermassen überstrahlenden jugendlichen lyrischen Sopran nichts schuldig blieb, sondern die Entwicklung vom schlichten, verzweifelten Mädchen des "Il est doux, il est bon" bis zur leidend-resoluten Frau im hochexpressiv gestalteten "Je souffre" mit gehaltvollen Piani, einer geschmackvoll und sinnstiftend eingesetzten mezza voce und einer furchtlosen Attacke viel profilierter porträtierte als etwa Renée Fleming, deren nur am schönen Ton orientierte Interpretation mich während der Autofahrt nach Belgien langweilte. Der auch in Deutschland vielbeschäftigte und im Théâtre Royal als Rossinis Tell und Verdis Macbeth erinnerte Philippe Rouillon setzte als Herodes in erster Linie auf wuchtig-kraftvolle Momente, wodurch manches Detail und die Phrasierung ein wenig zu kurz kamen. Der Blick ins Programmheft verrät, dass Jean-Pierre Furlan, der in Liège auch als Faust und Don José reüssierte, vor der Gesangsausbildung Trompete studiert hat, und an dieses Instrument erinnerte sein ziemlich metallisch timbrierter, aber auch zu feineren Nuancen fähiger Zwischenfachtenor, dem er emphatisch-schwärmerische, lang ausgehaltene, mitunter aber auch einfach nur beängstigend laute Acuti entlockte, die den Rezensenten doch mit einiger Sorge erfüllten. Eric Martin-Bonnet wusste sich als Phanuel zwar in seinem merkwürdig femininen Kostüm nach verhalten-mattem Beginn deutlich zu steigern, aber eine wirkliche Autorität war er nicht mit seinem etwas allgemein klingenden, kein unbeträchtliches Vibrato aufweisenden, hohe Töne nicht selbstverständlich erreichenden und in der großen für Paris nachkomponierten Arie ("Dors, ô cité perverse!") an exponierter Stelle dann auch verfehlenden Bass. Daneben verkörperte Ensemblemitglied Léonard Graus mit großem Ernst und ausdrucksvollem Bariton den Vitellius, Kollegin Anne-Catherine Gillet war mit ihrem im Forte etwas scharfen, frischen Soprano leggero als junge Babylonierin genau richtig besetzt. Einziger, aber skandalöser Störfaktor in der ansonsten kompetenten und unerhört textverständlich singenden Besetzung war Kathryn Harries, die ich vor einigen Monaten sensationell als Kostelnicka in Janaceks Jenufa in Amsterdam erlebt habe, die aber für diese schwierige Partie, bei der es neben dramatischer Intensität auch um Schöngesang geht, absolut nichts mitbrachte, was der Intendanz der am 16. Mai ihr 35jähriges Bestehen feiernden Opéra Royal de Wallonie spätestens während der Proben hätte auffallen müssen. Der (Mezzo-)Sopran der Engländerin spiegelt inzwischen die lange, keine Risiken scheuende Karriere in allen möglichen Stimmfächern wider: Die Register klaffen häßlich auseinander, die Höhe ist stumpf, brüchig und ausgehöhlt, die Spitzentöne werden mit grober Kraft herausgegellt oder durch pseudodramatischen Sprechgesang ersetzt, die Mitte ist löchrig und rau, die Tiefe vulgär gebrustet, und ihre Aussprache blieb auch unidiomatisch - hätte man nicht doch eine der Aufgabe gewachsene Muttersprachlerin mit intaktem Material für die Titelpartie gewinnen können? Höchstes Lob verdient dagegen einmal mehr der Chor der Opéra Royal, der in Ausschöpfung der gesamten dynamischen Palette bereits im kraftvoll intonierten Eingangschor überzeugte, besonders aber mit dem pianissimo genommenen "Schemâh Israel" im dritten Akt.
Nicht einmal zusammen sterben lässt man Salomé (Barbara Haveman) und den Propheten Jean (Jean-Pierre Furlan).
Der junge Kanadier Jacques Lacombe, der an der Maas 1999 bereits einen hervorragenden Werther dirigiert hatte, nahm sich voller Elan des von Robert Pourvoyeur zurecht als bald klar und elegant, bald schmachtend und feurig, bald schillernd und leuchtend beschriebenen Werks von orientalisch anmutendem, raffinierten Farbenreichtum und einer Fülle von hinreißenden melodischen Einfällen an, reihte einen akustischen Höhepunkt an den nächsten und wusste auch für die mitunter doch etwas kunstgewerblichen tönenden Zwischenspiele und obligatorischen Balletteinlagen zu interessieren - eine große Leistung.
Bei aller berechtigten Kritik am Libretto, an einigen wenigen Passagen der durchaus Längen aufweisenden Partitur und der mitunter geradezu hilflosen Regie: Ein tolles, hörenswertes Werk ist Massenets dritte Oper zweifellos - es gegen Strauss' Meisterwerk auszuspielen, ist unfair. Die Verantwortlichen des ORW indes möchte man ermutigen, die Zusammenarbeit mit St. Etienne fortzuführen und damit neben der Mozart-, Rossini- und Verdi-Pflege und dem Schmieden des Wagnerschen Ring einen weiteren programmatischen Schwerpunkt für die nächsten Jahre zu setzen. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Assistenz
Bühnenbild
Kostüme
Choreographie
Einstudierung
Licht
Choreinstudierung
Eine Koproduktion
SolistenHérodiadeKathryn Harries
Salomé
Une jeune babylonienne
Hérode
Jean
Phanuel
Vittelius
Un grand prêtre
Une voix
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