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Andrea Chénier
Oper in vier Akten
Text von Luigi Illica
Musik von Umberto Giordano

In italienischer Sprache mit französischen und flämischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 45' (eine Pause)

Premiere im Théâtre Royal de Liège
am 14. Juni 2002


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Opéra Royal de Wallonie
(Homepage)
Packendes Revolutionsdrama

Von Thomas Tillmann / Fotos von der Opéra Royal de Wallonie



Claire Servais ist in den letzten Jahren schon mehrfach mit wohldurchdachten, den sehr traditionellen Sehgewohnheiten des wallonischen Publikums Ansätze eines zeitgenössischen Regietheaters (wie es etwa in der Hauptstadt oder im benachbarten Deutschland zelebriert wird) näherbringenden, einfühlsamen Inszenierungen hervorgetreten, und auch diesem Revolutionsdrama wird sie mit ihrer durchaus weiblichen Sichtweise gerecht. Noch vor den ersten Takten beobachtet man den Dichter, der im Gefängnis seine letzten Verse zu Papier bringt (dank einer Videoprojektion konnte man den französischen Originaltext mitlesen), bevor er zur Hinrichtung gerufen wird und Blutspritzer seinen Schwanengesang unleserlich machen. Die folgende Handlung erscheint so überzeugend als Rückblende aus der Sicht des folgerichtig während des ganzen Abends am Bühnenrand präsenten Poeten, der seine Liebe zu Maddalena, die in ihrem weißen Kleid im Schlussbild fast wie ein Erlösung verheißender Todesengel erscheint, über politischen Weitblick und die Rettung seines Lebens gestellt hat und am Ende, losgelöst von Zeit und Raum, zusammen mit der Geliebten in eine bessere Welt voller Licht schreiten darf - starke Bilder, ein wenig kitschig vielleicht, aber alle Mal bewegend.

Vergrößerung Andrea Chénier (Ignacio Encinas) schreibt eines seiner berühmten Gedichte.

In Erinnerung bleiben neben den opulenten Roben von Christian Gasc, deren morbide Pastelltöne ebenso wie die grauen Strähnen in den Perücken das Ende der Nobilität sinnvoll unterstreichen, Dominique Pichous imposantes, von Olivier Wéry stimmungsvoll ausgeleuchtetes Bühnenbild, das dominiert wird von schweren Holzbalken und dunklen Mauern, die je nach vorgesehenem Handlungsort mit zarten Vorhängen drapiert werden, um eine Marat-Büste ergänzt werden oder von einer hohen Gerichtstribüne verdeckt werden, auf denen Begriffe wie Recht, Ehre, Gleichheit, Tugend oder Freiheit, die von den Revolutionären zwar immer wieder bemüht, aber letztlich doch pervertiert wurden, fast höhnisch das Geschehen kommentieren. Einen besonderen Reiz übte bei all dem das Geschehen vor der Opéra Royal de Wallonie aus: Ein Dutzend belgischer Fußballfans feierte bereits seit den Vormittag mit lautstarkem Hupen und Autocorsos den Einzug ihres Nationalteams ins Achtelfinale der Fußballweltmeisterschaft, und wie die Gäste der Contessa di Coigny auf der Bühne bald voller Unverständnis, bald mit offen zur Schau getragener Arroganz oder auch mit heimlicher Sympathie auf den Auftritt der revoltierenden Dienerschaft reagieren, so taten es die dem merkwürdigen Treiben in der Pause aus sicherer Entfernung zuschauenden Premierenbesucher.

Vergrößerung Incredibile (Rodolphe Briand, rechts) bespitzelt nicht nur das Liebespaar, sondern versucht auch Gérard (Marcel Vanaud, links) zurück auf den Weg der revolutionären "Tugend" zu bringen.

Man vergisst, welche Qualitäten Friedrich Pleyer auch im italienischen Repertoire hat: Bei seiner ersten Beschäftigung mit diesem zentralen Werk des Verismo machte er nicht nur die verschiedenen Einflüsse deutlich, von denen Umberto Giordano sich inspirieren ließ, sondern erwies sich einmal mehr als nie die Übersicht verlierender, zupackender Kapellmeister von großer Autorität, der Sänger zu begleiten versteht, ohne ihnen zu viel Freiheit zu lassen, der die mannigfachen Stimmungen der Partitur zwischen höfischer Eleganz und Delikatesse auf der einen und zupackender Emphase, Herz und Glut auf der anderen Seite gleichermaßen sensibel wie präzis herauszuarbeiten versteht, der abwechslungsreiche, spannende Tempi vorgibt, die nie ins eine oder andere Extrem verfallen.

Vergrößerung Nicht nur Incredibile (Rodolphe Briand, Mitte), sondern auch die blutrünstige Masse (Chor der Opéra Royal de Wallonie) zwingen Gérard (Marcel Vanaud, kniend), die Anklageschrift gegen Chénier (Ignacio Encinas, rechts sitzend) zu unterzeichnen.

Ignacio Encinas hat zweifellos seine Fans bei der Intendanz der Opéra Royal de Wallonie und beim Publikum, aber er hat sicher nicht die dramatische Stimme, die die Titelpartie erfordert: Nur in der immer noch attraktiven Mittellage verfügt sein Tenor über die nötige dunkle Farbe, nicht jedoch im ohnehin nicht unproblematischen Passaggio und in der zwar nach wie vor glänzend ansprechenden, aber einfach zu hellen, flachen Höhe, ihm fehlt die Stamina für das kräftezehrende Schlussduett, das ihn an den Rand der Heiserkeit führte, und da nützt es auch nichts, dass er in lyrischeren Momenten schön auf Linie singt und glänzend phrasiert, wenn er sich ansonsten mit außermusikalischen Mitteln, geradezu penetranter Rampensteherei und den Zuschauern den Applaus geradezu abtrotzenden Stummfilmgesten disqualifiziert - er hätte die schwereren Partien seines Fachs niemals singen dürfen (seine diskutable Leistung als Manrico im Amsterdamer Concertgebouw vom Oktober vergangenen Jahres kam gerade zu einem sehr vernünftigen Preis bei der Firma Companions Classics heraus). Dies wurde um so deutlicher, als er mit Lisa Houben eine junge, schauspielerisch sehr begabte und anrührende Maddalena an seiner Seite hatte, die eben nicht nur an der Produktion schöner Töne interessiert war, sondern sich beeindruckend auf das Drama einließ und viel aus dem Text machte. Ihr Sopran hat genügend Fundament in Mittellage und Tiefe, um die tiefe Tessitur der Partie zu bewältigen (nachzuhören auf einer von Pop Records vertriebenen Aufnahme von sechzehn Ave-Maria-Versionen, unter anderem von Cherubini, Mercadante, Verdi, Leoncavallo, Puccini und Mascagni), auch wenn die Stimme in der Vollhöhe trotz einer nicht zu leugnenden Schärfe und einigen Verhärtungen am attraktivsten klingt, bei Tönen oberhalb des Systems aber sehr eng und grell wird. Eine erstklassige Besetzung für den Gérard war Marcel Vanaud, dessen Kavalierbariton noch weiter nachgedunkelt ist und an Kraft gewonnen, in der Höhe aber auch ein wenig an Farbe verloren hat, nicht aber die Flexibilität für feine Nuancen und gehaltvolle Piani.

Vergrößerung Maddalena di Coigny (Lisa Houben) zögert nicht eine Sekunde, mit dem Geliebten in den Tod zu gehen, den sie als Erlösung empfindet.

Von den Interpreten der kleineren Partien sind vor allem Mady Urbain, die eine vokal immer noch tadellose Contessa gab (sie war in dieser Rolle auch schon 1975 und 1989 in Lüttich zu erleben!), Christine Solhosse, die trotz hart erarbeiteter Höhe den bewegend-inspirierten, schlichten Ton für die alte Madelon fand, Claudia Marchi, die dank ihres hochindividuellen, klingelnd-scharfen Mezzos der Bersi klare Konturen verlieh, und Rodolphe Briand hervorzuheben, der mit präzis deklamierendem Charaktertenor als Incredibile zu erleben war, aus dem man freilich darstellerisch mehr machen kann. Der von Edouard Rasquin betreute Chor hatte seine besten Momente während der Pastorale des ersten Akts, sang im weiteren Verlauf aber eher laut als nuanciert.


FAZIT

Mit dieser szenisch wie musikalisch insgesamt gelungenen Neuproduktion entlässt die Lütticher Oper ihr Publikum in die Sommerpause und macht bereits Lust auf die neue, couleurs d'opera ... überschriebene Saison, in der man sich unter anderen auf Aufführungen von Verdis Attila und Trovatore, Strawinski Oedipus Rex, Mozarts Così fan tutte, Donizettis Elisir d'amore, Rossinis Donna del lago und die ersten beiden Teile des Wagnerschen Ring freuen darf.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Friedrich Pleyer

Assistenz
David Miller

Inszenierung
Claire Servais

Assistenz
Frédéric Roels

Bühnenbild
Dominique Pichou

Kostüme
Christian Gasc

Assistenz
Valérie Ranchoux

Licht
Olivier Wéry

Choreinstudierung
Edouard Rasquin

Eine Neuproduktion der
Opéra Royal de Wallonie



Chor der
Opéra Royal de Wallonie

Orchester der
Opéra Royal de Wallonie


Solisten

Maddalena di Coigny
Lisa Houben

Bersi
Claudia Marchi

Contessa di Coigny
Mady Urbain

Madelon
Christine Solhosse

Andrea Chénier
Ignacio Encinas

Carlo Gérard
Marcel Vanaud

Un incredibile
Rodolphe Briand

Pietro Fléville
Patrick Delcour

L'Abbate
Guy Gabelle

Roucher
Roger Joakim

Fouquier-Tinville
Léonard Graus

Mathieu
Lionel Lhote

Schmidt
Jean-Marie Delpas

Dumas
Keith Tillotson

Il maestro di casa
Nicolas Mottart



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Opéra Royal de Wallonie
(Homepage)



Da capo al Fine

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