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Kämpfende Königinnen
Von Thomas Tillmann
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Fotos von Matthias Stutte Erinnern Sie sich an Denver-Clan? An die handgreifliche Auseinandersetzung zwischen Alexis und Krystle, die in Blakes gepflegten Teichanlagen vor der Carrington-Villa endete und die Darstellerin Joan Collins und Linda Evans einmal nicht perfekt aussehen ließ? Im Programmheft zur Neuinszenierung von Donizettis Königinnenoper Maria Stuarda, die erstaunlicherweise erst 1967 nach einer Inszenierung beim Maggio Musicale in Florenz ihren Siegeszug über die internationalen Opernbühnen antrat, findet sich ein Szenenbild aus der amerikanischen Soapopera der achtziger Jahre, und die Kostüme des Chores im ersten Bild könnten ebenso in diese Ära weisen. Letztlich möchte man der irgendwie kleinlichen Frage nach der Handlungszeit aber auch gar nicht weiter nachgehen, denn was einem in Krefeld in den zwei ein halb Stunden an Spannung und psychologisch einleuchtender (und eben nicht überfrachteter!) Deutung des bekannten Stoffes ohne den andernorts zweifellos fälligen Rückgriff auf Schillers sicher tiefschürfenderes Drama (Giuseppe Bardari, der siebzehnjährige Textdichter, reduzierte die Darstellerzahl von 21 Personen auf sechs, indem er verschiedene Charaktere zusammenfasste, zahlreiche Nebenhandlungen eliminierte und den vom deutschen Dichter politisch-philosophisch behandelten Stoff auf den Konflikt der um Liebe und Thron rivalisierenden Königinnen einschränkte), dem Rezensenten inzwischen unerträgliche Regietheatermätzchen oder mehr überrumpelnden als sinnstiftenden szenischen Aufwand geboten wird, ist beträchtlich und unbedingt sehenswert - basta.
Foto links:Elisabetta, Königin von England (Carola Guber), hält Hof, flankiert von Cecil (Mikhail Lanskoi) und Talbot (Ulrich Schneider).
Elisabeth ist zwar Regentin, aber wie gefangen im Kerker ihrer Etikette und der Staatsräson, sie "muß die Frau in der Regentin vernachlässigen. Das macht ihr persönliches Leid aus", betont Gert Sautermeister in seiner Untersuchung über die Schillerschen Dramen. "Weil von mir selbst mein zweites Ich ich trenne", hat die englische Königin es selber in einem Gedicht formuliert, und von dieser Einschätzung könnten sich Regisseur Alexander Schulin, der an der Gemeinschaftsbühne auch schon herausragende Produktionen von Madama Butterfly und Luisa Miller verantwortete, und seine Kostümbildnerinnen Cornelia Brunn und Merle Hensel Elisabeth haben leiten lassen, wenn die offizielle, einstudiert-vorgegebene Gesten und Floskeln benutzende Elisabeth in einer imposant-monströsen, auf Rollen gesetzten Robe zu ihren öffentlichen Auftritten hineingeschoben wird und wenn die verletzte Frau im schlichten roten Kleid der Liebenden ihre privaten Sehnsüchte und Gefühle reflektierend aus diesem starren Gerüst ausbricht (während Maria durchgängig ein schlichtes, knielanges, aber raffiniert geschlitztes Kleid trägt, das vor allem beim Hinsetzen den Blick auf die schönen Beine seiner Trägerin freigibt). Besonders eindringlich gerät dieser Ansatz in der Schlussszene, wenn sie sich in dem überdimensionalen stählernen Reifrock-Gerüst, das ihr zu einem Gefängnis geworden ist, geradezu verliert, es aber auch nicht dauerhaft verlassen kann. Die Antipodin indes wird auch nicht eindeutig als mitleiderregendes Opfer charakterisiert: Obwohl Maria in der Verkörperung der mehr als attraktiven Janet Bartolova nur ansatzweise die "alternde Kokotte, die sich auskennt. Heftig, eitel, mit Haltung" ist, wie Bertolt Brecht es treffend formuliert hat, so merkt man doch von Anfang an, dass diese zweifellos vom Schicksal schwer getroffene Frau Machtinteressen verfolgt und um ihre Wirkung auf ihre männliche Umwelt weiß, wenn sie etwa beim Klang der Hörner Kostüm und Lippen überprüft und zur Schlussszene die ansonsten schlicht gehaltene Frisur zu einem opulenten Lockendutt auffrisiert und eine elegante Abendrobe im Rot der Märtyrerin auswählt. Im Zentrum der Aufführung steht natürlich das Aufeinandertreffen der Rivalinnen (bei einer Uraufführungsprobe artete das Duett zu einer handfesten Schlägerei zwischen den beteiligten Sängerinnen aus!), die sich zunächst vorsichtig umschleichen, bevor Elisabeth die vermeintlich sanfte Konkurrentin parodiert, indem sie gedankenverloren Blumen pflückt, um diese dann ins Gesicht der Gegnerin zu schleudern, die ihrerseits die Mächtigere zu Boden zwingt und ihr am Ende ihres Fluches gar einen wenig herrschaftlichen Tritt versetzt, bevor sie fast wie Elektra einen beschwingten Siegestanz beginnt und die Engländerin geradezu entfesselt Rache schwört - das Publikum hielt zurecht den Atem an.
Foto links:Maria (Janet Bartolova) ist die Demütigungen ihrer englischen "sorella" Elisabetta (Carola Guber) gründlich leid und wehrt sich.
Neben der exzellenten Personenführung und der eine profunde Werkkenntnis erkennen lassenden, differenzierten Figurenzeichnung besticht auch die ungemeine Sorgfalt im Detail, wenn etwa durch das Eingreifen von Securitykräften bei der kleinsten Berührung der Königin die angespannte Situation am englischen Hof angedeutet wird, wenn die unterwürfige Liebe der Anna Kennedy durch das maskuline Kostüm eine leicht homoerotische Note bekommt, wenn der nicht übermäßig geforderte Chor nicht nur die Bühne füllt, sondern eine anspruchsvolle Choreografie zu absolvieren hat, wenn sich die Rivalinnen gegen Ende in bewusster Abweichung vom Libretto doch noch einmal ins Auge blicken und so Ilse Grahams Deutung, der zufolge Maria die "greifbare dramatische Verkörperung der geheimen erotischen Triebe ihrer 'Schwester'" ist, ein zweites Mal aufgegriffen wird: "Ihr Treffen ... (ist) für beide eine Konfrontation mit sich selbst; genauer gesagt, mit den unterdrückten und unausgebildeten Zügen ihrer Seele, die ihr nun unbequemer Weise in Gestalt ihres eigenen verwandten, aber feindlichen Alter ego entgegentreten." Ein Sonderlob verdient bei all dem Bühnenbildner Christoph Sehl, nicht nur für die wunderschöne, sich im Prospekt im Bühnenhintergrund fortsetzende, vom französischen (Marias "Herzensheimat"!) Impressionismus inspirierte mit Mohnblumen überzogene Wiese im Schlosspark von Fotherinhay, die im letzten Akt durch eine Schneelandschaft ausgetauscht wird.
Foto rechts:Maria Stuarda (Janet Bartolova) genießt die wenigen Momente im Park des Schlosses Fotherinhay, die ihr zugestanden werden.
Janet Bartolova ist wahrlich keine schlechte Wahl für die Titelheldin: Sie ist eine aparte, schöne Frau in den besten Jahren mit einer nicht zu leichten, vor allem in der Mittellage ausdrucksstarken, farbigen, nicht mehr ganz jungen, durchaus kleinere "Kratzer" aufweisenden Stimme, der manches Decrescendo, mancher Höhenaufschwung und manches Pianissimo nicht ganz leicht fallen und mancher Acuto ein bisschen knapp und zu tief gerät. Und doch: Selbst dieses Flackern in der Stimme, dass die Toleranzgrenze mitunter auch überschreitet, weiß sie geschickt in ihr Rollenportrait dieser bemerkenswerten Frau einzubeziehen, das ist alles tief empfunden und zu Herzen gehend und darum in der Summe kein bisschen weniger beeindruckend als - pace, liebe Fans! - das Gehauche einer Edita Gruberova, die darstellerische Kühle einer Joan Sutherland, die Manierismen einer Montserrat Caballé, die Koloratureskapaden einer Beverly Sills oder die die Grenzen des Schöngesangs sprengende Expressivität einer Leyla Gencer. Erstaunliches Format und den nötigen Biss entwickelte aber auch die junge Carola Guber in der Rolle der englischen Königin: Nachdem man anfangs noch ein wenig um die Durchschlagskraft der tiefen Lage, die Sauberkeit der Koloraturen gebangt und ein paar klirrend-schrille Höhen beklagt hatte, war man im Folgenden begeistert von der ehrlich gesagt nicht geahnten Fülle und den Farbenreichtum in der Mittellage, über die geschmackvoll eingestreuten Schwelltöne, über die Präsenz der vielen Acuti, die sie ihrem hochgelagerten und damit für diese (Shirley-Verrett-)Partie idealen, geläufigen Mezzo entlockte, über die stupende Rollenidentifikation, ihr Bühnentemperament und die Tiefe ihrer Charakterisierung.
Foto rechts:Das hatte sich die hochmütige Elisabetta (Carola Guber, am Boden) anders vorgestellt: Jetzt beschimpft die schottische Konkurrentin Mary Stuart (Janet Bartolova) sie als Bastard der Boleyn und als Schande Englands, zum Entsetzen Cecils (Mikhail Lanskoi, hinten) und allen anderen Anwesenden.
In großes Erstaunen versetzte mich auch Man-Taek Ha, dessen durchaus kräftig timbrierter lyrischer Tenor für den umschwärmten Leicester zwar nicht gerade ein Übermaß an vokalen Schattierungen und Nuancen parat hatte (und auch die leichten Nebengeräusche im Passaggio und das stets vorhandene Tremolieren bleiben Geschmackssache), dessen Souveränität in der Ausführung der nicht wenigen Spitzentöne und die stilistische Sicherheit aber hervorzuheben sind. Daneben gab Michael Schneider den Talbot mit der nötigen väterlich-priesterlichen Autorität und mächtigem, mitunter auch knarzenden Bass, Mikhail Lanskoi fand den richtigen Deklamationston für den am englischen Hof die Fäden ziehenden und aus Gründen des Staatsräson sowie aus Sorge um die Sicherheit Elisabeths für die Hinrichtung der Schottenkönigin plädierenden Intriganten Cecil (er führt Elisabeth die Hand, wenn sie das Todesurteil Marias unterzeichnet), ohne dass man auf ausladend-kraftvolle Töne hätte verzichten müssen. Von Maria Hilmes hätte man wie schon öfter gern mehr gehört; einen musikalischen Höhepunkt des Abends steuerte auch der Chor der Vereinigten Städtischen Bühnen bei, der kraftvoll, aber auch subtil und kongruent "Oh truce apparato" intonierte. Kenneth Duryea sicherte am Pult der Niederrheinischen Sinfoniker nicht nur einen weitgehend präzisen Vorstellungsablauf (freilich häuften sich die Patzer des Blechs gegen Ende), sondern stellte sich - von den etwas ausgewalzten Arieneinleitungen abgesehen, die sich vom ansonsten schwungvollen Spiel allzu sehr absetzten - erfreulich uneitel in den Dienst der Sache, und das heißt bei Donizetti nun einmal in erster Linie Sängerbegleitung. Nicht unerwähnt bleiben soll der Umstand, dass alle Partien mit Ensemblemitgliedern (!) wie Elena Nebera, Vuokko Kekäläinen, Kairschan Scholdybajew oder Philip Rock durchaus attraktiv doppelt besetzt sind.
Da ist dem Gemeinschaftstheater ein ganz großer Coup gelungen, der schnell zum Kultevent avancieren könnte und das Vorurteil widerlegt, dass Belcanto nichts weiter als langweilige Stimmbandakrobatik ist - unbedingt hingehen! Und vielleicht doch Anna Bolena und Roberto Devereux in einer der nächsten Spielzeiten? Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Dramaturgie
Choreinstudierung
SolistenElisabetta,Königin von England Carola Guber* Vuokko Kekäläinen
Maria Stuarda,
Anna Kennedy,
Roberto,
Giorgio Talbot,
Lord Guglielmo Cecil,
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