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Wir haben sie verlorenVon Angela Mense
Wenn man mal von den pompösen Nebenhandlungen, Tanzeinlagen und Farcen absieht, ist dies das Résumée von Jacques Offenbachs "Orphée aux enfers". Ein geistreicher, leicht blasphemischer Unterhaltungsklamauk. So präsentiert sich die opéra bouffe zumindest dem Theaterbesucher in der laufenden Spielzeit des Kaiserslauterer Pfalztheaters. Ein Abbild des Olymp, das die Götter in theatralischen Posen zeigt, prangt auf dem Vorhang. Doch noch bevor dieser sich hebt, stört eine bunte Versammlung die Feierlichkeit. Götter, Menschen, Teufel, Nymphen und Musen erscheinen als Gruppenbild auf der Bühne und machen von Anfang an klar, daß es hier um Geschichten aus dem Leben geht, und zwar ohne den berühmten Ernst. Daran kann auch die alte Jungfer im schwarzem Kostüm nichts ändern, die schimpfend in die Veranstaltung platzt; die olympischen Hoheiten führen die "öffentliche Meinung" an der Nase herum. Und so wohnt das Publikum im Verlauf der nächsten zwei Stunden einem Beziehungsdrama aus der Boulevardpresse bei, in dem die antike Mythologie ohne Rücksicht auf Verluste durch den Kakao gezogen wird.
Dies tut die Kaiserslauterer Aufführung unter der Regie des Intendanten Wolfgang Quetes in einer insgesamt runden und visuell ansprechenden Inszenierung, auch wenn das karnevalistische Treiben dem Betrachter schon mal zu bunt und unübersichtlich wird. Hier zeigt sich die Kostümierung etwas zu detailverliebt. Zum Glück beschert die Inszenierung zur Orientierung ab und an visuelle erste Hilfe in Form von lebenden Bildern, so z.B. wenn Jupiter seinen olympischen Hofstaat zum Empfang des Orpheus im "großen Zeremoniell" um sich schart. Dann kann man die phantasievolle Kostümierung der Götter bewundern: Vulkan tritt als Schmied auf, Cupido jagt mit Inline-Skates über die Bühne, Aphrodite ist als rosa Zuckerpüppchen mit wallenden blonden Locken zu sehen und um sie herum tanzen die Nymphen in Badekostümen der 20er Jahre.
Auch Offenbach liebte opulente Kostümfeste. Seine Bühne, die "Bouffes Parisiennes", stand deswegen permanent in den roten Zahlen. Ein Kassenschlager mußte her. "Orpheus in der Unterwelt", der die konsum- und genußsüchtige Bourgeoisie bedienen sollte, hatte bei dessen Uraufführung im Jahre 1858 zunächst nur mäßigen Erfolg. Das Publikum verstand das Stück als burlesken Fastnachtsklamauk des Kölner Komponisten. Erst der damals berühmt berüchtigte Kritiker Jules Janin gab mit seiner Anklage gegen die "Profanation des glorreichen Altertums" den entscheidenden Wink. Die Vergackeierung des Olymp wurde von nun an als Karikatur des Regimes unter Napoleon III gesehen. Die Kasse klingelte und das Stück mußte letztendlich wegen Erschöpfung der Darsteller nach der 226. Vorstellung abgesetzt werden.
Leider sind viele der zeitbezogenen Anspielungen heute nicht mehr verständlich. So z.B. Jupiters Travestie als Fliege, die das Bienenmotiv im Wappen Bonapartes banalisiert. Oder die wenigen Takte der damals verbotenen Marseillaise. "Ich habe sie verloren", spielt Orpheus Jupiter auf seiner Geige vor. "Gluck, Gluck", antworten die Himmelsbewohner und schon ist der intertextuelle Anspruch, zwar trivialisiert, jedoch offensichtlich. Was noch bleibt, ist die nach wie vor zeitlose Karikatur einer doppelbödigen Gesellschaft, die allzu oft und in vollem Bewußtsein Sein mit Schein verwechselt. Was könnte diesen Zustand besser verdeutlichen als die kolossalen Marmorwände, die nicht nur auf der Kaiserslauterer Bühne als falsche Fassade herhalten? Überhaupt kann man Heinz Balthes' Bühnenbild dafür loben, daß es visuellen Purismus mit verspielter Symbolik zu vereinen weiß. Wie ein roter Faden zieht sich eine gleichbleibende optische Symmetrie durch die vier Akte. Es variieren lediglich die ortsbestimmenden Elemente wie z.B. stilisierte Sonnenblumen für eine Garten- und Heidelandschaft, an deren Stelle nackte Frauenbeine im Takt des abschließenden Höllenbachanals winken und das Hintergrundbild einer die räumliche Perspektive öffnenden Spalte in der Marmorwand. Nicht immer traf die Kaiserslauterer Inszenierung den Offenbach'sche Ton, jene Mixtur aus karnevalesker Posse und französischem Esprit. Das Stück wird dort zu platter Unterhaltung, wo es an komödiantischer Phantasie fehlt. Wenn die "Öffentliche Meinung" zum x-ten Mal mit dem schwarzen Regenschirm herumfuchtelt oder Orpheus mit ausladenden Bewegungen das Geigenspiel mimt, fehlt ein gewisser Einfallsreichtum, der das Spiel nicht zum Déjà-vu banalisiert. Andererseits wiegen kleine anachronistische Eingriffe in die Vorlage nicht mehr verständliche Persiflagen auf. Gelungen ist in diesem Zusammenhang der Auftritt des Höllendieners Hans Styx als Nosferatu, der die in der Unterwelt festgehaltene Euridike belästigt. Zu bewundern ist in Kaiserslautern sicherlich die musikalische Leistung der Aufführenden. Nicht nur das Kammerensemble, bestehend aus Studenten der Saarbrücker Hochschule für Musik und Theater, trägt Offenbachs musikalischen Witz und Einfallsreichtum souverän vor; auch die Besetzung mit gelernten Schauspieler überzeugt. Die individuelle Vortragsart erinnert an den Charme kabarettistischer Lieder und Chansons. Hier wären vor allem Ilona Christina Schulz in der Rolle der Euridike und Arabella Noh als Cupido zu erwähnen. Dagegen ist die Besetzung eines professionellen Sängers wie Hannes Brock als Pluto dramaturgisch inkonsequent.
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ProduktionsteamMusikalische LeitungWilli Haselbeck / Ulrich Pakusch
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Chorleitung
Choreographie
Regieassistenz und Abendspielleitung
SolistenOrpheusDietmar Durand
Euridyke
Die öffentliche Meinung
Pluto
Jupiter
Juno
Hans Styx
Venus
Cupido
Diana
Merkur
Mars
Minerva
Vulkan
Morpheus
Bacchus
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