"Schnufti, Schnufti, was liegt da in der Lufti?"
Gelungener Auftakt der Reihe "Opera piccola"
Von Iris Hennig
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Fotos von Jörg Landsberg
Fragt man bildungsbeflissene Eltern danach, mit welchen Werken sie ihrem Nachwuchs die Welt der Oper näher zu bringen versuchen, so kommt meistens nach Humperdincks "Hänsel und Gretel" und Projekten wie der "Zauberflöte für Kinder", schon bald nichts mehr. Es fehlen auf der Musiktheaterbühne insbesondere kindgerechte zeitgenössische Stoffe, und wann, wenn nicht in der Kindheit, sollte das Ohr für gegenwärtige musikalische Sprache geschult werden?
Foto links:
Frieder Stricker (Pollicinos Vater), Tanya Aspelmeier (Pollicinos Mutter), Pollicino und seine Brüder
Die Hamburgische Staatsoper will mit der neuen Reihe "Opera Piccola" diesem Zustand Abhilfe schaffen: Auf Kampnagel, dem ehemaligen Fabrikgelände und Spielstätte für Avantgardistisches und Experimentelles, brachte sie am 17. Februar "Pollicino" von Hans Werner Henze heraus.
Der Stoff zu Pollicino (deutsch: Däumling), ist eine Mischung aus Elementen europäischer Märchen:
Pollicino und seine 6 Brüder wohnen mit den Eltern im Wald in ärmlichen Verhältnissen, der Vater wartet auf sein Geld, die Mutter weiß nicht, wie sie ihre Kinder satt kriegen soll. Sie setzen die Kinder aus, doch Pollicino legt Steinchen als Spur aus und findet zurück. Zu hause finden die Kinder ihre Eltern schwelgend in Essen. Beim 2. Mal finden die Kinder nicht mehr zurück und verirren sich im Wald, dort treffen sie Tiere, die sie zum Haus des Menschenfressers Fürchterlich geleiten. Dort beschließen die 7 Brüder mit den Töchtern des Menschfressers die Flucht. Nach der Überquerung des gefährlichen Flusses erreichen sie endlich das Tal des Friedens.
Foto rechts:
Alexander Tsymbalyuk (Herr Wolf), Pollicino und seine Brüder, Waldtiere
Das besondere an dieser gegenwärtig meistgespielten Kinderoper ist, dass Henze sie 1980 als eine Oper von Kindern für Kinder schrieb: "Während die Kinder schauspielern, singen und musizieren, erzeugen und hören sie Klänge, denen sie später wieder begegnen werden, in Konzertsälen, hoffentlich auch in Opernhäusern." Und so waren Kinder, Schüler und Schülerinnen Hamburger Schulen und der Staatlichen Jugendmusikschule sowie Mitglieder der Hamburger Alsterspatzen, die Hauptakteure des Abends, die, neben wenigen Berufsmusikern in den Erwachsenenrollen, den Abend unter der souveränen Leitung des 21jährigen Cornelius Meister, auf professionelle Weise und hoch konzentriert bestritten. Man mag über die Musik Henzes, in ihrer traditionellen Verhaftung, geteilter Meinung sein. Ihr stark illustrierender Charakter korrespondiert mit der traditionellen (und verglichen mit dem Niveau modernen Kindertheaters erstaunlich eindimensionalen) Textvorlage: die Gitarre für Naturbilder, ein Blockflötenchor für die Kinder, Percussionsinstrumente für Marschelemente und Gefahr. Ebenso konnte man Zitate aus italienischen Opern sowie ein Volklied im Abschlussbild hören.
Foto links:
Yoko Kawahara-Stobinski (Frau des Menschenfressers), Sven Olaf Gerdes (Der Menschenfresser), Pollicino und seine Brüder
Die kleinen Sänger, insbesondere Daniel Weber in der Hauptrolle und seine Brüder, sangen und spielten durchweg auf hohem Niveau, kleine Tonunreinheiten konnten da leicht verziehen werden. Frieder Stricker als der Vater und Tanya Aspelmeier (zwar indisponiert, aber wunderbar als die besorgte Mutter), der für den erkrankten Menschfresser Sven Olaf Gerdes eingesprungene Wilhelm Tepe, (hervorragend als er Kinderfleisch witternd "Schnufti schnufti, was liegt da in der Lufti" schreit und herumtorkelt, Yoko Kawahara-Stobinski als seine Frau und Alexander Tsymbalyuk als Wolf standen den Kindern zur Seite ohne zu dominieren.
Foto rechts:
Clotilde, Tochter des Menschenfressers und ihre Schwestern
Regisseur Christoph von Bernuth, seit 2001 Spielleiter an der Hamburg Oper, hat aus der Vorlage eine Melange aus stilisierte Märchensymbolen und modernem Märchen von heute gemacht, wo im Wohnzimmer der Fernseher läuft und das Essen aus Cornflakes und Hundefutterpackungen kommt. Insbesondere bei den Ensembleszenen, wie dem Versteckspiel oder der scheinbaren Familienidylle auf dem Sofa, sprang die Spielfreude der Kinder aufs Publikum über.
Das Bühnenbild von Heinz Gellrich: ein Schaukasten mit stilisiertem Wohnwagen und variablen Türelementen, erst Zuhause der Kinder dann grellbuntes Haus des Menschenfresser, sowie die Kostüme von Doris Kirchhoff (sehr schön die liebevolle Ausstattung der Tiere und die Stereotypisierung der Gruppen durch die gleichen Kostüme: Mädchen mit Masken und rosa Kleidern, Jungen mit Wollmützen) vermitteln Theaterzauber pur.
FAZIT
Eine logistische und pädagogische Hochleistung mit professionellem Anspruch. Man darf gespannt sein auf die nächsten Projekte der Hamburger "Opera Piccola"!
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