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Schach der Opéra comique!
Von Stefan Schmöe
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Fotos von Olaf Struck
Francois-André Philidor (1726 - 1795) ist ein begnadeter Schachspieler gewesen. In Zeiten, in denen mit der Opéra Comique nicht genug Geld zu verdienen war, finanzierte er seinen Lebensunterhalt als Kaffeehausspieler mit Schach wohlgemerkt, nicht als Stehgeiger. Er vermochte eine Folge von Tönen mit derselben Leichtigkeit anzuordnen, mit denen er eine Schachpartie übersah urteilte Grétry, der wohl wichtigste Vertreter der französischen komischen Oper im 18. Jahrhundert, über Philidors 1765 entstandenen Tom Jones. In der Tat gibt es in der Partitur eine Reihe brillanter Nummern, allen voran das den 2. Akt beschließende Septett, und die differenzierte Behandlung der einzelnen Figuren innerhalb eines Ensembles oder Duetts weist bereits auf Mozart voraus. Grund genug also, den auf der Opernbühne längst vergessenen Tom Jones einmal aus der Versenkung hervorzuholen.
Inhaltlich geht die Oper auf den gleichnamigen Roman von Henry Fielding zurück, der allerdings auf das beschauliche Format einer komischen Oper zurechtgestutzt ist: Sophia liebt das (inzwischen erwachsene) Findelkind Tom Jones, soll aber den intriganten Fiesling Blifil heiraten, weil ein herkunftsloser Bräutigam nicht standesgemäß ist. Ohne dass es zu wirklichen Verwicklungen kommt, erscheint etliche Arien später eine Art Deus ex machina und offenbart, dass Tom nicht nur aus guten Verhältnissen stammt, sondern sogar Blifils Halbbruder ist (was der hinterhältige Blifil zwar wusste, aber vorsorglich verschwieg, um an Sophias Mitgift heranzukommen). Wichtiger als die Handlung ist die witzige Charakterisierung der Figuren, und die Nähe zu Moliere ist greifbar dessen Tartuffe in der Vertonung von Kerke Mechem wurde zu Saisonbeginn in Hagen aufgeführt. Die Gegenüberstellung beider Werke, Tom Jones historisch, Tartuffe aus Sicht des 20. Jahrhunderts historisierend, hat ihren Reiz und zeugt von durchdachter Spielplanpolitik.
Regisseurin Renate Liedtke-Fritzsch setzt das Orchester auf die Bühne, wo es in einem Spukschloss mit Ritterrüstung und Gespenst (Bühne: Hartmut Krügener) platziert wird. Hin und wieder greifen die Musiker in das Geschehen ein, doch ein wirklich zwingender Grund für diese erhöhte Position ist nicht zu erkennen. Vielmehr scheint dies symptomatisch für die gesamte Inszenierung: Die Regisseurin ist um einen flotten Ablauf bemüht, aber ein wirkliches Konzept, das über eine etwas unausgewogene Mischung von Humor und Klamauk hinaus geht, ist ihr nicht eingefallen. Manchmal wirken die Aktionen der als Karikaturen auf englisches Bürgertum ausgelegten Darsteller überdreht, dann gibt es wieder viel Leerlauf. Manche Pointe, (beispielsweise beginnt der Dirigent zwischenzeitlich ein Schachspiel) geht im etwas unübersichtlichen Geschehen fast unbemerkt unter. Durch die insgesamt solide Personenregie ist die jeden tieferen Sinn meidende Regie zwar mäßig unterhaltsam, aber der Funke, den die Regisseurin schlagen möchte, will nicht so recht auf das Publikum überspringen.
Allerdings fehlt auf der musikalischen Seite die Brillanz, die über zweieinhalb Stunden tragen könnte. Das Hagener Ensemble müht sich nach Kräften, aber das wegen seiner schlichten Handlung vermeintlich einfache Stück beweist seine Tücken. Vor allem Magdalena Bränland in der Rolle der Sophia fehlt Leichtigkeit und Spritzigkeit. Zwar beherrscht sie technisch ihre Partie, aber der Esprit, den die Opéra comique fordert, bleibt sie schuldig. Insgesamt ist ihre Sophia extrem brav wird darin aber noch von der Titelfigur übertroffen. Dominik Wortig legt den Tom als naiven Trottel an, der alles mit sich machen lässt; warum sich aber die Frauen in diesen zögerlichen Softi verlieben, das ist sehr rätselhaft. Die Regisseurin schickt ihn zwischenzeitlich mal mit einer Dorfschönheit ins Gebüsch, aber so etwas nimmt man ihm wahrlich nicht ab. Auch musikalisch ist von einem Verführer bei Dominik Wortig nichts zu spüren.
Besser gelingt es Bernd Valentin, seine Rolle (Sophias Vater) zu charakterisieren, den stärksten Eindruck aber hinterlässt Boris Leisenheimer als schmieriger Bösewicht Blifil, schon vom Kostüm her halb Mensch, halb Schlange: Beide Sänger können auch etwas vom Witz der Musik deutlich machen. Marilyn Benett als Sophias Tante und Silke Evers als Zofe sorgen schauspielerisch durch witzige Überzeichnung ihrer Figuren für viel Schwung auf der Bühne, könen dies aber musikalisch nur in Ansätzen fortführen. Insgesamt stößt das Ensemble an, dass von Frau Luna über Tom Jones bis zu Madama Butterfly eben alles singen muss, ohne sich auf einen Stil spezialisieren zu können, an seine Grenzen.
Beachtliches leistet über weite Strecken das Orchester, das in der hier besprochenen Vorstellung jederzeit souverän von Uwe Münch (die Premiere dirigierte Anthony Hermus) geleitet wurde. Mit eher trockenem, dabei transparentem Klangbild wird sehr vital und beweglich musiziert. Leider konnte die hohe Intensität und Konzentration des Anfangs im dritten Akt nicht ganz durchgehalten werden.
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Produktionsteam* Besetzung der rezensierten Aufführung
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühnenbild
Kostüme
Dramaturgie
SolistenSophiaMagdalena Bränland
Mrs. Honour
Mrs. Western
Mr. Western
Tom Jones
Blifil
Mr. Allworthy
Mr. Dowling
Wirtstochter
Jäger, Betrunkene
Libor Maly Wolfgang Niggel Bernd Stahlschmidt-Drescher
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- Fine -