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Tartuffe


Komische Oper von Kirke Mechem
Text nach Molière vom Komponisten

Westeuropäische Erstaufführung am Theater Hagen
am 15. September 2001


Logo: Theater Hagen

Theater Hagen
(Homepage)

Streifzug durch die Musikgeschichte

Von Stefan Schmöe / Fotos von Olaf Struck



In Tartuffe spielen alle Theater. In erster Linie natürlich die Titelfigur selbst, Tartuffe, der Parasit, der sich im Hause Orgons eingenistet hat und schlichte Frömmigkeit vortäuscht, um auf Kosten seines Gastgebers ein umso bequemeres Leben dort zu führen zu können. Aber auch Orgon gefällt sich in der Pose des Gönners, und seine Tochter Mariane nimmt die Rolle der pathetisch Liebenden (und Leidenden) an: Molière hat eine Gesellschaft zusammengestellt, die ihre Klischees genussvoll auslebt. Es liegt nahe, diese Komödie mit Musik zu füllen, liefert die Operngeschichte doch Vorlagen für die musikalische Ausgestaltung großer Gefühle, wie sie in Tartuffe aneinander gereiht werden, in Hülle und Fülle. Der amerikanische Komponist Kirke Mechem hat in seiner (1980 in San Francisco uraufgeführten) Opernfassung genau das getan: Sich der großen Vorbilder bedient – und daraus eine sehr witzige Partitur entwickelt, durch und durch tonal, aber mit ganz eigener Prägung. Strawinsky hat dieses Verfahren in The Rake`s Progress erfolgreich vorexerziert.

Szenenfoto Bin ich schön? Na ja, für Tartuffe reicht es ...

Die agierenden Personen entnehmen ihr musikalisches Material dem Fundus der westeuropäischen Musikgeschichte vom Mittelalter bis zu Puccini und Strauss. Tartuffe artikuliert sich vornehmlich in neo-gregorianischen Floskeln, Orgon setzt auf postbarocke Frömmigkeit. Dessen Frau pariert Tartuffes sexuelle Avancen in Puccinis Idiom, und Tochter Mariane leidet im Stile der Opera Seria. An den besten Stellen sind die Vorlagen skurril überzeichnet und erhalten trotz der Heterogenität der Mittel so etwas wie einen persönlichen Stil, in den schwächeren Passagen klingt es nach Parodie (an den schwächsten Stellen zitiert Mechem die Vorbilder wörtlich und unverfälscht). Manchen schönen Effekt hat er bei erfolgreichen Kollegen quasi geklaut, etwa das leitmotivisch prägnante „armer Mann“ Orgons, das in Verdis „povera donna“ aus dem Falstaff (dessen spritziger Ton ohnehin oft in der Luft liegt) sein Vorbild hat.

Szenenfoto ... um von Herrn Orgon eine Zeit lang ausgehalten zu werden. Kammermädchen sind da in der Regel klüger, und folglich durchschaut Dorine den Spuk ...

Über weite Strecken liefert diese Technik höchst vergnügliche Unterhaltung; allerdings neigt Mechem zu Weitschweifigkeit, wodurch die Oper auch manche Länge hat. In der Hagener Produktion, nach einer Inszenierung in St. Petersburg (1999) wohl die zweite in Europa und deshalb als „Westeuropäische Erstaufführung“ angekündigt, kommt der musikalische Witz leider nicht immer zu voller Geltung. Das Orchester unter der Leitung von Arn Goerke hat in manchen Passagen recht ordentlich mit der Partitur zu kämpfen und lässt die Leichtigkeit vermissen, die Voraussetzung für die Ironie ist, die sich in der Partitur versteckt. Das gilt übertragen auch für die Gesangsleistungen. Zwar singt das Ensemble recht ordentlich und durchaus rollendeckend, aber es fehlen die Reserven, um mit der Musik zu „spielen“ und die Doppelbödigkeit hörbar zu machen. Ein Beispiel: Wenn Orgons Tochter Mariane erfährt, dass sie Tartuffe heiraten soll, singt sie eine große traurige Arie. Kammermädchen Dorine karikiert dies, indem sie im Stile eines Kanons jede Phrase nachsingt. Musikalisch sollte hier ein lyrischer Sopran auf eine im Tonfall wesentlich leichtere Soubrette treffen, aber die Stimmen von Magdalena Bränland und Tanja Schun sind einander zu ähnlich, um diesen Effekt zu verdeutlichen. So geht eine Dimension dieser Komposition verloren. Ähnliches ließe sich für alle Sänger sagen.

Szenenfoto ... ähnlich schnell wie Orgons Tochter Mariane und dessen Verlobter Valère (was diese aber nicht daran hindert, aus gegebenem Anlass pathetische Arien im klassischen Stil zu singen).

Einiges wird wettgemacht durch die Spielfreude und die kluge Personenregie. Regisseur Werner Saladin lässt die Sänger auf einer leicht schrägen Spielfläche mit ein paar bürgerlichen Requisiten, die einen Hauch von Rokoko vermitteln (Ausstattung: Hartmut Krügener), ihr komödiantisches Talent ausspielen. Er verzichtet auf jede Aktualisierung, sondern setzt auf die Wirkung der molièreschen Vorlage. Er inszeniert das Werk in einer soliden und dabei unaufdringlichen, aber sehr unterhaltsamen Weise. So ist die Oper, die in Amerika sehr erfolgreich war, eine Bereicherung des Repertoires, die ihre Aufführung allemal lohnt.


FAZIT

Amüsanter Saisonstart, trotz einiger Abstriche sehenswert.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Arn Goerke

Inszenierung
Werner Saladin

Ausstattung
Hartmut Krügener

Dramaturgie
Uta Schmidtsdorff



Das Philharmonische
Orchester Hagen



Solisten

*Besetzung der Premiere

Tartuffe
Werner Hahn

Orgon
Arnd Gothe* /
Jae Jun Lee

Elmire, Orgons Frau
Marilyn Bennett

Damis, Orgons Sohn
Bernd Valentin

Mariane, Orgons Tochter
Magdalena Bränland* /
Anneli Pfeffer

Valère, Marianes Verlobter
Dominik Wortig

Dorine, Kamermädchen
Tanja Schun

Mme. Pernelle, Orgons Mutter
Dagmar Hesse

Diener
Johann Jordaan


Weitere Informationen
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