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Der Mann von La Mancha

Musical von Mitch Leigh und Dale Wasserman
Gesangstexte von Joe Darion
Deutsche Übersetzung von Robert Gilbert

Premiere am Theater Hagen am 1. Juni 2002

Aufführungsdauer: ca. 2h (keine Pause)


Logo: Theater Hagen

Theater Hagen
(Homepage)

Kalauernde Windflügelfechtereien in der Disco-Höhle

Von Stefan Schmöe / Fotos von Olaf Struck


Unlängst wurde Miguel de Cervantes' Don Quijote zum bedeutendsten Roman aller Zeiten gewählt. Unabhängig von Sinn und Unsinn solcher Urteile muss man zugeben: Don Quijote hat Konjunktur. Ob Globalisierungsgegner oder Kritiker von Genmaniulation - wer den Gesetzen von Markt und Medien mit moralischen Argumenten entgegen tritt, der gerät leicht in den unlösbaren Konflikt zwischen Idealismus und Realität, so wie der spanische Romanheld. Don Quijote ist im Scheitern seiner Ideale und seines Wertesystems eine der großen Symbolfiguren der abendländischen Kultur. Nur auf der Theaterbühne ist er verhältnismäßig wenig präsent.

Szenenfoto Auf in den Kampf: Der Dichter Cervantes spielt im Kerker vor, wie sein Romanheld Don Quijote, beseelt von den Idealen wahren Rittertums, auf den Spuren wahrer Tugend und Tapferkeit wandelt.

Mitch Leigh und Dale Wasserman haben das riesige Epos Cervantes' auf einige wenige Episoden zusammengestrichen, dafür aber eine Rahmenhandlung ergänzt: Der Dichter Cervantes, der in seinem Beruf als Steuereintreiber die Pfändung eines Klosters verfügt hat, wird von der Inquisition in den Kerker geworfen (darin wird die Biographie des realen Cervantes aufgegriffen). Dort ist er der Brutalität seiner Mitgefangenen ausgesetzt, und um sein Manuskript zu retten, beginnt er, die Geschichte von Don Quijote vorzuspielen, wobei die Mitgefangenen nach und nach einbezogen werden. Dadurch ergibt sich eine Verdopplung der Handlung: Don Quijotes tugendhafter Kampf gegen alles Böse wird gleichzeitig zur Gruppentherapie für asoziale Straftäter, deren Aggressionen Cervantes die Ideale seines Romanhelden entgegen hält. Mit dem Tod des Ritters von der traurigen Gestalt endet auch das Spiel, und Cervantes wird dem Inquisitionsgericht vorgeführt.

Szenenfoto Leicht benommen muss er gemeinsam mit der Hure Aldonza, der er den poetischen namen Dulcinea gibt, zur Kenntnis nehmen, dass überall dämliche bunte Luftwurzeln (hier links im Bild zu erkennen) auf der Bühne herumhängen, als sei er ins Disney-Land geraten, wo nur eins zählt: Die Show.

In der Hagener Produktion kann Arnd Gothe als Cervantes/Quijote durch seine eindrucksvolle schauspielerische Leistung Publikum wie Mitgefangene wirkungsvoll in den Bann seines Theaterspiels ziehen. Dadurch wird die Konzeption, mit dem "Stück im Stück" der greifbaren körperlichen Gewalt entgegenzutreten, glaubwürdig. Leider quält Gothe sich mühsam über die Gesangsnummern, die ihn, sobald es ein bisschen in die Höhe geht, deutlich überfordern – da ist es schnell vorbei mit der Souveränität dahin, die er ansonsten ausstrahlt. Auch sängerisch überzeugen kann dagegen Elvira Soukop als Hure Aldonza (in der Quijote sein Edelfräulein Dulcinea erblickt), die den Selbsthass der Figur beeindruckend deutlich macht. Richart van Gemert ist ein Sancho Pansa von nerviger Naivität und penetrant guter Laune, und auch die weiteren Figuren werden von Regisseur Werner Hahn (erfolglos) in den Dienst des Lustspiels gestellt, das Der Mann von La Mancha nun wahrlich nicht ist.

Szenenfoto Dann will ihn auch noch Dr. Carrasco zur Realität bekehren, und dieser Arzt sieht nicht nur albern aus, er fuchtelt auch noch albern mit einer Spritze herum.

Die Melancholie, die den traurigen Romanhelden umgibt, ignoriert die Regie und will lieber unterhalten. Natürlich muss ein Musical Unterhaltungsqualitäten haben (und Der Mann von La Mancha hat sie auch), aber so vordergründig, wie Hahn mit zotigen Wortspielen und recht hausbackener Personenführung Spaß erzeugen will, muss es denn doch nicht sein. Zum Glück erweist sich das Stück selbst als einigermaßen resistent gegen solches humorige Ansinnen. Die zündende Musik (die sich allerdings in einigen wenigen, oft wiederholten Nummern mit hohem Wiedererkennungswert erschöpft), vom Hagener Philharmonischen Orchester unter der Leitung von Arn Goerke recht schwungvoll und in den elegischeren Passagen mit schönen Holzbläsersoli präsentiert, und das geschickt angelegte Textbuch entfalten ihre eigene Wirkung. Letztendlich aber wird das beinahe kaputt inszenierte Stück durch das Spiel die Hauptdarsteller gerettet.

Szenenfoto Wen wunder's da noch, dass dieser sympathische Held mit einem Korkenzieher zum Ritter geschlagen wird?

Das größte Ärgernis jedoch ist die unsägliche Ausstattung (Jürgen Aue). Der Kerker ist hier eine in knallbunten Farben nach Disco-Manier ausgeleuchtete Höhle wie aus einem drittklassigen Fantasy-Film und besitzt dabei den Charme einer abgewrackten Geisterbahn. Da kann man mit sehr viel gutem Willen ja noch argumentieren, die Märchenwelt des Don Quijote habe hier ihr heutiges Pendant irgendwo zwischen der Unendlichen Geschichte und dem Herrn der Ringe gefunden, aber das ästhetische Desaster wird dadurch nicht vermieden. Auch die Kostüme sind teilweise von atemberaubender Scheußlichkeit – die zerlumpten Gefangenen mag man noch als mäßig kitschig durchgehen lassen, aber Quijotes aufklärerische Widersacher (die den verwirrten Herrn in die Realität zurückführen) sind bodenlos albern eingekleidet. Zum Glück für das Publikum kommen Quijote und Aldonza/Dulcinea mit nicht übermäßig originellen, aber soliden Kostümen glimpflich davon.


FAZIT

Don Quijote kämpft in erster Linie gegen die ästhetische Unbeholfenheit des Regieteams. Da das Musical durch seinen unüberhörbaren Appell an Ideale und Utopien für sich selbst spricht, ist dagegen der Verzicht der Inszenierung auf etwaige Interpretation zu verschmerzen.


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Produktionsteam

* Besetzung der Premiere

Musikalische Leitung
Arn Goerke

Inszenierung
Werner Hahn

Ausstattung
Jürgen Aue

Dramaturgie
Uta Schmidtsdorff


Das Philharmonische
Orchester Hagen


Solisten

*Besetzung der Premiere

Don Quichote
(Cervantes)
Arnd Gothe

Sancho Pansa
(Diener)
Richard van Gemert

Aldonza
Carola Günther /
Elvira Soukop*

Wirt
(Gouverneur)
Klaus Nowaczyk

Padre
Dominik Wortig

Dr. Carrasco
(Herzog)
Kay Bohlen

Antonia
Tanja Schun

Haushälterin
Edeltraud Kwiatkowski

Barbier
Stephan Boving

Pedro
Wolfgang Niggel

Anselmo
Stephan Boving

José
Bernd Stahlschmidt-Drescher

Juan
Libor Maly

Paco
Dirk Achille

Tenorio
Tae-Hoon Jung

Maria
Gisela Ribbert

Hauptmann
Krzystof Jakubowski

Pferd
Sabin Tambrea

Esel
Dominik Hahn


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Hagen (Homepage)




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