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Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
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Flottes Fünfziger-Spektakel
Von Thomas Tillmann
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Fotos von Rudolf Finkes
Nein, sie ist nicht totzukriegen, die gute alte Operette, sie sorgt noch immer für volle Reihen und Kassen, für wundgeklatschte Hände und selige Gesichter, auch wenn sich die Begeisterung auf einige wenige Titel der Gattung beschränkt, die unablässig auf den Spielplänen zu finden sind, wie Wiebke Hetmanek im Programmmagazin zurecht beklagt. Carl Zellers Vogelhändler gehört zweifellos dazu: Nachdem die Deutsche Oper am Rhein im vergangenen Jahr die alte Metropol-Inszenierung fürs Duisburger Theater am Marientor adaptiert hatte (ab dem 26. ist die reichlich betuliche, langatmige Produktion in Düsseldorf zu sehen; siehe unsere Rezension), nahm sich nun das Musiktheater im Revier des Klassikers an. Über einen Mangel an Tempo konnte man an diesem Premierenabend nun wirklich nicht klagen: Ein Einfall jagt den anderen, ohne Unterlass tut jemand etwas mehr oder minder Komisches, so dass man angesichts des zuweilen geradezu nervös machenden Aktionismus die an sich ja überschaubare Handlung mitunter aus den Augen zu verlieren fürchtet, deren Feinheiten wie etwa das im Textbuch ja nicht unwichtige Problem der Standesschranken Regisseur Josef Ernst Köpplinger ohnehin großzügig übergeht: Der Leiter der Sommerfestspiele Schloss Prugg in Niederösterreich, seit 1999 jüngster Intendant Österreichs, legt das Stück fast revueartig an und verlegt die Handlung, die eigentlich im frühen 18. Jahrhundert angesiedelt ist, in die fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, ohne dafür eine wirklich überzeugende Begründung anzuführen. Dem Auge wird freilich auf diese Weise einiges geboten, denn das rührige Ausstattungsteam fährt eine wahre Flut von Versatzstücken der Zeit auf und provoziert damit besonders bei den älteren Zuschauern manch nostalgisches Seufzen, und auch Rainer Sinells Idee, sich bei der Gestaltung der Bühne am Gewerbe der Briefchristel zu orientieren (wohin man schaut, sieht man auf grünem Grund Briefmarken aus der frühen Zeit der Bundesrepublik), überzeugt.
Foto links:Große Begeisterung vermag der Tiroler Vogelhändler Adam (Burkhard Fritz) mit seinem Federvieh bei der Dorfbevölkerung (Ensemble des Musiktheaters im Revier) auszulösen.
Großen Eindruck machen zweifellos auch die stilechten Vespas und das Käfercabrio, die in niedliche Trachten gesteckten Kinder und die Hunde, die den menschlichen Darstellern kurzzeitig sogar die Show stehlen, aber manche Details werden so überdeutlich vorgeführt, manche Gags so klamottig ausgewalzt, dass man fast ein schlechtes Gewissen bekommt, wenn man nicht im gewünschten Maße staunt oder lacht, und trotz allen Jubels während und nach der Vorstellung fragt man sich, ob Köpplinger dem Werk insgeheim nicht doch misstraut, wenn er meint, es derart "aufwerten" zu müssen. Genug der kritischen Anmerkungen, denn die meist kurzweiligen, von lokalen und aktuellen Anspielungen in verträglichem Maß durchzogenen Dialoge, das Spielen mit den vertrauten und bis heute verbreiteten Tirol-Klischees, die ungemeine Spielfreude, die der Österreicher den frisch und natürlich agierenden Darstellern zu entlocken vermochte, und der Umstand, dass er selbst die winzigsten Nebenfiguren präzis und bei aller Ironie liebevoll charakterisiert hatte und diese so ein unverwechselbares Gesicht bekamen, sind klar auf der Habenseite zu verbuchen.
Foto rechts:In Anwesenheit seines Onkels, dem Baron Weps (Joachim G. Maaß, hinten), macht Graf Stanislaus (Mark Adler) der ziemlich verdutzten Briefchristel (Elise Kaufman) den Hof, deren Herz doch eigentlich für den Vogelhändler schlägt.
In Gelsenkirchen wird übrigens noch wirkliches Ensembletheater gemacht und nicht nur damit geworben: Statt teurer Gäste übernehmen kompetente, hochengagierte Chormitglieder die kleineren Partien (so Charlotte Bittermann-Jannasch und Gabi Ernesti, die als resolut-dralle Wirtin des "Zur Wildsau" getauften Gartenlokals sowie als hochschwangere, dennoch manche Zigarette rauchende, rollengerecht unmotivierte Kellnerin Jette die Lacher ebenso auf ihrer Seite hatten wie ihr Kollege Georg Hansen, der den Professor Süffle mimte). Selbst die Leiterin des Künstlerischen Betriebsbüros, Herburg Terveer, traute sich als Komtess Mimi auf die Bühne, gar nicht zu reden von den Inspizienten Marc Brinkmann (er räumte als zweiter Zoologieexperte mit Sinn für Klamotte mächtig ab) und Peter Schuck, der trotz seines kurzfristigen Einspringens als stummer Hoflakai Quendel den größten Applaus des Abends für sich verbuchen konnte und damit die bewährten Solisten fast ein bisschen in den Schatten stellte. Burkhard Fritz ist der derbe, aufbrausende und in seiner Natürlichkeit doch so sympathische Vogelhändler Adam freilich beinahe auf den Leib geschrieben, und auch vokal blieb er der Titelpartie mit seinem leicht ansprechenden, höhenstarken Tenor kaum etwas schuldig, auch wenn er einige Töne mit etwas zuviel Druck produzierte.
Foto links:Der temperamentvolle Adam (Burkhard Fritz) weiß den Fragen der Zoologieprofessoren Süffle (Georg Hansen, rechts sitzend) und Würmchen (Marc Brinckmann, links sitzend) zu parieren, während Hoflakai Quendel (Peter Schuck, hinten links) sich den Wonnen des Fernsehens hingibt.
Regine Hermann sah sowohl im Dirndl als auch in dem schwarz-weiß gepunkteten Cocktailkleid mit üppigem Ballonrock hinreißend aus (ein Sonderlob an Marie-Luise Walek, die auch die anderen Kostüme entworfen hatte), vermochte der Fürstin aber nicht die darstellerische Tiefe zu verleihen, die diese Figur erfordert; ihr etwas "klingelnder" lyrischer Sopran hat zudem für diese Partie ein bisschen wenig Substanz, was sich nicht nur in den Ensembles zeigte, sondern besonders im freilich routiniert und geschmackvoll interpretierten Lied vom Kirschenbaum, der einzigen Szene übrigens, in der das hektische Treiben zum Stillstand kam und man als Zuschauer endlich einmal durchatmen konnte. Auf Grund der Probleme mit dem deutschen Text verschenkte Elise Kaufman einiges, was die Postchristel an Bühnenwirksamkeit hergibt, die sie freilich ohne Fehl zu singen verstand - das Timbre ihres spitzen, kleinen Koloratursoprans bleibt allerdings Geschmackssache. Ein Gewinn war auch Mark Adler als ständig in Geld- und Herzensnöten sich befindender Stanislaus, auch wenn der Berliner Dialekt etwas hölzern über seine Lippen kam; die hohe Tessitura bewältigte er mit seinem agilen, legatostarken, sehr leichten lyrischen Tenor dagegen im Wesentlichen souverän. Daneben glänzten Joachim G. Maaß als herrlich trockener Baron Weps und die unverwüstliche Eva Tamulénas als tragikomische, liebestolle Adelaide besonders in den Dialogen, die Jerzy Kwika als Dorfschulze nicht eben leicht fielen. Der darstellerisch sehr geforderte Chor hatte soviel Spaß an seinen vielfältigen szenischen Aufgaben, dass der eine oder andere Einsatz besonders zu Beginn etwas klapperte, und auch die Neue Philharmonie Westfalens fand erst nach einer gewissen Anlaufzeit zu einem kongruenten Spiel, das Bernhard Stengel, Studienleiter des Musiktheaters im Revier, mit fundiertem Wissen um die Anforderungen des Genres und einem sicheren Gespür für die gebotene Flexibilität bei den insgesamt schwungvollen Tempi erfolgreich koordinierte, ohne allerdings hinsichtlich der Lautstärke auf die Bedürfnisse der Solisten allzu große Rücksicht zu nehmen.
Foto rechts:Quendel (Peter Schuck, hinten) sitzt noch immer gebannt vor der Flimmerkiste, während Vogelhändler Adam (Burkhard Fritz) sich der eleganten Fürstin Marie (Regine Hermann) nähert.
Dem dankbaren Publikum hat Josef Ernst Köpplingers flotte Neuinszenierung gefallen, und das hatte das Musiktheater im Revier in erster Linie und ganz zurecht im Visier, nicht den Berichterstatter, der aus Gewohnheit vielleicht das eine oder andere Mal zu genau hinschauen mag ... Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Dramaturgie
Bühne
Kostüme
Choreografische Mitarbeit
Chor
SolistenAdam, Vogelhändleraus Tirol Burkhard Fritz
Briefchristel
Fürstin Marie
Baronin Adelaide
Baron Weps
Graf Stanislaus,
Professor Süffle
Professor Würmchen
Schneck, Dorfschulze
Quendel, Hoflakai
Frau Nebel, Wirtin
Jette, Kellnerin
Komtess Mimi
Florian
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