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MiRs wundersamer Waschsalon
Von Thomas Tillmann
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Fotos von Rudolf Finkes
Orol heißt er, der allseligmachende Liebestrank, dessen Markteinführung und Präsentation sich das rührige Musiktheater im Revier gesichert hatte und von dem man bereits beim Abholen der Pressekarten ein Probefläschchen überreicht bekam. Detlef Heusinger (der bekannte Komponist und Regisseur, der nicht zuletzt als Leiter des Rossini-Festivals auf Rügen mit seinen originellen Rossini- und Donizetti-Interpretationen auf sich aufmerksam gemacht hat und zur Zeit an einem Melodram über Leni Riefenstahl arbeitet, das 2003 an der Volksoper Wien in der Regie von Hans Neuenfels zur Uraufführung gebracht werden soll) hat die Vorlage zweifellos studiert und zahlreiche nachvollziehbare Bezüge zwischen dem 1832 uraufgeführten Meisterwerk der komischen italienischen Oper und den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts aufgespürt: das Bekenntnis zur freien Liebe, die Konfrontation zwischen Friedensbewegung und Militarismus, die Emanzipation der Frau und das neue Männerbild des Softi, die Bedeutung von Rausch und Drogen, besonders aber die explodierende Wirkung von Markenartikeln, die uns zu suggerieren versuchen, dass wir als Konsumenten des richtigen Labels mit dem gewünschten Erfolg in Liebe, Leben und Beruf gesegnet werden. Das klingt gut und richtig (besonders nach der aufmerksamen Lektüre der von Dramaturg Johann Casimir Eule im Programmmagazin sorgfältig zusammengetragenen und verfassten Artikel über Liebestränke und den Kampf bei der Partnersuche), trägt aber eben keinen ganzen Abend lang: Es bleibt im Wesentlichen bei quietschig bunten Bildern im Siebziger-Outfit - Michaela Mandel und Gabriele Heimann schwelgen geradezu in originalen Stoffmustern der Zeit, die sich nicht nur in den wunderbaren Kostümen wiederfinden, sondern auch in der Ausstattung des Waschsalons, der zum einzigen Handlungsschauplatz auserkoren ist und in den Dulcamara, eben einem Orol-Promotion-Auto mit passendem Wohnwagen entstiegen, mitsamt einem höchst überflüssigen pantomimischen alter ego und "chemisch" lächelnden Orol-Girls (von denen natürlich eines männlichen Geschlechts ist, was offenbar an sich schon wahnsinnig komisch ist) ebenso eindringen wie die bizarren Truppen Belcores.
Quacksalber und Werbefachmann Dulcamara (Joachim Gabriel Maaß) versorgt den liebeskranken, von Adina verschmähten Hippie Nemorino (Mark Adler) mit dem Besserung versprechenden Trank.
Auch auf die Gefahr hin, als Spielverderber dazustehen: Wirklich lustig war das alles auf Dauer nicht - zu deutlich spürte man die Berechnung bei den zahlreichen wahrlich nicht immer tiefgründigen, gnadenlos-krampfig abgespulten, minutenlang vorhersehbaren Gags, das Erstaunen der Akteure, dass das Publikum nicht mit dem erwarteten Szenenapplaus reagierte, das das Verbleiben im Genre der Ausstattungsrevue, das starre Festhalten an der einmal gehabten Idee und die eindimensionale Zeichnung der Charaktere offenbar durchschaute. Und so dachte man doch noch einmal nach über Heusingers im Programmmagazin doch wohl ironisch gemeinte Bemerkung, am Liebestrank habe ihn besonders die Gage gereizt, mit der er die Steuerschulden bezahlen wolle, die sich durch seine Komponistentätigkeit ergeben. Nein, ganz von selbst inszeniert sich auch ein perfekt geschnittenes Werk nicht, zumal wenn es eben nicht nur komisch und temporeich ist, sondern auch viele romantisch-elegische Momente aufweist, die bei diesem Ansatz natürlich szenischen Stillstand produzieren müssen.
Es wirkt: Nemorino (Mark Adler) mutiert dank Orol zum veritablen Superman ...
Mark Adler gab mit leicht ansprechendem, geschmeidigen, legatostarken, bis in die mühelos attackierte Höhenlage farbigen Tenor - besonders im berühmten "Una furtiva lagrima" glückten ihm einige berückend elegische Töne und eine vollendete Phrasierungseleganz - einen attraktiven, tolpatschigen Hippie-Nemorino an der Seite der ungemein erotischen Adina von Claudia Braun, die nicht nur in den hinreißend-schrillen Kostümen glänzende Figur machte (mein Favorit war das vielsagend aus Krawatten erstellte Minikleid), sondern auch mit ihrem angenehm silbrig timbrierten, flinken Sopran reüssieren konnte, der in den Koloraturen gegen Ende durchaus beseelt klingen konnte und dem man den einen oder anderen Spitzenton mehr zugetraut hätte. Kleiner hätten die Stimmen des Paares indes nicht sein dürfen, zumal der Regisseur ihnen nicht selten Positionen weit hinten auf der Bühne zugewiesen hatte. Joachim Gabriel Maass erwies sich nicht gerade als Ausbund an Temperament und steuerte eine eher solide als begeisternde Leistung bei, während Elise Kaufman als triebgesteuert-vulgäre Putzfrau alles aus der Giannetta machte. Und auch Nyle P. Wolfe ist ein begabter, präsenter Darsteller, aber allein mit nuschelndem Sprechgesang und eintönig-vibrierendem, heiser-dünnen Bariton ist dem Belcore dann doch nicht beizukommen.
... und ist auf einmal der Liebling aller Frauen (Damenchor und Statisterie des MiR)!
Allzu schwerblütig ging Cosima Sophia Osthoff für meinen Geschmack an Donizettis spritzige Partitur heran - erst in den großen Ensembles, in denen sie die Rossini-Tradition hörbar machte, und im zweiten Teil gelang es ihr, dem insgesamt zu wenig brillanten Spiel der Neuen Philharmonie Westfalen den nötigen Schwung zu entlocken.
Ende gut, alles gut: Die anfangs hochmütige, kapriziöse Adina (Claudia Braun) erkennt den Marktwert ihres Verehrers Nemorino (Mark Adler) und willigt schließlich doch in die Ehe ein.
Nein, ganz so wohl war es dem Rezensenten nicht mit Orol, und auch das Publikum reagierte offenbar weniger enthusiastisch als erwartet auf diese Produktion, die trotz bunter Ausstattung ziemlich träge vor sich hin plätscherte. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Dramaturgie
Bühne
Kostüme
Chor
Solisten* Besetzung derbesprochenen Aufführung Adina, eine reiche und launische Pächterin Claudia Braun
Nemorino, ein Landmann,
Belcore, ein Sergeant,
Doktor Dulcamara,
Giannetta,
Dulcamarino
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