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Diplomatenk(r)ämpfe
Von Stefan Schmöe
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Fotos von Rudolf Finkes
Was, lieber Leser, will uns ein russisches Geschichtsdrama wie Boris Godunow heute sagen? Altrussische Machtkämpfe, das stand zu erwarten, sind nicht gerade das, wofür sich Gabriele Rech in ihrer Inszenierung interessiert. Sie entrümpelt die Handlung gewaltig und wirft alles Folkloristische und Volkstümliche über Bord. Krone und Mantel werden in einer Vitrine (der Boris selbst zu Beginn des Stückes entsteigt) als Erinnerung an eine vergangene Zeit aufbewahrt und sind nur noch Zitat; Herrscher und beherrschte treten zeitgemäß im Anzug auf. Gabriele Rech reduziert die Handlung auf das Wesentliche – und steht am Ende mit leeren Händen da: Die Keilereien auf Diplomatenebene lassen das Publikum ähnlich kalt wie das Ausscheiden von ein paar Hinterbänklern aus dem nächsten Bundestag.
Moderner Machthaber mit Machtinsignien aus vergangenen Zeiten: Boris und die Zarenkrone
Hermann Feuchter hat einen kubischen Einheitsbühnenraum geschaffen, dessen holzgetäfelte Innenwände einen topmodernen Ratssaal, die Außenhaut aus Wellblech den Big-Brother-Container assoziieren lassen, und bei dessen Anblick einem Plattitüden wie „Gefangene der Macht“ durch den Kopf schießen. Auf der billigen Mehrzweckbestuhlung wird das Wahlvolk mit diskreter Gewalt von den Staatsbeamten zum Jubeln aufgefordert. Dass es in diesem vergeblich um realistische Wirkung bemühten Ambiente nur Beamte mit mangelnden Lesefähigkeitenn gibt, die nicht einmal einen Haftbefehl lesen können, mag man nach Pisa ja noch hinnehmen, aber die ständigen Anfälle von Frömmigkeit, gar die Anwesenheit von geistlichen Würdenträgern auf diesem ministerialbürokratisch glatten Diplomatenparkett, die passt wie so vieles nicht in das auf Teufel komm 'raus zusammengeschusterte Konzept.
Herrschen ist anstrengend, deshalb ruht Boris sich auf der unbequemen stapelbaren Mehrzweckbestuhlen vom Regieren aus
Der Text kommt der Regie ständig in die Quere – und die deutschen Übertitel zum deutsch gesungenen Text (endlich bringt mal ein Theater den Mut zu einer solchen Entscheidung auf) geben dem Libretto zusätzliches Gewicht. So entsteht die skurrile Situation, dass auf der Bühne ein spannendes und atmosphärisch dichtes Drama aus altrussischer Zeit gesungen wird, das sich aber nur in den Köpfen abspielt; gleichzeitig bewegen sich die Sänger in einer Inszenierung, die eigentlich niemanden wirklich interessiert. Weder gelingt es der Regie, durch Abstraktion zum Kern des Dramas vorzudringen, noch bietet sie eine Umdeutung oder einen Gegenentwurf an: Sie tritt einfach auf der Stelle, ist (von ganz wenigen Momenten abgesehen) schlicht langweilig. Ärgerlich ist auch, dass die Inszenierung einen kontinuierlichen Zeitablauf vorgaukelt, wo zwischen den Bildern riesige zeitliche Sprünge (von mehreren Jahren) liegen: Diese opernuntypische Erzählweise Mussorgskijs, die nur lose miteinander verbundene Bilder nebeneinander stellt, ist ganz wesentlich für den Boris Godunow, und das wird durch die Regie gewollt, aber alles andere als überzeugend verwischt – so entsteht der Eindruck einer ziemlich verunglückten Opernhandlung.
Wie hievt man seine Kinder in Amt und Würden? Ein Problem, das Boris noch nicht abschließend geklärt hat.
Die öde Aktion auf der Bühne steht dabei in krassem Missverhältnis zur durchaus spannenden musikalischen Interpretation. Zum einen sorgen der von Nandor Ronay ausgezeichnet vorbereitete Chor und die von einigen unkonzentrierten Momenten abgesehen überzeugende Neue Philharmonie Westfalen unter der Leitung von Samuel Bächli für eine drückende, die schroffen Seiten der Partitur keineswegs abmildernde Atmosphäre, zum anderen schlägt sich das Sängerensemble bravourös. Nikolaj Miassojedov singt sehr nuanciert einen von Beginn an zerbrechlichen und von Selbstzweifeln befallenen Herrscher. Die musikalische Interpretation ist hier weitaus stimmiger als die szenische Umsetzung (wobei Miassojedov noch die effektvollsten Auftritte gelingen). Burkhard Fritz ist ein stimmlich beweglicher Grigorij, Peter Daaliysky ein recht jugendlicher, dabei aber sehr souveräner Pimen. Mit Nicolaj Karnolsky (Waarlam, Mitjucha), Sergej Formenko (Missail) und Eva Tamulénas (Schankwirtin, Amme) sind auch die kleineren Rollen überzeugend besetzt. Für den erkrankten Fabrice Dalis (Schuiskij) sprang in der hier besprochenen Vorstellung kurzfristig Mihai Zamfir ein, blieb aber recht blass. Der Auftritt des als Charakterdarsteller immer noch brillanten Mario Brell wird leider szenisch verschenkt.
Revolution im Kongresssaal? Irgendwie hat sich dieses ganz offensichtlich deplatzierte Volk samt Narren (am Rednerpult) hierher verirrt, und nur die Regisseurin weiß, warum.
Dirigent Samuel Bächli hat sich für die zweite Fassung der Oper entschieden, aber (auch aus pragmatischen Gründen – die Aufführung dauert auch so beinahe drei Stunden) auf die für die Handlung unerheblichen „Polen-Bilder" verzichtet. Musikalisch ist das plausibel, aus Sicht der Regie nicht: Gerade die Volksszenen kann Gabriele Rech kaum in den kammerspielartigen Charakter der Inszenierung einfügen. Vielleicht hätte eine Reduzierung auf die 6 Bilder der Urfassung zu mehr Stringenz geführt. So bleibt offen, ob uns der Boris etwas sagen kann.
Szenischer Leerlauf, musikalisch hochtourig unterlegt: Ein Hörstück. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Dramaturgie
Bühne
Kostüme
Chor
Solisten* Besetzung der besprochenen AufführungBoris Godunow Nikolaj Miassojedov
Fjodor
Xenia
Amme, Wirtin
Schuiskij
Pimen
Grigorij Optrejew
Waarlam, Mitjucha
Missail
Gottesnarr
Wache, Leibbojar, Chrustschow
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