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Eine Lanze für den Belcanto
Von Thomas Tillmann
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Foto von Rudolf Finkes
Einen Streifzug durch die Welt des Belcanto hatte das Musiktheater im Revier in der Vorankündigung versprochen und zu diesem Zweck eine breite Auswahl von Arien, Duetten und Ensembles aus teils bekannten, teils eher selten gehörten Opern von Händel über Vivaldi und Mozart bis hin zu Bellini und Donizetti zusammengestellt. Dabei erwies es sich als gute Idee, dem Publikum nicht nur den Begriff Belcanto näher zu bringen, der vielen nicht mehr als schöner Gesang bedeutet und selbst von Kennern auf die Trias Rossini, Bellini und Donizetti reduziert wird (oder sogar fälschlicherweise auf die gesamte, auch spätere italienische Oper ausgeweitet wird), sondern auch die dieser Gattung zugerechneten Werke. Generalintendant Peter Theiler erwies sich dabei als eloquenter, gut vorbereiteter, humorvoller Moderator, GMD Simon Bächli assistierte kompetent mit musikalischen Details. Den Anfang machte Claudia Braun mit ihrem gut durchgebildeten, warmtimbrierten, beweglichen lyrischen Sopran mit "V'adoro pupille" aus Händels Giulio Cesare - Anna Agathanos lobte von der Seite zurecht "un si bel canto". Die Griechin bewies anschließend in Ruggieros "Stà nell'Ircana" aus Alcina die sprichwörtliche geläufige Gurgel; ihr Mezzosopran verfügt über ausreichend Volumen in der Tiefe und kennt keine hörbaren Probleme in der Höhe. Burkhard Fritz stellte sich mit Santippos Arie "Vorrei senza dolor" aus Scarlattis Marco Attilio Regolo vor; sein flexibler, höhenstarker Tenor klang trotz mitunter etwas nasaler Tongebung bei weitem nicht so hell und quäkig wie die Stimmen mancher Fachkollegen, und er kann Koloraturen singen, was keine Selbstverständlichkeit ist in diesen Tagen. Nur auf den ersten Blick überraschen konnte die Aufnahme eines Ausschnitts aus Il re pastore ins üppige Programm - Mozarts frühe Werke passen ebenso wie seine opere serie durchaus in eine weit ausgelegte Definition von Belcanto, wie das virtuose Duett zwischen Elisa und Aminta belegte, bei dem Claudia Braun mit der runderen, gehaltvolleren Stimme einen bedeutend besseren Eindruck hinterließ als Elise Kaufman mit ihrem sehr hellen, gläsern-drahtigen, kleinmädchenhaften Koloratursopran, der in der Arie der Laurette aus Grétrys Richard Coeur de Lion eher eine gewisse Wirkung entfaltete (es handelt sich übrigens um jenes "Je crains de lui parler la nuit", das die alte Gräfin in Tschaikowskis Pique Dame zitiert). Burkhard Fritz und Nikolai Miassojedov hatten sich zuvor dem nicht uninteressanten Duett Richard - Blandel aus derselben Oper des aus Liège stammenden Komponisten angenommen, der als bedeutendster Konkurrent Mozarts in Paris und als Gründer der legendären Opéra comique in die Annalen der Oper eingegangen ist. Nach diesem Ausflug in die Welt des französischen Belcanto wandte man sich nun doch den drei späten Großmeistern zu: Anna Agathonos bewies in Desdemonas Weidenarie aus Rossinis Otello viel Geschmack in Sachen Phrasierung und Auszierung und erwies sich überdies als berührende Gestalterin, Burkhard Fritz zeigte bei den gefürchteten, zweifellos bewältigten Acuti in Arturos immens schwierigem "Ah te, o cara" aus Bellinis I Puritani verständlicherweise doch ein bisschen Nerven (Gabriella Morigi, Nikolai Miassojedov, Nicoali Karnolsky und der Chor des MiR sorgten für den ansprechenden "Background"). Nach der Pause räumten Nikolai Miassojedov und der junge Bassist Nicolai Karnolsky mit dem durch ein schönes Hornsolo eingeleiteten, leider im Mittelteil brutal gekürzten Duett "Il rival salvar tu deì" aus der vorgenannten Oper ab - die in diesem Auszug zelebrierte martialische Männlichkeit verweist bereits deutlich auf Verdi. Während die Stimme des Baritons, der zur Zeit am Haus die Titelpartie in Nabucco verkörpert, streckenweise reichlich rau und matt klang (die ausgezeichnete Höhe war davon freilich nicht betroffen), freute man sich über das klangvoll-ebenmäßige, frische Material des jüngeren Kollegen, der allerdings seine Töne nicht selten mit zu viel Druck und im Einheitsforte produziert (auch in der anschließend gegebenen Arie des Rodolfo aus La Sonnambula); auch sollten beide in Sachen Textausdeutung mehr Sorgfalt an den Tag legen.
Foto links:Sie war der Stargast des Abends: die Belcanto-Spezialistin Gabriella Morigi.
Mit Spannung erwartet worden war Gabriella Morigis "Casta diva", das leider ohne das einleitende Rezitativ und die Cabaletta gegeben wurde. Die Italienerin bestätigte den Eindruck, den ich nach dem Hören ihrer Nabucco-Aufnahme hatte (dieselbe Partie singt sie gerade auch in Gelsenkirchen). Die Stimme hat Farbe und Charakter, ihre Besitzerin Charisma, Präsenz und Mut zum Risiko, aber es fehlt einfach an technischem Finish: Koloraturen und fallende Skalen lassen mitunter die nötige Präzision vermissen, hohe Töne geraten stellenweise arg flach und eng und werden unschön angebohrt, und außerdem neigt die Sängerin häufig zum Forcieren. Dabei klingt ihr Sopran im gehaltvollen Piano und in der mezza voce viel schöner - zum Zuhören zwingt er in jedem Fall. Ein interessanter Gag war die Wiederholung der berühmten Arie, diesmal von Solotrompeter Peter Mönkediek mit kleineren Ansatzunebenheiten intoniert. Welchen Einfluss Bellini auch auf deutsche Komponisten hatte, bewies die nächste, zunächst ohne Erklärung gegebene Szene: Claudia Braun und Anna Agathanos sangen betörend schön auf Italienisch einen Ausschnitt aus der Szene Elsa - Ortrud aus Wagners Lohengrin! Der Schluss des Abends war ganz dem Werk Donizettis gewidmet: Burkhard Fritz nahm einmal mehr mit prächtigen, leicht metallisch gefärbten Spitzentönen im Duett "Qui del padre ancora respira" für sich ein (Nikolai Miassojedov war als Enrico ein sehr diskreter Gegenspieler), hätte aber im anschließenden Auszug aus dem ersten Finale der Lucia di Lammermoor sein Forte zugunsten seiner Kollegin Claudia Braun etwas zügeln können (hier waren auch noch einmal Anna Agathanos, Nikolai Miassojedov, Nicolai Karnolsky und der Hauschor mit von der Partie), bevor Gabriella Morigi im Finale von Roberto Devereux mit beherztem Einsatz der Bruststimme und intensiver Rollenidentifikation die abdankende englische Königin Elisabeth I. mitreißend portraitierte. Wie in den übrigen Szenen hinterließ das mitunter arg wuchtige, nicht durchgängig die gebotene Transparenz aufweisende Spiel der Neuen Philharmonie Westfalen unter Bächlis Leitung auch in dieser effektvollen Schlussnummer keinen schlechten, aber auch keinen sehr idiomatischen Eindruck - ein paar Proben mehr hätten da sicher zu einem noch überzeugenderen Ergebnis geführt.
Man wünscht sich mehr Konzerte dieser Art, vielleicht auch mit weiteren Raritäten aus der reichen Literatur (wie sie etwa die englische Plattenfirma Opera Rara immer wieder so exemplarisch zu Tage fördert) oder programmatischen Schwerpunkten (denkbar wäre beispielsweise ein Programm mit weiteren Szenen aus den Opern über die englische Königin Elisabeth I.). Dass solchen Konzerten auch szenische Aufführungen folgen werden, hatte das neue Leitungsteam ja bereits angekündigt; dass sich auch abseits der großen Opernmetropolen dafür ein Publikum findet, bewiesen nicht nur die gut gefüllten Reihen des Musiktheaters, sondern auch der langanhaltende Applaus der Erschienenen! Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Moderation
Choreinstudierung
SolistenClaudia Braun, SopranElise Kaufmann, Sopran Gabriella Morigi, Sopran Anna Agathanos, Mezzosopran Burkhard Fritz, Tenor Nikolai Miassojedov, Bariton Nicolai Karnolsky, Bass Peter Mönkediek, Solo-Trompete
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