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Mein lieber Affe !Von Angela Mense
Echt affig wirkt erst die nun folgende eineinhalbstündige Performance. Sieben Tänzer haben sich mittlerweile auf der Bühne verteilt. Ihre Aktionen werden abwechselnd von bedrückend angespannter Stille und ohrenbetäubenden Musikfetzen begleitet. Nur wenige Tanzschritte werden vorgeführt. Das käme ja auch einer gewissen Ordnung, einer Harmonie gleich. Dabei scheint sich alles um die Anarchie des menschlichen Willens zu drehen und nur sie allein hält die lose aneinander gereihten Szenen zusammen.
Ein Beispiel: Eine Frau animiert ein Kinderspiel, "Un, deux, trois soleil", das französische Pendant zu "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann". Derjenige, der mitten in einer Bewegung erwischt wird, scheidet aus, nicht nur aus dem Spiel, sondern gleich aus dem Leben. Die Frau pustet dreimal ins Mikro, pustet den Verlierer gnadenlos um, der unter den imaginären Schüssen zu Boden sinkt. Und von der anderen Seite der Glasscheibe schaut der Affe interessiert zu. Überspitzt und stilisiert wirkt die Dramaturgie solcher Szenen. Doch angesichts ihrer Aktualität scheint allein die Groteske ihrer Darstellung gerecht zu werden. "Tiens les autres en haleine, sois imprévisible!" (Halte die anderen in Atem, sei unberechenbar!) Die Tänzer zeigen die auf Zettel gedruckten Worte in Richtung Publikum, so daß das Motto wie der Zwischentitel in einem Stummfilm erscheint. Stumm sind die Figuren zwar keineswegs. Dennoch will die Kommunikation nicht recht klappen. So schickt sich eine der Tänzerinnen an, dem Publikum einen Witz zu erzählen. Sie fängt mehrmals von vorne an, um die Pointe nicht zu vermasseln. Einer der Tänzer kommt ihr zu Hilfe, weil er meint, sich besser erinnern zu können. Doch der Witz ist nicht mehr zu retten; die Erzähler verstummen nach und nach, während sich eine peinliche Stille ausbreitet. Ihre Unbeholfenheit reizt zum Lachen; irgendwie sind sie drollig, diese kleinen Menschen. Menschliche Schwächen haben auch erst die Idee zu Van den Broecks Stück geliefert. Der Choreograph hört eines Tages in einem Gespräch, wie einer der Sprecher aus dem berühmten Titel "Lac des Cygnes" (Schwanensee) aus Versehen ein "Lac des Singes" (Affensee) macht. Van den Broeck greift daraufhin zu Papier und Bleistift und zeichnet in freien Assoziationen Szenen, Figuren und Bewegungen für eine neue Choreographie. Dem Resultat ist die Arbeitsweise des Meisters anzusehen. Bei dem Patchwork aus szenischen Einfällen und freien Improvisationen fällt es dem Zuschauer oft schwer, den Überblick zu behalten.
Dabei sind die einzelnen Handlungen an sich recht einfach gestrickt. An einer Stelle wird eine unglückliche Liebesgeschichte inszeniert, die von den breiten Klängen Dvoraks "Sinfonie aus der neuen Welt" begleitet wird. Die Protagonisten erscheinen darin als Marionetten, deren Bewegungen jeweils von einem anderen Tänzer manipuliert werden. Emotionen dürfen nur noch als Fiktion stattfinden, und dann bitte schön in dem gesicherten Rahmen des Spiels im Spiel. Ein zweiter "Zwischentitel" erscheint: "Comportes-toi en ami, travaille en espion!" (Verhalte dich wie ein Freund, arbeite wie ein Spion!) Die Bühne wird zum Kosmos, auf dem die Menschen ihren Freiraum suchen und zwar nicht mit- sondern gegeneinander. Ihre Handlungen gleichen jener Jahrmarktszene, in der die Figuren mit dem Affen im Schlepptau in Zeitlupe im Kreis laufen. Dabei erscheinen ihre zum Lachen verzerrten Gesichter wie die Masken in einem Gruselkabinett. Fast scheint es so, als hätten sie Angst, durchschaut zu werden.
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Choreographie Hans van den Broek
Assistenz
Musik
Bühne
Kostüme
Licht
EnsembleCarole BonneauGianfranco Celestino Antonella Cusimano Harold Henning David Ferrasse Ellen Meijer Gustavo Miranda Kevin Taylor
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