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Il Trovatore
Dramma lirico in vier Teilen
nach dem Drama „El Trovador“
von Antonio García y Gutiérrez
Libretto von S. Cammarano und L. Bardare
Musik von Giuseppe Verdi


In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h (eine Pause)

Premiere im Aalto-Theater Essen
am 25. November 2001


Logo:  Theater Essen

Theater Essen
(Homepage)

Ein Skandälchen auf Bestellung


Von Stefan Schmöe / Foto von Thilo Beu

Ein Theater, das auf sich hält, das braucht irgendwann einmal einen Theaterskandal. Die Essener Oper hatte ihn 1991 mit Dietrich Hilsdorfs Inszenierung des Troubadour. „Blasphemie“ schrieen da (nicht völlig zu unrecht) einige konservative Lokalpolitiker und hätten die Inszenierung am liebsten verbieten lassen. Zehn Jahre und zwei Intendanten später darf (soll? muss?) Dietrich Hilsdorf wieder 'ran – mit dem Auftrag, die alte, längst eingestampfte Inszenierung wiederzubeleben. Das allein ist an sich nicht verwunderlich; auch andere Repertoiretheater graben gelegentlich Altproduktionen wieder aus, nur werden die in der Regel unauffällig in den Repertoirebetrieb übernommen. In Essen, wo der Premierenkalender ohnehin dünn und in dieser Spielzeit wenig aufregend ist, wird die Produktion dagegen als „richtige“ Premiere verkauft - mit entsprechend hohen Erwartungen.

Szenenfoto

Blasphemie: Der böse Graf Luna mit der Christusfigur sorgte einst für Skandal ...

Skandale allerdings lassen sich nicht so einfach mir nichts, dir nichts wiederholen, und schon gar nicht auf Bestellung. Zwar schlendern auch diesmal die als Zigeuner verkleideten Statisten vor Beginn der Aufführung durchs Foyer, aber von Aufregung keine Spur: Ach ja, so war's, raunen die Stammgäste (mancher outet sich durch das alte Programmheft unterm Arm als solcher). Und wenn der Vorhang sich zum Skandalbild, dem Schluss des 2. Aufzugs, öffnet, dann wispern die Kenner in freudiger Erregung: jetzt kommt's, und vieles ist tatsächlich wie damals: Der Graf mit der Christus-Statue, das nackte Paar im Parkett, die tanzenden Nonnen. Danach (wohlgemerkt: Nicht während der Szene) gibt es ein paar kräftige Buhs, ein paar Bravos, ansonsten eher verhaltener Applaus. Ein Skandal? Sagen wir, und da sind wir schon sehr großzügig, ein Skandälchen. Ein ganz, ganz kleines.

Szenenfoto
... doch skandalöser noch waren Nackedeis im Publikum und tanzende Nonnen: Davon haben wir leider kein Foto. Also hier nochmal der Graf.

Was mag die Essener Intendanz zu dieser Wiederaufnahme bewogen haben – und warum hat Hilsdorf eingewilligt? Die Inszenierung hat künstlerische Substanz, und das zeigt sich gerade jenseits der skandalträchtigen Szenen. Aber ohnehin ist das Provokative entschärft; die zerstückelte Rock-Version des Zigeunerchores etwa, die einst heftige Publikumsreaktionen hervorgerufen hatte, fehlt. Fast hat man den Eindruck, Hilsdorf zitiere sich selbst mit einem ironischen, distanzierten Blick. Insgesamt wirkt die Inszenierung viel ruhiger und konzentrierter als in ihrer „Urfassung“, und weil die ganz schrillen Elemente abgemildert (oder abgenutzt?) sind, kommen die Szenen zur Geltung, die ursprünglich eher schwach weil weniger spektakulär wirkten.

Szenenfoto

Die Brutalität Lunas bekommt auch Azucena zu spüren.

Überzeugend ist nach wie vor der Ansatz, das Filmhafte hervorzuheben: Hilsdorf gliedert das Werk, in dem er die acht Bilder wie zu Stummfilmzeiten durch Zwischentitel (auf den Vorhang projiziert) einleitet. In den eindrucksvollen, geschickt ausgeleuchteten Bühnenräumen von Johannes Leiacker gelingt ihm das Kunststück, die oft belächelte Schauergeschichte psychologisch glaubwürdig zu erzählen. Oft wechselt er dazu aus der konkreten Erzählung heraus in eine symbolische Ebene, schält aus der verworrenen Handlung bestimmte Motive als Träger von Prinzipien heraus: Der geordnete Militarismus des Grafen Luna, die ungeordnete Macht-losigkeit der Zigeuner (hinter der aber ebenfalls ein gehöriges Gewaltpotenzial steckt), die Religiosität der Gräfin als notdürftig übertünchte Weltflucht, und im Gegensatz dazu die erotische Begierde als Gegenpol. In der Summe zeigt er eine heterogene Gesellschaft, die ihre Probleme nicht annähernd in den Griff bekommt und deshalb mit Gewaltexzessen aller Art unterdrückt. Lunas schauriger Triumph besteht bei Hilsdorf nicht in der Tötung des Rivalen (der ja in Wirklichkeit sein Bruder ist), sondern in der brutalen Vereinfachung, mit der er alles lächerlich machen will, was seinem primitiv-gewalttätigen Weltbild widerspricht: Er degradiert Azucena und Manrico zu Klischees von Zigeunerin und Bänkelsänger. Diese höchstaktuelle Sichtweise wäre wohl noch zwingender gewesen, hätte Hilsdorf vollständig auf das alberne Tohuwabohu der Kirchenszene verzichtet.

Szenenfoto

Minnegesang gibt es in diesen schweren Zeiten nur noch mit der Pistole am Kopf: Nur auf nachdrücklichen Wunsch Lunas (links) singt Manrico für Leonora.

Die eigentliche Schwäche der Aufführung aber liegt in der musikalischen Realisation. Boris Statsenko singt den Luna reichlich wenig konturiert, dumpf wabernd in der Tiefe, nicht übermäßig durchschlagkräftig in der Höhe: Insgesamt zu harmlos, als dass man ihm seine Brutalität wirklich abnehmen könnte. Der Manrico von Mikhael Dawidoff kompensiert fehlenden Glanz in der Höhe durch kleine Schluchzer, und im Verlauf des Abends nahm diese tenorale Unart ärgerliche Ausmaße an. Kräftemäßig bewältigte er die Partie akzeptabel, ohne sie musikalisch groß auszugestalten. Silvana Dussmann (Leonora) sang manche Passagen keck wie in einer Operette, andere (die lyrischen, tiefer gelegenen) mit berückendem Schmelz, aber die Spitzentöne klingen scharf und werden oft auch nur ungefähr getroffen – eine schlüssige Charakterisierung ergab das nicht. Die Stimme von Ildiko Szönyi ist für eine wirklich gewichtige Azucena zu klein und auch zu brav – auch hier gelang nur momentweise eine überzeugende Ausdeutung der Figur.

Die Essener Philharmoniker waren für ihre Verhältnisse ungewohnt unkonzentriert, was sich in manchen Ungenauigkeiten niederschlug. Zudem gelang es ihrem Chefdirigenten Stefan Soltesz nicht, Chor und Orchester über die oft riesige Entfernung zusammenzuhalten. Schwerer aber wiegt, dass Soltesz keinen rechten Verdi-Ton fand: Zwar gab es wieder etliche bezaubernd schöne Passagen, aber an entscheidenden Stellen fehlt die Härte, und dann verfällt Soltesz allzu oft in unverbindlichen Wunschkonzert-Tonfall mit schmachtenden Rubati und behäbigen Tempi, die an der Dramatik auf der Bühne vorbeispielen (so ausgerechnet im Zigeunerchor). Skandal auf der Bühne, Rettung aus dem Orchestergraben: Das mag sich mancher Soltesz-Fan oder Hilsdorf-Gegner im Vorfeld gedacht haben. In der Realität hat das Essener Theater nichts davon bekommen.


FAZIT
Essens späte Rache an Dietrich Hilsdorf: Der Provokateur wird in musealer Manier goutiert. Hinter dem ausgebliebenen Skandal kann man eine in vieler Hinsicht starke Inszenierung sehen, die an musikalischem Profil aber noch gewinnen dürfte.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Stefan Soltesz

Inszenierung
Dietrich Hilsdorf

Bühne und Kostüme
Johannes Leiacker

Licht
Hartmut Litzinger

Dramaturgie
Norbert Grote



Essener Philharmoniker

Opernchor, Extrachor und
Statisterie des
Aalto-Theaters Essen



Solisten

Leonore
Silvana Dussmann

Inez
Marie-Helen Joël

Graf Luna
Boris Statsenko

Ferrando
Almas Svilpa

Azucena
Ildiko Szönyi

Manrico
Mikhail Dawidoff

Ruiz
Herbert Hechenberger






Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Essen (Homepage)




Da capo al Fine

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