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Musiktheater
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Tosca
Melodramma in tre atti
Musik von Giacomo Puccini
Text von Giuseppe Giocosa und Luigi Illica
Nach dem Drama
La Tosca von Victorien Sardou

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln


Premiere an der Deutschen Oper am Rhein
am 16. Februar 2002
Theater der Stadt Duisburg


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Deutsche Oper am Rhein
(Homepage)
Mit Blindheit geschlagen

Von Silvia Adler / Fotos von Eduard Straub



Überall Augen. Angstvoll geweitete, leiderfüllte Augen. Herausgeschnitten aus Gemälden. Zunächst wie Fremdkörper in Johannes Leiackers stimmungsvoll romantischem Bühnenbild. Später unheilvolle Richtungsweiser. Stumme, gequälte Zeugen. "Nie war Tosca auf der Bühne tragischer." Was Regisseur Dietrich Hilsdorf im Interview als Schlüsselsatz aus dem Libretto zitiert, gilt uneingeschränkt auch für seine Inszenierung an der Oper Duisburg, die an Dramatik kaum zu übertreffen ist. Wie ein Stück von Strindberg sei ihm Sardous Textvorlage erschienen - Geschlechterkampf vor dem Hintergrund von Krieg und Revolution. Um sich greifend, wie eine Infektion. Psychische Ausnahmesituationen beherrschen bereits den ersten Akt: Die dramatische Flucht Angelottis, Cavaradossis gefährliche Konspiration mit dem Verfolgten, Tocas fatale Eifersucht - eindrucksvoll beleuchtet die Regie das explosive Konfliktpotential. Mit großer Genauigkeit werden die emotionalen Untiefen ausgelotet.

Angesiedelt zwischen Tragödie und Farce gelingt der Inszenierung eine überzeugende Gradwanderung zwischen ironischer Distanz und packender Emotionalität. Als komisch-grotesker Kontrapunkt wird dem dramatischen Bühnengeschehen die Figur des Messners (stimmlich profund: Michael Dries) gegenübergestellt. Auch im von heftiger Eifersucht aufgeheizten Liebesduett zwischen Tosca und Cavaradossi scheint unüberhörbar ein ironischer Unterton mitzuschwingen.

Vergrößerung Blumen für die Dame: Tosca (Therese Waldner) und Cavaradossi (Andrej Lantsov).

An keiner Stelle verfällt die Inszenierung ins Pathetische. Dennoch werden die extremen Gefühlslagen der Protagonisten durchaus ernstgenommen: Im Zusammenprall mit der gesellschaftlichen Krise entwickelt Toscas grundlose Eifersucht eine verhängnisvolle Dimension: Der harmlose Funke gerät außer Kontrolle und wird bald zum um sich greifenden Flächenbrand. Der persönliche Konflikt entwickelt sich zum "Drama von großer Fallhöhe". Nicht nur Hilsdorfs stringente Erzähltechnik auch die symbolträchtige Sprache des Bühnenbildes lässt die existentiellen menschlichen Fragen der Oper in den Vordergrund rücken. Das einfache, die Bühne beherrschende Symbol des Auges genügt: Treffend verweist das spähende Auge auf Toscas blinde Eifersucht; auf den zwanghaften Wunsch, alles sehen zu wollen, durch genaues Hinsehen, die Kontrolle zu behalten. Wie ein sich gekehrter Hort der Ruhe erscheint dagegen die Marienstatue, deren Gesicht mit einem steinernen Tuch verbunden ist.

Sehen wollen und doch mit Blindheit geschlagen sein - im zweiten Akt wird das grausame Spiel auf die Spitze getrieben: Was sonst hinter verschlossenen Türen geschieht, bei Hilsdorf wird es ans Licht gezerrt. Die Folterszene findet auf offener Bühne statt. Mit verbundenen Augen steht Tosca daneben - der eigenen Phantasie hilflos ausgeliefert. Auch Angelotti ist - anders als das Libretto es vorsieht - in dieser Szene anwesend. Für jeden erkennbar, nur mit einem angedeuteten schwarzen Schleier bedeckt, sitzt der Gesuchte neben den Folterern auf der Bühne.

Vergrößerung Duett mit einem Toten: Scarpia (John Wegner) und Cavaradossi (Andrej Lantsov).

Man traut seinen Augen nicht. Was man zu sehen glaubt, erscheint als Irrtum. Klar und deutlich ist nur das Unsichtbare, die inneren Qualen der Protagonisten. Auch im Finale erweist sich Toscas Hellsichtigkeit als fatale Täuschung. Nur zum Schein sollen Cavaradossi vor der vermeintlichen Hinrichtung die Augen verbunden werden. Das blinde Vertrauen in den eigenen Plan endet schließlich in der Katastrophe. Sehenden Auges stürzen sich die Protagonisten ins Verderben. Der Schein entpuppt sich als Wirklichkeit. Sehen oder Blind sein - in letzter hoffnungsloser Konsequenz scheint es keinen Unterschied zu geben.

Mit Therese Waldner als Tosca, Andrej Lantsov als Caravadossi sowie John Wegner als Scarpia und Michail Milanov als Angelotti konnte die Regie auf ein Ensemble zurückgreifen, das die hohen darstellerischen Anforderungen bravourös meisterte. Auch sängerisch hatte die Aufführung Einiges zu bieten. Großen Eindruck hinterließ vor allem Therese Waldners warmtimbrierter Sopran mit volltönenden Legato-Bögen und souveränen Spitzentönen. Aufhorchen ließ auch der metallisch strahlende Tenor von Andrej Lantsov, der wegen einer Erkältung leider etwas beeinträchtigt war. Etwas mehr Belcantotechnik hätte man sich hingegen von John Wegner gewünscht, der die Partie des Scarpia - trotz einer überragenden darstellerischen Leistung - zu grobschlächtig, mit wenig stimmlichem Feinschliff interpretierte. Überzeugend fügte sich der Bassist Michail Milanov ins ausgewogene Ensemble. Vom Publikum regelrecht gefeiert wurde das Orchester unter John Fiore, das die dramatische Hochspannung auf der Bühne mit höchster musikalischer Expressivität unterstützte.


FAZIT
Musikdrama im wahrsten Sinne des Wortes, das an Spannung kaum zu übertreffen ist. Sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen!


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
John Fiore

Inszenierung
Dietrich Hilsdorf

Bühne und Kostüme
Johannes Leiacker

Chor
Christoph Kurig



Der Chor der Deutschen
Oper am Rhein
Der Kinderchor des Görres
GymnasiumDüsseldorf
(Ltg. Ulrich Brall)
Die Statisterie der Deutschen
Oper am Rhein
Die Duisburger Philharmoniker


Solisten

Floria Tosca
Therese Waldner

Mario Cavaradossi
Andrej Lantsov

Baron Scarpia
John Wegner

Cesare Angelotti
Michail Milanov

Sagrestano
Michael Dries

Spoletta
Thomas Greuel

Sciarrone
Thorsten Grümbel

Tosca als Kind
Julia Petereit



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Deutsche Oper am Rhein
(Homepage)



Da capo al Fine

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