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Musiktheater
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The Who's Tommy

Rockoper von "The Who"
Musik und Gesangstexte von Pete Townshend
Buch von Pete Townshend und Des McAnuff
Ergänzende Musik von John Entwistle und Keith Moon
Deutsche Texte von Anthony Gebler


Koproduktion mit dem Theater Osnabrück


Aufführungsdauer: ca. 2 h 30 min (eine Pause)

Premiere am Theater Dortmund
am 2. September 2001
(rezensierte Vorstellung: 7. September 2001)

Logo: Theater Dortmund
Theater Dortmund
(Homepage)

Tommy aus dem Spiegel-Ei

Von Stefan Schmöe / Foto von Andrea Kremper


Während andere Bühnen ringsherum noch eifrig für die erste Premiere proben, legt das Theater Dortmund forsch vor und sichert sich nicht nur unsere erste Opernrezension der neuen Spielzeit, sondern auch einen komfortablen 2-Wochen-Vorsprung vor den benachbarten Häusern im Kampf um die Gunst des Publikums. Etwas für alle soll es sein, und im letzten Jahr gelang mit Victor/Victoria ein Volltreffer: Wer's verpasst, dem ist nicht zu helfen! meinte der Rezensent des OMM damals. So viel Enthusiasmus, das sei vorweggenommen, ist diesmal nicht angesagt. Dass aber neben Wagner, Puccini und Mozart nun auch die berüchtigte englische Pop-Gruppe „The Who“ in das Dortmunder Opernhaus einzieht, ist natürlich eine spannende Sache.

Ursprünglich 1969 als Song-Zyklus entworfen, fand Tommy schnell Einzug auf die ganz großen Bühnen (bereits 1970 fand an der Met eine Konzertaufführung statt). Nach diversen Bearbeitungen entstand 1993 eine Musical-Fassung, die überaus erfolgreich am Broadway gespielt wurde (und auf der die Dortmunder Aufführung basiert). Den Charme der berüchtigten Bühnenauftritte von The Who, oft mit Kleinholz und Sachschaden verbunden, braucht man in Dortmund nicht zu fürchten: Tommy ist längst domestiziert und stadttheatertauglich. Statt Provokation und Selbstfindung ist gepflegte Unterhaltung angesagt.


Szenenfoto Die Acid Queen (Valerie Simmonds) soll Tommy mit weiblichen (wenn auch nicht eben sanften) Methoden kurieren...

Die Geschichte des Jungen Tommy, der sich nach einem Schockerlebnis autistisch in sein Inneres zurückzieht, durch seine genialen Fähigkeiten beim Flipper-Spiel zum Star aufsteigt und am Ende, von seinem Trauma geheilt, seine Fans vergrault, weil er einfach nur normal sein möchte, symbolisiert den Wunsch der Nachkriegsgeneration nach Selbstverwirklichung. Das Flipperspiel ist Metapher für die Rock-Musik, und das ist der musiktheatralisch zwingende Grund, mit der Musik von The Who eine Oper zu machen. Der scheinbare Widerspruch zwischen der Gattung „Oper“ und der an sich für ein gänzlich anderes Publikum geschriebenen Musik wird dadurch aufgehoben; vielmehr benutzt das Stück die Möglichkeiten der Oper als Träger für große Gefühle und die Musik als authentischen Ausdruck des Zeitgeistes. Der Grundton des Stücks ist ausgesprochen pessimistisch: Kindheit im Krieg, die Tötung des Vaters durch den Liebhaber der Mutter, sexueller Missbrauch durch den Onkel, Opfer von Gewaltorgien des Vetters – Tommy bleibt nicht viel erspart, und das Ende ist ja keineswegs eindeutig glücklich, sondern bestenfalls offen. Die unverbindliche Broadway-Ästhetik der Musical-Fassung allerdings entschärft und verharmlost vieles von dieser Vorlage.

Auch Regisseur Thomas Münstermann sucht aber eher die Unterhaltungsqualitäten, die diese Musik natürlich auch hat (das ist kein spezifisches Charakteristum dieser Musik: Selbst die grausigste Verdi-Oper ist da nicht anders und will in gewisser Hinsicht auch unterhalten). Münstermann erzählt ein letztendlich harmloses Märchen, bei dem man die größten Ungerechtigkeiten hinnimmt in dem sicheren Wissen, das alles gut (respektive Tommy ein großer Star) wird. Viel Show und hohes Tempo sind die Maxime der Inszenierung. Langeweile kommt da nicht auf, auch wenn vieles als Selbstzweck erscheint: Theaterzauber wird oft schlichtweg deshalb bemüht, weil ganz schnell irgendwas passieren muss. Oft bekommen die Bilder dabei zu wenig Zeit, um ihre Wirkung voll zu entfalten. Das Bühnenbild (Knut Hetzer) spielt mit allerlei symbolischen Brechungen: Der leitmotivische Spiegel (in dem Tommy die Tötung seines Vaters sieht und dem sein Traumbild entsteigt) etwa ist eine überdimensionale Flipperkugel, die wiederum wie ein Ei den Rockmusiker Tommy birgt und nach der Heilung des Helden frei gibt; Tommys Vater wird von Tommys Mikrophonständer erschlagen - es ließen sich noch etliche Beispiele anführen. Münstermann und Hetzer verzichten aber auf jede sozialkritische Deutung. Sie erzählen letztendlich ein harmloses Märchen, bei dem man die größten Ungerechtigkeiten gern hinnimmt in dem sicheren Wissen, das alles gut wird.


Szenenfoto ... aber der Weg zur Genesung führt nur über das eigene Spiegelbild (links: Tommy I, rechts: Tommy II), das einem Spiegel-Ei (man ahnt es hinten) entspringt ...

Unter der Vorgabe, gutes Unterhaltungstheater zu produzieren, ist dieser Ansatz verständlich. Die hohe Präzision, die eine solche Bühnenshow erfordert, bleibt das Ensemble jedoch zumindest im ersten Akt schuldig. Der hektische Aktionismus nimmt mitunter skurrile Züge an, weil die solide, aber recht schematische Choreographie von Melissa King einfach „klappert“, synchrone Bewegungsabläufe eben nur beinahe synchron sind und eigentlich immer jemand aus der Reihe tanzt. Im zweiten Akt wird das sehr viel besser. Offenbar ist vor allem das große und wirklich eindrucksvolle Finale geprobt worden, in dem sich das gesamte Ensemble ungleich souveräner präsentiert , und das dem Abend dann doch noch zum erfolg verhilft.


Szenenfoto ... aber schließlich darf der geheilte Tommy (hier: Variante I) auf dieser schicken Hebebühne in den Rock-Himmel auffahren.

Von den Sängern wird das Konzept ein wenig brav umgesetzt. Walter Louis (Tommy sadistischer Cousin) und Valerie Simmonds (Acid Queen) zeigen in Nebenrollen, wie man die Freiheiten, die in dieser Musik liegen, improvisatorisch nutzen könnte – der Rest des Ensembles hält sich lieber strikt an die Vorgaben. Auch die Band tut das – sicher alles sehr gute Musiker, souverän geleitet von Dirigent Timor Oliver Chadik, aber die Musik klingt immer (zu) sehr kontrolliert und versandet oft im Pop-Sound. Die Sänger dürfen durchs Mikro dröhnen (oft ohne irgendwelche Zeichen von Anstrengung, als sei es Play-back), Bass und E-Gitarre bleiben dezent im gemäßigten Lautstärkebereich.

Ein Erfolg ist das Stück trotz der genannten Abstriche dennoch: Das Publikum, zur Pause noch ein wenig reserviert, war am Ende begeistert. Vermutlich muss eine solche Produktion, die unterschiedliche Genres vereinigt, Kompromisse schließen, um das große Publikum anzusprechen. Wegen der vertanen Chancen mag man das Bedauern. Ein Fehlstart in die neue Saison ist das aber keineswegs. Tommy soll das Dortmunder Theater rechtzeitig zum Saisonstart ins Gespräch bringen, und diesen Auftrag erfüllt er zufriedenstellend. Und die erste Rezension der neuen Spilzeit ist ihm ja ohnehin sicher.


FAZIT
“The Who” im Opernhaus??? Keine Angst, hier wird ganz moderat abgerockt. Nettes Unterhaltungstheater für alle, das zumindest hin und wieder ein wenig Broadway-Atmosphäre nach Dortmund bringt.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Timor Oliver Chadik

Inszenierung
Thomas Münstermann

Choreographie
Melissa King

Ausstattung
Knut Hetzer

Chor
Granville Walker


Eine Band


Solisten

Tommy I / Erzähler
Andreas Bieber

Tommy II
Andreas Ströbel

Tommy III
Ilona Jagasich

Captain Walker
Bernhard Modes

Mrs. Walker
Susanna Panzner

Tommys Stiefvater
Holger Hauer /
Michael Ophelders

Onkel Ernie
Hannes Brock

Cousin Kevin
Walter Louis

Acid Queen
Valerie Simmonds

und viele andere


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Dortmund
(Homepage)




Da capo al Fine

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