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Musiktheater
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Tannhäuser
Romantische Oper in drei Aufzügen
von Richard Wagner

Aufführungsdauer: ca. 4 h 15' (zwei Pausen)

Premiere am 3. Oktober 2001


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Theater Dortmund
(Homepage)
Musikalische Großtat

Von Thomas Tillmann / Fotos von Andrea Kremper



Selbst wenn man strengste Maßstäbe anlegt, so kommt man nicht umhin, von einem in musikalischer Hinsicht ganz großen Abend im Theater Dortmund zu sprechen, was umso mehr erstaunt, als sich das Haus in dieser ersten Spielzeit nach John Dews und vor Christine Mielitz' Intendanz in keiner leichten Situation befindet und finanziell beileibe nicht so gut da steht wie manch anderes Institut in der Region, das solch inspirierte Aufführungen reichlich selten auf die Beine zu stellen vermag.

Vergrößerung Der Landgraf (Thomas Mehnert) und seine schöne Nichte (Jill-Maria Marsden) lauschen erwartungsfroh und unbekümmert den ersten Beiträgen des Sängerwettstreits.

Man hatte fast vergessen, welche Autorität Hans Wallat, der sich dankenswerterweise als Interims-GMD zur Verfügung gestellt hatte, doch vor allem im deutschen Fach ist: Da klingt Wagner wirklich nach Wagner, da wird die Partitur nicht zum Spielplatz eitler Pultdivenmanierismen, da stimmen die Tempi, die man anfangs vielleicht als ein bisschen gesetzt, aber nie als spannungsarm empfindet, da spürt man das klug durchdachte Konzept, das nicht auf spektakuläre Höhepunkt setzt (die es freilich trotzdem in nicht geringer Anzahl gibt!), sondern einen nie nachlassenden Bogen vom ersten bis zum letzten Ton spannt, da staunt man über die Präzision hinsichtlich der Ausführung der dynamischen Vorgaben der Partitur, über die ausgewogene Balance der verschiedenen Stimmen, das unermüdliche Feilen an Nuancen, da freut man sich über die Übersicht in der Koordination von Bühne und Graben und die exemplarische Unterstützung der Sänger. Richtig fand ich auch die Entscheidung für die sogenannte Wiener Fassung, die im ersten Aufzug weitgehend das "im chromatisch irrisierenden Tristan-Reifestil" (Nike Wagner) neukomponierte Bacchanal und die (besonders hinsichtlich der Partie der Liebesgöttin) erheblich ausgeweitete Venusbergszene der Pariser Fassung übernimmt.

Vergrößerung Elisabeth (Jill-Maria Marsden) verteidigt als einzige den von seinen Kollegen Wolfram von Eschenbach (Thomas de Vries, hinten links) und Walther von der Vogelweide (Norbert Schmittberg, hinten rechts) kritisierten Tannhäuser (Wolfgang Millgramm, kniend).

Auch die größtenteils in ihren Partien debütierenden, durchweg am Dortmunder Haus engagierten Solisten (ein Hoch auf das Ensembletheater, das hier wirklich noch gepflegt wird!) verdienen höchstes Lob, nicht zuletzt wegen ihres großen darstellerischen Engagements und ihrem vorbildlichen Bemühen um Textverständlichkeit. Da ist zunächst Wolfgang Millgramm zu nennen, der der immens kräftezehrenden Titelpartie in jeder Hinsicht gewachsen war (und das ist viel in diesen Tagen, in denen manch prominenterer Kollege an dieser Rolle scheitert!) und sie vor allem in jedem Augenblick mit betörend dunkler, farbiger, italienisch geschulter, legato- wie pianostarker, geschmeidiger Stimme und beklemmender Rollenidentifikation, mit einer - auch auf Tonträgern! - selten erlebten Symbiose aus kontrolliertem Schöngesang und Ausdruckstiefe ausfüllte und damit wohl auch Wolfgang Wagner beeindruckte, der den Weg nach Dortmund angetreten hatte, um seinem Tannhäuser-Cover des nächsten Festspielsommers die Daumen zu drücken. Jill-Maria Marsden überzeugte als sehr leicht besetzte, attraktive Elisabeth mit ihrem zwar angemessen jugendlich klingenden, aber doch reichlich tremolierenden, unter Fortedruck besonders in der Höhe zum Klirren neigenden Sopran in erster Linie in den Pianostellen des sehr differenziert gestalteten Gebets. Die hybride Partie der Venus sang Sonja Burowski-Tudor mit schillernd-verführerischem, gleißenden, stets schlanken Ton; allenfalls in der Extremhöhe kam die Künstlerin an hörbare Grenzen. Viel Mühe hatte sich der Regisseur bei der Zeichnung des Wolfram gegeben, der hier als echter Konkurrent Tannhäusers erscheint. Der vom Publikum gefeierte Thomas de Vries gab den edelmütig Verzichtenden mit besonders in der Höhe leicht ansprechenden Bariton von recht allgemeiner Farbe und großem interpretatorischem Ernst. Exzellent besetzt war zudem die übrige Sängerriege, die Norbert Schmittberg mit auch in den Ensembles stets präsentem, vollem lyrischen Tenor als Walther von der Vogelweide trefflich anführte und in der Andreas Becker sich mit seiner langjährigen Erfahrung im Wagnerfach hervortat. Überraschend profiliert, mit edler Linie und sorgfältiger Phrasierung gab der von mir sonst häufig nicht recht wahrgenommene Thomas Mehnert den Landgrafen mehr als tadellos, was auch über die weiteren Mitwirkenden mitsamt dem superben Chor des Theaters Dortmund zu sagen ist.

Vergrößerung Der völlig gebrochene Tannhäuser (Wolfgang Millgramm) erzählt dem entsetzten Wolfram (Thomas de Vries) von seinem frustrierenden Rom-Erlebnis.

Und die Regie? Natürlich darf man ein Stück wie Tannhäuser aktualisieren - da fallen einem schon einige gelungene Versuche ein -, aber ist diese wirklich legitimiert, wenn man keine neuen, einleuchtenden Deutungsansätze anzubieten hat und wie (der dann auch heftig ausgebuhte) Jakob Peters-Messer im ermüdend Konventionellen, Statischen, Beliebigen oder auch Unausgegorenen stecken bleibt? Wer ist denn dieser offenkundig sich zwischen kaum deutlich umrissenen Extremen aufreibende Mann in dem wenig vorteilhaften Cordanzug? Zweifellos ein fleißiger Songwriter, denn seine Werke liegen gleich stapelweise im Venusberg herum, in dem Tannhäuser und Venus während des optisch entsetzlich zähen Bacchanal - Anke Glasows müde Choreografie kombiniert wenig originell offenbar bei Pina Bausch abgekupferte Gesten, eine Handvoll klassischer Posen, Sprünge und Hebefiguren sowie stilisiert-idiosynkratische Koitusbewegungen im Zeitlupentempo - nahezu regungslos und mit dem Rücken zum Zuschauer wie Fremde nebeneinander sitzen. Wer ist diese dezent im modernen kleinen Schwarzen auftretende, verhaltene Sinnlichkeit verströmende junge Frau, der er meint entfliehen zu müssen? Seine Agentin oder Verlegerin? Wo spielt diese Geschichte überhaupt? Tobias Hoheisels schnörkellos-kompaktes Einheitsbühnenbild mit seinen oben abgerundeten weißen Wänden und der setzkastenähnlichen, breitmaschigen Gitterdecke, dem spitz zulaufenden Tor, das bald den Blick ins düstere Innere des Venusbergs, bald auf die schlichte Treppe zur nicht gezeigten Wartburg freigibt, den immer wieder auftauchtenden Stühlen im kühl-funktionalen Design, den schlichten Lampen und der Picassoaktzeichnung im zweiten Aufzug erinnerte mich an die gruseligen Mehrzweckräume, die man aus in den siebziger Jahren eilig hochgezogenen Schulgebäuden kennt. Am schlüssigsten und spannendsten geriet darin noch der zweite Aufzug, der eine nobel ausstaffierte Festgesellschaft zeigt, deren Entsetzen über Tannhäusers Bekenntnisse einem angesichts der modernen Optik freilich merkwürdig übertrieben vorkamen.

Vergrößerung Die ohnehin leicht bekleidete Elisabeth (Jill-Maria Marsden) entledigt sich kurz vor ihrem Tod auch noch ihres Mantels.

Wer sind schließlich diese Pilger, die mit Krücken und Rollstühlen wohl eher nach Lourdes als nach Rom unterwegs sind und nicht weiter überraschend geheilt zurückkehren? Gänzlich uninspiriert und wenig nachvollziehbar dann der letzte Akt: Angesichts des Bühnenschnees konnte ich mich des Gedankens nicht erwehren, dass diese barfüßige und schließlich nur noch im schicken Unterrock über die Bühne wankende Elisabeth schlicht auf den weißen, ins Nichts führenden Stufen erfriert anstatt den Opfertod zu sterben, der sich ohnehin schlecht in unserer Gegenwart unterbringen lässt. Und so bleibt es der aus dem selben Tor auftauchenden Venus überlassen, zusammen mit Wolfram den inzwischen ebenfalls verblichenen Tannhäuser zu betrauern, bevor der Herrenchor in schwarzer Hose und weißem Hemd in braver Konzertaufstellung wie bei der Beerdigung eines beliebten Sangesbruders noch einmal kraftvoll den Schöpfer preisen darf. Pardon, aber bei soviel szenischer Hilf- und Ideenlosigkeit wurde doch Sehnsucht wach nach John Dew, an dessen exzellente, dichte Tristan-Inszenierung von vor zwei Jahren man sich voller Wehmut erinnerte.


FAZIT

Einem Sammelsurium von wenig einleuchtenden, sich nicht zu einem nachvollziehbaren Konzept zusammenfügenden Einzeleinfällen stand bei der ersten Dortmunder Opernpremiere eine musikalische Höchstleistung gegenüber, die ihres Gleichen sucht!


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Hans Wallat

Inszenierung
Jakob Peters-Messer

Bühne
Tobias Hoheisel

Kostüme
José-Manuel Vazquez

Choreographie
Anke Glasow

Dramaturgie
Helga Neelmeyer

Chor
Granville Walker



Chor, Extrachor,
Ballettensemble und
Statisterie des
Theater Dortmund


Das Philharmonische
Orchester Dortmund


Solisten

* Besetzung der Premiere

Hermann, Landgraf von Thüringen
Karl-Heinz Lehner
Thomas Mehnert*

Tannhäuser
Paul Lyon
Wolfgang Millgramm*

Wolfram von Eschenbach
Hannu Niemelä
Thomas de Vries*

Walther von der Vogelweide
Norbert Schmittberg

Biterolf
Andreas Becker

Heinrich der Schreiber
Jeff Martin

Reinmar von Zweter
Thomas Günzler

Elisabeth, Nichte des Landgrafen
Jill-Maria Marsden

Venus
Sonja Burowski-Tudor

Ein junger Hirt
Jillian Anderton

Vier Edelknaben
Brigitte Strauch
Maria Hiefinger
Andrea Rieche
Karin Robben




Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Theater Dortmund
(Homepage)



Da capo al Fine

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