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Ein Triumphzug der (Alten) Musik
Von Gerhard Menzel
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Fotos von Eduard Straub Nicht "Zurück in die Zukunft", sondern "Vorwärts in die Vergangenheit" lautet wohl zur Zeit die Spielplanpolitik vieler Opernhäuser in NRW. Vor einigen Jahren schien es noch undenkbar, doch im Moment erobert nicht nur eine Barockoper nach der anderen die hiesigen Bühnen, sondern ebenso die an der "historischen Aufführungspraxis" orientierte orchestrale Umsetzung derselben hält Einzug auch in die "traditionellen" Orchestergräben. In Gelsenkirchen bereitete der inzwischen zum Operndirektor avancierte Samuel Bächli schon seit einiger Zeit den Boden für eine adäquate Aufführung barocker Werke (siehe Händels Gefährliche Liebschaften). In dieser Spielzeit eröffnete er mit einer beeindruckenden Produktion von Cavallis La Calisto eine Barockopernreihe, in deren Verlauf er ein komplettes "Barockorchester" aus den Reihen der Neuen Philharmonie Westfalen heraus rekrutieren will. Auch in Essen wurde damit begonnen, aus Mitgliedern der Essener Philharmoniker ein Barockopernensemble aufzubauen. Unter der musikalischen Leitung von Andreas Spering kam gerade als erstes erfolgreiches Ergebnis dieser Bestrebungen Vivaldis Oper Ottone in villa heraus. Und an der Deutsche Oper am Rhein startete jetzt mit L'Orfeo ein Monteverdi-Zyklus.
Foto links:Der glanzvolle Auftritt von La Musica (Carol Wilson) im Prolog.
Einen besseren Anfang hätte man nicht wählen können: das Stück aller Stücke zum Thema Musik, Orfeo der "größte" Sänger aller Zeiten, die "erste Oper" der Musikgeschichte, ... Nein, nicht wirklich, aber von allem ein bisschen. Jedenfalls ein Meisterwerk und Markstein für die Musikbühne und ein hervorragender Einstieg für die Einführung einer neue "Sparte" ins Repertoire. Soweit die Theorie. Für die praktische Umsetzung hatte Generalintendant Tobias Richter zwei erfahrene und auf ihrem Gebiet seit langem erfolgreich arbeitende Künstler verpflichtet. Zum einen den Regisseur Christoph Loy, der schon seit Jahren an der Rheinoper mit Inszenierungen wie Manon, La finta giardiniera, Lucia di Lammermoor oder L'italiana in Algeri für Aufsehen sorgte, und zum anderen den (auch) "Barockspezialisten" Christoph Spering (der ältere Bruder von Andreas Spering, siehe Ottone in villa in Essen) als musikalischen spiritus rector. Das Produktionsteam für den Monteverdi-Zyklus an der Deutschen Oper am Rhein komplettieren Dirk Becker (Bühne), Michaela Barth (Kostüme) und Hanns-Joachim Haas (Licht).
Foto rechts:Das glückliche Hochzeitspaar Euridice (Sylvia Hamvasi) und Orfeo (Ludwig Grabmeier)
Die Inszenierung von Christoph Loy besticht vor allem durch die Klarheit seines Konzepts und die handwerklich ausgezeichnete Personenführung. Ob es die Titelfigur des Stückes ist, oder die kleinste "Chorpartie", jeder weiß, wie er zu agieren und zu reagieren hat. Der sandfarbene, etwas hügelig ausgestaltete Raum von Dirk Becker bietet alle Möglichkeiten, die jeweiligen Personen in den Mittelpunkt des Interesses zu rücken. Die scheinbar aus den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts stammenden Kostüme von Michaela Barth evozieren - zusammen mit den zahlreichen Umzugskartons - einen bevorstehenden Einzug Orfeos und Euridices in eine gemeinsame Wohnung. Die zunächst fröhliche Umzugs- und Hochzeitsgesellschaft und die folgenden dramatischen Geschehnisse werden von Hanns-Joachim Haas ins rechte Licht gesetzt. Für den Schluss der Oper hat sich Christoph Loy sogar noch eine ganz besondere Überraschung aufgehoben. Ein geschickter Zug Loys war es auch, die allegorische Gestalt der Musica, die eigentlich nur im Prolog auftritt und die Geschichte des Orfeo ankündigt, diesem als seine ständige Begleiterin mit auf den Weg zu geben. Dass die Musik auch oft eine Hoffnung spendende Kraft sein kann, bringt Loy dadurch zum Ausdruck, dass die ungeheuer präsente und wandlungsfähige Carol Wilson auch die Partie der Speranza verkörpert. Dass sie zusammen mit ihrem "Medium" Orfeo letztendlich auch scheitert, bleibt als eine der eindrucksvollsten Szenen des Stückes sicher lange in Erinnerung.
Klangbeispiel: Orfeo (Ludwig Grabmeier) in der Unterwelt
(MP3-Datei)
Das durch diesen Ansatz erweiterte "Einpersonenstück" wird durch den stimmlich wie darstellerisch sehr ausdrucksstarken und hingebungsvollen Ludwig Grabmeier als Orfeo geprägt. Sein Leid, seine Freude, seine Verzweiflung, sein bedingungsloser Einsatz zur Wiedergewinnung seiner Euridice und sein letztendlich selbst verschuldetes Scheitern füllt Grabmeier so mit Leben und Gefühl, dass man sich dieser Wirkung nicht entziehen kann. Auch die übrigen, meist nur kurzen Partien, waren ganz hervorragend besetzt: Sylvia Hamvasi als anrührende Euridice, Marta Marquez als ausdrucksstarke Unglücksbotin, Thorsten Grümbel als geleckter Unterweltsbeamter Caronte und das gar nicht so finster erscheinende "Höllenpaar" Laura Nykänen als Proserpina und Sami Luttinen als Plutone.
Als einen Glücksfall sondergleichen stellte sich die Besetzung des "Chores" heraus. Neben Mitgliedern des eigenen Ensembles in kleineren Solopartien bildeten Angehörige des Opernstudios der Rheinoper und eine "handverlesene" Schar von zum Teil noch Studierenden ein kleines Vokalensemble, welches nicht nur herrlich anzuhören war, sondern auch spielerisch so überzeugte, dass für die meisten wohl eine baldige Bühnenlaufbahn bevorstehen dürfte.
Foto rechts:Messagiera (Marta Marquez) und Orfeo (Ludwig Grabmeier) trauern fassungslos vor der endgültig verlorenen Euridice (Sylvia Hamvasi).
Für die musikalisch hochkarätige Interpretation von Monteverdis Musik ist Christoph Spering höchstes Lob zu zollen. Das für diese Produktion erstmals zusammengestellte "Ensemble NRW für Alte Musik", das durch die "Stiftung Kunst und Kultur des Landes NRW" gefördert wird, wurde in enger Zusammenarbeit mit dem Ensemble "Neue Düsseldorfer Hofmusik" zusammengestellt und soll in Zukunft - auch außerhalb des Monteverdi-Zyklusses - verstärkt in Erscheinung treten. Dieses hier relativ groß besetzte Ensemble - was den Dimensionen des Opernhauses durchaus entgegenkommt - geizte nicht an Farbreichtum und klanglicher und dynamischer Raffinesse. Hierfür ist allerdings auch die - von Monteverdi nur zum Teil angegebene und - von Christoph Spering verfeinerte Instrumentation verantwortlich.
Dieser Orfeo ist musikalisch wie szenisch von erster Güte und ein vielversprechender Beginn des Monteverdi-Zyklusses. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Licht
SolistenLa Musica / La SperanzaCarol Wilson
Orfeo
Euridice
Ninfa
1. Pastore
2. Pastore
3. Pastore
4. Pastore
Messagiera
Caronte
Proserpina
Plutone
Uno spirito
Un altro spiritu
Eco / Apollo
Coro
* Mitglieder des Opernstudios
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