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Der Ring des Nibelungen
Die Walküre

Erster Tag

Dichtung und Musik
von Richard Wagner


Aufführungsdauer: ca. 5 h (zwei Pausen)

Premiere im Opernhaus Düsseldorf am 18. Februar 1990

Wiederaufnahme am 9. Mai 2002


Homepage

Deutsche Oper am Rhein
(Homepage)
Skandalöse Wiederaufnahme mit musikalischen Glanzlichtern

Von Thomas Tillmann / Fotos von Eduard Straub



Im Prinzip hat Professor Tobias Richter ja recht, wenn er nicht müde wird zu behaupten, man müsse möglichst viele Vorstellungen spielen, um sich gegen die immer prekärer werdende finanzielle Situation des Gemeinschaftstheaters zu stemmen. Nun gibt es neben der leidigen Diskussion um das liebe Geld aber auch so etwas wie eine künstlerische Verantwortung, die ein Intendant wahrzunehmen hat: Es ist mir durchaus klar, dass man für eine Reprise nicht dieselbe Anzahl an Proben hat wie für eine Premiere, aber wenn ein aufwändiges, langes Stück wie das genannte seit fünf Jahren nicht mehr auf dem Spielplan stand, wenn dazu noch Rollendebütanten besetzt sind (beziehungsweise Künstler, die noch nie in dieser Inszenierung zu sehen waren) und auch der musikalische Leiter trotz aller Werkkenntnis die Oper noch nicht dirigiert hat, dann muss man eben Zeit und Raum für die Vorbereitung schaffen oder die Finger von dem geplanten Unternehmen lassen, pardon.

Und sind wir ehrlich: Es ist ja nicht das erste Mal, dass man sich über die Qualität mancher Abende an der Deutschen Oper am Rhein die Haare raufen möchte - da gibt es ganz düstere Vorstellungen vor allem im Repertoirebetrieb, für deren Besuch aber auch Menschen wahrlich nicht geringe Eintrittspreise zahlen! Dass das Gros des Publikums davon nichts merkt oder vielleicht gnädiger über die eine oder andere Panne hinwegschaut, steht dabei auf einem anderen Blatt; dass hier vor allem im dritten Aufzug in technischer Sicht manches daneben ging, merkte auch der unerfahrene Besucher spätestens an den Unmengen Bühnennebel, die ihm um die Nase wehten, aber auch an dem deutlich vor dem Verklingen des letzten Tons fallenden Schlussvorhang. Und auch Zuschauern, die selten in die Oper gehen, konnte es nicht entgehen, dass die Mehrheit der Sängerinnen und Sänger nicht ihre Mitspieler anschaute, sondern den Blick nicht vom Dirigenten oder einem der Monitore lassen konnte, dass John Fiore immer wieder den Arm Richtung Bühne erheben musste, um falsche Einsätze zu stoppen, dass Linda Watson geistesgegenwärtig selbst Schild und Speer beiseite trat, damit der Brünnhildenfelsen seine endgültige Halteposition in der Mitte der Bühne einnehmen konnte, dass ein Mitglied der technischen Mannschaft kurz seinen Kopf ins grelle Scheinwerferlicht im Bühnenhintergrund hielt, um mit eigenen Augen zu sehen, welches Chaos sich nun wieder auf der Szene ereignet. Ob das verärgerte Buh eines Besuchers unmittelbar nach Verklingen des letzten Tons da die angemessene Reaktion ist, mögen andere entscheiden - verständlich war mir seine Missfallensäußerung allemal.

Angesichts dieser Umstände Worte über Kurt Horres' immer kontrovers besprochene Regie zu verlieren, verbietet sich - dass Alexandra Ilickovic, der man die Spielleitung anvertraut hatte, vor zwölf Jahren dabei war, wage ich zu bezweifeln. Vieles, was man da auf der Bühne sah, wirkte ohnehin eher der unterschiedlich vorhandenen Kreativität und Darstellungskunst der Akteure entsprungen.

Vergrößerung Siegmund (Frank van Aken) bittet Sieglinde (Jeanne Piland), ihm den angebotenen Wein zuzuschmecken.

Aber die meisten Besucher waren ja ohnehin gekommen, um die "Neuen" zu hören. Jeanne Piland dehnt ihre Aktivitäten in Richtung dramatischer Sopran aus (das "Hehrste Wunder" indes zeigte, dass eine Grenze erreicht ist), und zweifellos hatte sie große Momente als Sieglinde (das "Mich dünkt, ihren Klang hört ich als Kind" etwa rührte mich sehr an): Das klangvolle, immer noch lyrische Mezzofundament kommt besonders zu Beginn ihrer Erzählung aufs Schönste zum Tragen, sie besaß auch den nötigen "Jubel" in der nicht allzu exponierten Höhe, sie ist eine faszinierende, engagierte Darstellerin. Aber da waren auch einige peinliche Aussprachefehler, Wagners Absichten negierende Phrasierungen und vor allem zahlreiche falsche Einsätze - Negativa also, die auch in Vorstellungen des Rosenkavalier mit ihr immer wieder ärgerlich auffallen. Großen Beifall fand auch ihr Partner Frank van Aken, dessen mitunter aufgerauht-heiseres, angenehm dunkles Timbre indes Geschmackssache bleibt, der aber mit vielen schönen, von manch prominenterem Kollegen im Dauerforterausch übergangenen Pianomomenten aufwartete, mit seinen nicht endlos gehaltenen, aber existentielle Not herzzerreißend zum Ausdruck bringenden Wälserufen überzeugte, musikalisch aber ebenso unsicher wie seine Bühnenschwester und -braut war (die Schmisse am Ende der "Todesverkündigung" waren skandalös).

Vergrößerung Noch weiß Sieglinde (Jeanne Piland) nicht, dass ihr ein Wälsung im Schoß wächst, und so beschwert sie sich bei Brünnhilde (Linda Watson), dass sie sie nicht gemeinsam mit dem Bruder hat sterben lassen (was schließlich auch die anderen, im Hintergrund zu sehenden Walküren rührt).

John Wegner hatte als Wotan außer einer unerhört zuverlässigen, durchdringenden Höhe und einigen vorbildlichen Legati wenig anzubieten: Manches Piano geriet brüchig, die Tiefe ist ohnehin nicht besonders ausgebildet, und das Geflüster in den langen, allzu lässig und unmotiviert abgespulten Monologen und in weiten Teilen der Schlussszene hat mit differenziertem Wagnergesang nichts zu tun, das ist Mogeln! Renée Morloc war vokal alles andere als eine schlechte Fricka (die mittlere Tessitura dieser Partie kommt ihrem in der Höhe etwas faulen Mezzo sehr entgegen), aber ihre Darstellung blieb einfach zu eindimensional und allgemein, als dass man sich am Ende des Aufzugs noch an ihre Interpretation erinnert hätte.

Neu war auch die Brünnhilde: Linda Watson, selbst jahrelang eine hochkarätige Sieglinde, sang nach ihrem Rollendebüt in Tokio vor wenigen Wochen die Titelpartie nun auch an ihrem Düsseldorfer Stammhaus. Auch ihr Sopran hat sich die attraktive Mezzofarbe bewahrt, was gerade bei der ersten der drei Brünnhilden hilfreich ist, die abgesehen vom Auftrittsschlachtruf, den die Amerikanerin mit bestechender Präzision wirklich einmal aussang und nicht nur "jauchzte", reichlich tief liegt. Hier hörte man endlich einmal wieder eine echte hochdramatische, voluminös-breite, ausgeruht-satte, belastbar-unangestrengte Stimme, und auch darstellerisch präsentierte die Künstlerin sich aktiver und mehr auf ihre Mitspieler eingehender als sonst - eine Ausnahmeleistung, die Lust macht auf die für die kommende Saison angekündigten Wiederaufnahmen der beiden letzten Teile des Ring. Durch nichts zu erschüttern war auch Hans-Peter König, bei dessen Hunding auch der tiefste Ton bestechend saß und der mit seinem schweren, schwarzen, mächtiger Bass, seiner furchteinflößenden körperlichen Präsenz und dank seiner intensiven Auseinandersetzung mit dem Text eine Idealbesetzung für diese Partie ist.

Vergrößerung Es nützt alles nichts: Wotan (John Wegner) bleibt hart gegenüber den Bitten Brünnhildes (Linda Watson).

John Fiores Beschäftigung mit dem Wagnerschen Zyklus reicht zurück bis in seine Teenagerjahre (!), als er bei den Wagnerfestspielen in Seattle als Korrepetitor engagiert war. Der Chefdirigent der Rheinoper reizte die dynamische Palette höchst abwechslungsreich aus, neben dröhnenden Fortissimi etwa beim Walkürenritt (über die Leistung der meisten Solistinnen sei trotz weitgehender Präzision der gnädige Mantel des Schweigens gebreitet) gab es auch viel Raum für zarteste Piani, die die Sängerinnen und Sänger gern aufgriffen. Sicher, manche Motive hätten noch deutlicher herausgearbeitet werden können, vieles ist noch mit einem eher breiten Pinsel gemalt, bisweilen fehlte es dem Spiel der Düsseldorfer Symphoniker auch ein wenig an Transparenz, die Tempi waren auch mitunter diskutabel (etwa in der allzu zerdehnten Todesverkündigung), und insgesamt vermisste man noch den großen Spannungsbogen von der ersten bis zur letzten Note, den zu ziehen sein Vor-Vorgänger Hans Wallat so unnachahmlich versteht. Über weite Strecken freute man sich aber über ein sinnliches, mitunter wohlige Schauer auslösendes Musizieren, das weder mit dem gleichsam kastrierten, abgestandenen Wagner Jeffrey Tates am Pult des Kölner Gürzenich-Orchesters bei der Premiere desselben Werks im letzten Dezember zu vergleichen war, noch mit dem gehetzten, seelenlosen Glitzern, das Stefan Soltesz den Essener Philharmonikern im Lohengrin abtrotzt.


FAZIT

Trotz des sensationellen Rollendebüts von Linda Watson und anderer musikalischer Höhepunkte verließ man das Düsseldorfer Opernhaus einmal mehr kopfschüttelnd ...


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
John Fiore

Inszenierung
Kurt Horres

Bühne und Kostüme
Andreas Reinhardt

Spielleitung
Alexandra Ilickovic



Statisterie der
Deutschen Oper
am Rhein

Die Düsseldorfer
Symphoniker


Solisten

Siegmund
Frank van Aken

Hunding
Hans-Peter König

Sieglinde
Jeanne Piland

Wotan
John Wegner

Fricka
Renée Morloc

Brünnhilde
Linda Watson

Gerhilde
Morenike Fadayomi

Ortlinde
Annegeer Stumphius

Helmwige
Cynthia S. Szymkovicz

Waltraute
Renée Morloc

Siegrune
Annette Seiltgen

Grimgerde
Taru Sippola

Rossweiße
Laura Nykänen

Schwertleite
Cornelia Berger



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Deutsche Oper am Rhein
(Homepage)



Da capo al Fine

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