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Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
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Interessante Kombination an ungewöhnlichem Ort
Von Thomas Tillmann
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Fotos von Jens Schlüter Das war keine schlechte Idee, Mozarts Totenmesse und Weills Ballet chanté an einem Abend gleichsam aufeinander treffen zu lassen. Immerhin gibt es doch so etwas wie einen gemeinsamen inhaltlichen Kern: das Handeln des Menschen und seine Konsequenzen. Oder wie es im Festivalbuch heißt: "Hat der Mensch die Rechnung für seine Fehler zu tragen oder kann er seinem Schicksal ein Schnäppchen schlagen und aus Unrecht noch Gewinn machen?" Keine schlechte Idee auch, diese spannende Frage in der gut gefüllten, atmosphärisch ausgeleuchteten Alten Kesselhalle der Böhler Werke im Industriegebiet des Düsseldorfer Stadtteils Lörick zu erörtern, einem eindrucksvollen Monument der Industriekultur, das bisher nur für private Veranstaltungen genutzt wurde und nach einer Verbesserung der Infrastruktur sicher zu einem attraktiven Kulturforum in der Landeshauptstadt avancieren könnte, zumal auch die Akustik gar nicht schlecht ist. Der Düsseldorfer Altstadtherbst dagegen, jene sich ganz zurecht als Festival für junge Kultur bezeichnende Veranstaltungsreihe, muss sich nicht erst etablieren, sondern gehört im elften Jahr ihres Bestehens fest in den Kulturkalender der Rheinmetropole.
Opfer (Gregor Seyffert, Anna II) und Täter (Jörg Waschinski, Anna I)? "Wir sind eigentlich nicht zwei Personen, sondern nur eine einzige!"
Martin Schmeding erwies sich am Pult des festivaleigenen Orchesters, das aus fortgeschrittenen Studenten, Mitgliedern nordrhein-westfälischer Symphonieorchester und vor allem aus freiberuflichen Musikern besteht, als engagierter spiritus rector des berührenden Requiem, der den vielköpfigen Apparat ohne größere Pannen zusammenzuhalten verstand (für die mangelnde Synchronität der Streicher an einigen Stellen konnte er nichts) und eine kraftvoll-vorwärtsdrängende, leidenschaftliche Deutung favorisierte, der es in manchen Passagen wohl etwas an Transparenz mangelte. Zu dieser Lesart, die die dramatisch-opernhafte Anlage des Werks nicht verleugnete, hätte natürlich besser ein Solistenquartett mit mehr Ausstrahlung, persönlicher Farbe und höherer Kompetenz in Sachen Textausdeutung gepasst. Immerhin verband sich Silke Evers lichter, mädchenhafter, sehr instrumental geführter Sopran gut mit Hilke Andersens ebenmäßig strömenden Alt, während Sebastian Lipp vor allem durch seine bestechende Legato- und Pianokultur überzeugte, weniger durch das sehr helle, metallische Timbre seines sehr lyrischen, schmalen Tenors; Martin Schubach indes lag die Basspartie hörbar zu tief. Der Chor der Neanderkirche schließlich bewältigte seinen nicht kurzen Part trotz ungewohnter Formierung rund um das Orchester und auf den Stufen und luftigen Gängen des Veranstaltungsortes mit großer Präzision, aber ohne den besonderen vokalen Glanz, der ein sehr gutes von einem guten Kollektiv unterscheidet.
Wenn man Karriere machen und Geld verdienen will, dann muss man etwas herzeigen (Jörg Waschinski, Anna I, und Gregor Seyffert, Anna II); für künstlerische Ideale ist da wenig Raum.
Bei dem einzigen Ballett Bertolt Brechts und seiner letzten Zusammenarbeit mit dem in den letzten Jahren endlich rehabilitierten Kurt Weill handelt es sich um eine wirkungsvolle Mixtur aus Tanz, Kantate und Kurzoper, in der die sogenannten christlichen Todsünden zu kleinbürgerlichen Tugenden umfunktioniert werden: Die Verknüpfung sozialen Aufstiegs (symbolisiert durch den Bau eines Hauses am Mississippi) mit moralischem Niedergang wird in sieben musikalisch sehr abwechslungsreichen Bildern veranschaulicht, die in dieser Produktion durch das Wegklappen von Türen und durch das Einblenden der jeweiligen Todsünde auf einer Projektionsfläche voneinander abgesetzt werden. Dabei reizte es den Choreographen und Regisseur Dietmar Seyffert besonders, an die Praxis Shakespeares und des asiatischen Theaters anzuknüpfen und die beiden Frauenrollen der hinsichtlich ihrer Persönlichkeit gespaltenen Anna von Männern darstellen zu lassen - eine Art zusätzlicher Verfremdungseffekt, der im Original bereits angelegt ist, denn die Partie der Mutter der Protagonistin(nen) wird von einem Bassisten ausgeführt. Trotz dieses Eingriffs in das Stück vermisst man eine wirklich neue Einsicht in das Werk, denn trotz einiger sehr suggestiver Szenen bleibt die Aufführung mit ihren sehr einfachen Mitteln insgesamt doch recht brav und konventionell.
Die müde Anna II (Gregor Seyffert) wird wieder einmal von ihrer Schwester (Jörg Waschinski) zur Raison gerufen.
Gregor Seyffert tanzt die Anna II mit nie nachlassender Energie, wobei Elemente des klassischen Balletts mit solchen aus dem Modern Dance und dem Tanztheater kombiniert und vorwiegend zur Illustration des gesungenen Textes eingesetzt werden. Ganz hervorragend gelingt das Zusammenspiel mit dem ebenfalls sehr beweglichen, exemplarisch um größtmögliche Textverständlichkeit sich bemühenden Jörg Waschinski, der zweifellos über einen sehr angenehm timbrierten, keinerlei Registerbrüche aufweisenden, sinnlichen Sopran verfügt, dem es allerdings ein bisschen an Volumen in der tiefen Lage mangelt. Überhaupt entfaltet das Werk für mein Empfinden größere Wirkung, wenn es von einer tieferen, ausdrucksstärkeren Stimme (ich denke etwa an die Einspielung mit der auch in diesem Genre genialen Brigitte Fassbaender) oder eben einer Chansonsängerin interpretiert wird - die Interpretationen von Lotte Lenya (die die Anna auch in der Pariser Uraufführung 1933 gab), Gisela May, Milva oder auch Marianne Faithfull sind eben doch unvergessen. Tadellos präsentierte sich das Atrium Ensemble als kongruent singendes Familienquartett, und das bereits erwähnte Orchester gefiel auch hier dank seines farbigen Spiels und der hohen rhythmischen Präzision, die bei Weill so wichtig ist.
Kein wirklich großer, aber ein durchaus inspirierender Abend an einem ungewöhnlichen Ort, an dem man sich weitere Kulturevents wünscht! Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Choreografie und Regie "Todsünden"
Bühne "Todsünden"
Kostüme "Todsünden"
SolistenSopran "Requiem"Silke Evers
Alt "Requiem"
Tenor "Requiem"
Bass "Requiem"
Anna I
Anna II
Die Familie
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