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Von der belebenden Wirkung des Geldes
Von Silvia Adler
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Fotos von Thilo Beu
Vom Kofferträger bis zum Kulturattaché sind sie alle hinter ihr her... Geld macht bekanntlich sinnlich. Euro-Millionärin Hanna Glawari kann ein Lied davon singen. Richtig anstrengend, so begehrt zu sein: Heiratsanträge per SMS, Handygepiepe und einbrechende Kurse. Wie lästig, wenn bei jeder kleinsten Bewegung das Börsenbarometer ins Schwanken gerät.
Die lustige Witwe (Clarry Bartha, in rot in der Mitte) ist heiß begehrt im Euroland.
Die lustige Witwe - Franz Léhars berühmteste Operette - verdankt ihren Welterfolg nicht nur den zum Ohrwurm gewordenen Melodien, sondern auch ihrem politisch brisanten, auf aktuelle gesellschaftliche Zustände anspielenden Libretto. Im klammen pontevedrinischen Staatshaushalt klafft ein Millionenloch. Die Währung steht vor dem Konkurs. Der Beitritt in die europäische Staatengemeinschaft gilt mehr als gefährdet. Einzig die Millionen der Glawari könnten den drohenden Bankrott noch abwenden. Koste es, was es wolle: die Witwe muss unbedingt an den (pontevedrinischen) Mann gebracht werden. Ein diplomatischer Drahtseilakt für Botschafter Zeta.
Die lustige Witwe (Clarry Bartha) wird hartnäckig umschwärmt, hier vom Herrn Kulturattaché (Mark Morouse).
Johanna Garpes Bonner Inszenierung, die am Sonntag Premiere hatte, verlegt das Stück vom Paris des Fin de Siècle nach Brüssel, in die Schaltzentrale der europäischen Wirtschaftsmacht. Mit pontevedrinischen Wochen wirbt der rückständige Kleinstaat für seinen Beitritt in die EU. Folkloristisches bis zum Umfallen, pontevedrinische Sauna für die Funktionäre - schamlos betreiben Politiker und Spekulanten den Ausverkauf der eigenen Kultur. Anschluss um jeden Preis - auch um den der Lächerlichkeit. Bissig karikiert die Regisseurin das emsige Treiben: Ausstaffiert wie das Goldene Kalb betritt die Glavari (Clarry Bartha) die Bühne. Begierig nehmen die anwesenden Herren Witterung auf. Kein Annäherungsversuch erscheint zu plump. Die Buisiness-Class offenbart verborgene Table-Dancer-Qualitäten. Ein paar Hüftschwünge, wenn's der Markt befiehlt! Über allem schwebt der Aktienindex. Ohne Rücksicht auf die Dialoge verkündet er Kurseinbrüche mit pfeifendem Geheule.
Gedrückte Stimmung in der Hotelbar. (Clarry Bartha, Daniel Kirch und Mark Morouse.)
Doch auch die privaten Nöte der Akteure kommen nicht zu kurz. Fünf gläserne Fahrstühle werden im Bühnenbild von Lars-Ake Thessman zum Schauplatz der Gefühle. Slapstickartig werden Liebhaber, Ehebrecherinnen und betrogenen Ehemänner zueinander hin, übereinander hinweg und aneinander vorbei befördert. Szenenapplaus gibt es für den akrobatischen Liebesakt in der nach oben schwebenden, dem Publikum vollen Einblick gewährenden Fahrstuhlkabine. Leider bleiben die explosiven Paarkonstellationen trotz der witzig-zugespitzten Regie erstaunlich blass. Allenfalls routiniert vorgetragen, fehlt es vielen Dialogen an darstellerischer Glaubwürdigkeit und Intensität. Gerade in der das Stück beherrschenden Beziehung Glawari/Danilowitsch köcheln die Emotionen meist auf Sparflamme. Schuld daran sind jedoch nicht allein die Darsteller, sondern auch die ungünstige Akustik. Die Stimmen scheinen sich im weit nach hinten geöffneten Bühnenbild zu verlieren - wodurch der dramatische Ausdruck empfindlich leidet. Häufig klingen die Gesangsphrasen gedämpft wie hinter einem dichten Vorhang. Auch die zeitweilig eingesetzte Mikrophonverstärkung kann daran nicht viel ändern.
Dabei hätte das Ensemble einiges zu bieten: Stimmschön und temperamentvoll gestaltet Sigrun Pálmadóttir die Partie der liebeshungrigen Valencienne. Sängerisch herausragend ist vor allem der junge Tenor Daniel Kirch, der als Camille de Rosillon mit müheloser Höhe und wunderbarem Stimmsitz aufwartet. Auch Justus Fritzsche als umtriebiger Botschafter Zeta weiß als Charakterdarsteller zu überzeugen. Etwas zu stereotyp gestaltet Mark Morouse hingegen die an sich dankbare Rolle des Danilo Danilowitsch. Auch bei Clarry Bartha in der Titelpartie bleiben einige Wünsche offen. Trotz ihrer eindruckvollen Piano-Technik, klingt die Stimme zeitweilig etwas rau. Vor allem den lyrischen Passagen hätte man mehr Geschmeidigkeit und Rundung gewünscht.
Von seiner besten Seite zeigt sich hingegen das Orchester, das unter Leitung von Christoph König zum heimlichen Star des Abends avanciert. So ausdruckstark und farbenreich hat man den Orchesterpart selten gehört. Bis zur letzten Phrase wird die Partitur zelebriert wie bei einem Sinfoniekonzert. Nie zu laut, dafür ungeheuer intensiv im Klang; wehmütig aber nie sentimental - so würde man Operette gern immer hören. |
ProduktionsteamMusikalische LeitungChristoph König
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Licht
Choreografische Einstudierung
Choreinstudierung
Dramaturgie
SolistenMirko Zeta,Botschafter Pontevedros in Brüssel Justus Fritzsche
Valencienne,
Danilo Danilowitsch,
Hanna Glawari
Njegus, Zetas Sekretär
Camille de Rosillon
Cascada
St. Brioche
Bogdanowitsch
Sylviane
Kromov
Olga
Pritschitsch
Praskowia
Lolo
Dodo
Jou-Jou
Frou-Frou
Clo-Clo
Margo
Zwei Kinder der Volkstanzsgruppe
Simone Munz
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