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Die Metamorphose der Tragédie-lyrique
Von Gerhard Menzel
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Fotos von Thilo Beu
Trotz der schon seit Jahren immer mehr ins Repertoire aufgenommenen Barock-Opern bilden Aufführungen französischer Werke immer noch eine ausgesprochene Seltenheit. Mit Castor und Pollux kam in Bonn nun erstmals eine Oper von Jean-Philippe Rameau zur Aufführung.
Klangbeispiel:
Ouvertüre(MP3-Datei)
Nachdem sich Rameau vor allem als Musiktheoretiker, Organist und durch Kompositionen von Instrumentalmusik, Grands Motets und weltliche Solokantaten einen Namen gemacht hatte, schrieb er mit 50 Jahren seine erste Oper. In den folgenden zwei Jahrzehnten komponierte er rund 30 Bühnenkompositionen, die ihn zu einem der bedeutendsten Komponisten seiner Zeit machten. Castor et Pollux war seine zweite Oper und gelangte im Jahre 1737 zur Uraufführung. Eine zweite Fassung, mit erheblichen Veränderungen, stellte er 1754 fertig. Der Sage um die ungleichen Brüder aus der antiken Mythologie (Castor, als Sohn Tindareus und Ledas sterblich, Pollux, als Sohn Jupiters und Ledas unsterblich) fügte Pierre Joseph Bernard in seinem Libretto die tragischen Liebesbeziehungen zwischen Pollux und Télaire bzw. Phébé und Pollux neu hinzu:
Télaire (Annette Dasch) trauert um ihren gefallenen Castor
Castor der Geliebte der Télaire wird im Kampf von seinem Rivalen Lynkeus getötet. Pollux rächt den Tod seines Bruders an Lynkeus. Phébé liebt Pollux, der seinerseits aber Télaire, die Geliebte seines toten Bruders, begehrt. Télaire bittet Pollux eindringlich, mit Hilfe seines Vaters Jupiter, ihren Geliebten aus der Unterwelt zurück zu holen.
Pollux ist zwischen der Zuneigung zu seinem Bruder und der Liebe zu Télaire hin und hergerissen. Jupiter gibt Pollux zu verstehen, das Castor nur zu retten ist, wenn Pollux selbst dessen Stelle in der Unterwelt einnehme.
Trotz der Versuche Phébés und der Dämonen der Unterwelt, ihn davon abzuhalten, dringt er in die Unterwelt ein.
Pollux ermöglicht Castor die Rückkehr zu seiner Geliebten Télaire. Überwältigt von der Opferbereitschaft seines Bruders möchte Castor aber nur für einen Tag die Unterwelt verlassen.
Obwohl Télaire und das Volk Castor von seinem Vorhaben abhalten wollen, bleibt dieser bei seinem Entschluss. Von soviel Standhaftigkeit und selbstloser Liebe gerührt, belohnt Jupiter die beiden Brüder und lässt sie die Unsterblichkeit teilen.
Die von Chefdramaturg Jens Neundorf eingerichtete Bonner Aufführung folgt weitestgehend der Fassung der Uraufführung von 1737. Der Prolog, in dem die Bitte nach Frieden thematisiert ist, wurde allerdings bis auf eine kurze Sequenz gekürzt. Auch die für die französische Barockoper obligatorischen Divertissements, welche das Verlangen des französischen Publikums nach Tanzszenen einlösten, fielen weg. Übrig blieb eine Version von zwei Stunden Dauer (mit Pause), die sich hauptsächlich auf die vier Protagonisten konzentrierte. Was Sylviu Purcarete, der mit Castor und Pollux seine erste Inszenierung für Bonn schuf, aus diesem Konzentrat gestaltete, war ein Gesamtkunstwerk der besonderen Art.
Télaire (Annette Dasch) Pollux (Reuben Willcox) Phébé (Anja Vincken)
Das Spezifische der französischen Barockoper, die unbedingte Einheit von Wort, Inhalt, Musik und szenischer Visualisierung erfuhr durch die formal adäquate und einfühlsame Personenregie von Sylviu Purcarete, der mit bemerkenswerten Effekten und einer ausgeprägten Lichtregie aufwartenden, stark symbolträchtigen Ausstattung von Helmut Stürmer und Jürgen Zoch, eine Metamorphose aus der Antike in die Gegenwart. Im Zentrum des Konzepts, das auch durch Kostüme und Maske stark hervorgehoben wurde, stand die "spannungsgeladene Zweimaligkeit" in Form von Gleichheit und Kontrast: die beiden Brüder (Castor und Pollux), die beiden Schwestern (Télaire und Phébé), Liebe/Leben und Haß/Tod, "Milch" und "Blut", ...
Pollux (Reuben Willcox)
Nicht zu überhören waren auch die musikalischen Meriten der Aufführung, die bei Arnold Östmann, einem profunden Kenner der Barockmusik, in den besten Händen lag. Östmann tat sein Möglichstes, um das in diesem Genre völlig unerfahrene Orchester der Beethovenhalle Bonn zu einer einigermaßen werkgerechten Interpretation von Rameaus Musik zu befähigen. Das Ergebnis war den Umständen entsprechend durchaus achtenswert. Das insgesamt sehr homogene Solistenensemble überzeugte durch sein Einfühlungsvermögen in die durch den Text und die damit verbundenen zahlreichen Taktwechsel geprägten, "typisch französichen" Musik Rameaus: ob Reuben Willcox als leidgeprüfter Pollux, Patrick Henckens in der hohen Tenorpartie des Castor, oder Annette Dasch als trauernde, aber berechnende Télaire und Anja Vincken als unglücklich liebende Schwester Phébé. Komplettiert wurde das - diszipliniert das Konzept von Sylviu Purcarete umsetzende - Sängerensemble durch Mark Morouse als "Big Boss" Jupiter und Sigrun Pálmadóttir ("Hohepriester", "Ein Planet"). Neben den beiden Knaben, die Castor und Pollux als Kinder darstellten, bildeten Marie Cayrol (Venus, Dienerin Hebes) und Daniel Heuline (Mars, Merkur) die pantomimischen Begleiter der Protagonisten, die - statt der weggelassenen Ballette - auch einen Hauch von tänzerischen Elementen einbrachten. Bei den zahlreichen, einen wesentlichen Bestandteil der Tragédie-lyrique bildenden Chorszenen, brachte der Chor der Oper der Bundesstadt Bonn seine klanggewaltigen Stimmen ein und sorgte für dynamische und szenische Kontraste.
Musikalisch ein guter Schritt in die "barocke" Zukunft, szenisch eine eindrucksvolle und interessante Produktion. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
ProduktionsteamMusikalische LeitungArnold Östmann
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Licht
Choreinstudierung
Dramaturgie
SolistenTélaireTochter der Sonne Annette Dasch
Phébé
Castor
Pollux
Jupiter
Hohepriester, Ein Planet
Venus, Dienerin Hebes
Mars, Merkur
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