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Die Oper mit dem BING
Von Stefan Schmöe
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Fotos von Thilo Beu
In Monty Python's Spielfilm „Der Sinn des Lebens“ gibt es eine Episode über das „Wunder der Geburt“: Dieses besteht im Wesentlichen aus dem „Gerät mit dem Bing“, das weitaus mehr Interesse findet als alles aufkeimende Leben. Wer den Film gesehen hat, wird vielleicht die abstruse Handlung vergessen haben, das verzückt ausgerufene „Bing“ jedoch prägt sich ein, weil es jedes Mal die Szene sprengt und eine Zäsur im Chaos setzt.
Immer schön ...
Beckett-Verehrer mögen die Nase rümpfen, wenn der große literarische Endspieler in einem Atemzug mit einer respektlosen britischen Komikertruppe genannt wird, nur weil eine „Szene für zwei Soprane, zwei Sprecher und Kammerorchester“ nach einem Text von Beckett den Titel Bing trägt. Der besteht, soweit das inhaltlich überhaupt zu entschlüsseln ist, aus dem Monolog einer Person, die nackt in einem winzigen Kubus eingeschlossen ist. In der Komposition von Detlev Müller-Siemens werden die Worte von zwei Sopranen und zwei Sprechern in gedehntem Zeitmaß vorgetragen, während das Orchester, wo ebenfalls alle Instrumente jeweils doppelt besetzt sind, einen aus kleinen tonalen Partikeln bestehenden Orchestersatz spielen. Da die Stimmung der Orchestergruppen um einen Viertelton gegeneinander verschoben ist, ergibt sich ein zwar im Gesamteindruck dissonantes, im Detail aber recht vertrautes Klanggebilde, das, von einer Ausnahme abgesehen, ein gedämpftes Mezzoforte nie überschreitet und denkbar wenig Espressivo ausstrahlt: Sehr kontrolliert und deshalb nicht übermäßig ausdrucksstark, aber auch nicht unangenehm zu hören.
Müller-Siemens interessiert an dem Text weniger das inhaltliche als das strukturelle Element und damit auch die immanente Musikalität der Vorlage. Gleichzeitig sieht er die Oper als Gattung aktuell auf einem Nullpunkt und glaubt nicht an die Sinnhaftigkeit einer Gegenwarts-Literaturoper. Die abbrechenden Gesangslinien von Bing, so der Komponist, seien „Operngesang, der sich selbst sucht“; die musikalischen Partikel vermitteln gleichzeitig einen wie von Ferne erklingenden Nachhall der konventionellen Oper. Müller-Siemens geht aber auch auf den Inhalt des Textes ein, wenn auch nicht mit expressiver Textauslegung der Musik, sondern in der Grundstruktur der Komposition: In einer solchen Extremsituation des Eingeschlossen-Seins nimmt man sich als einen anderen wahr, und das spiegelt sich in der Verdopplung der Musiker.
... emotionslos ...
Regisseurin Bettina Erasmy verstärkt diesen Effekt noch, indem sie gleich 9 Personen auf die Bühne stellt: Eine der Sopranistinnen und einen Bewegungschor von 8 durchtrainierten jungen Damen, die alle mit der gleichen knappen, aber strengen dunkelgrünen Kombination bekleidet sind und mechanisch wie Roboter streng geometrische Pfade abschreiten. Individualität gibt es nicht (oder nur angedeutet in einem kurzen Moment, wenn sich die Damen mit dem Charme von Schaufensterpuppen mehr oder weniger komplett entkleiden). Der Bühnenraum (Michael Simon) besteht aus zwei recht großen, mit Lamellenvorhängen der 60er-Jahre umgebenen Quadraten; in einem agieren die 9 Damen, im anderen das Orchester und die zweite Sopranistin. Simon wollte das Orchester bewusst sichtbar machen, aber die Raumlösung wirkt eher wie Hauptbühne mit provisorischem Orchestergraben. Warum der zweite Sopran im Orchester platziert ist, und warum die Sprecher aus dem Off reden, wird nicht ersichtlich.
Die szenischen Aktionen sind in ihrer Strenge in den ersten fünf Minuten ganz amüsant, danach werden die Abläufe eher repetiert denn variiert. Ähnliches gilt für die Musik: Überraschungsmomente sind kaum vorhanden. Und da man vom Text praktisch nichts versteht, bleibt viel Freiraum für eigene Gedanken, ohne das Musik, Raum oder Inszenierung diese steuern würden. Doch halt: Immer wieder taucht im Text das Wort BING auf, und das schreckt, und damit wäre die lang erwartete Parallele zu dem „Gerät mit dem Bing“ gezogen, das vor sich hin dösende Publikum jedes Mal ein wenig auf, denn es wird ähnlich pointiert vorgetragen wie im „Sinn des Lebens“. Und es gibt noch etwas: Das Wort HOP, meist gefolgt von einem dahin gehauchten woanders. Für einen Menschen, der nackt in einen winzigen Kubus eingeschlossen ist, hat woanders freilich eine andere Bedeutung als für ein Opernpublikum, dass darin beglückt einen (wenn auch nicht allzu großen) Unterhaltungswert erkennt. In dieser Komposition sind BING und HOP woanders kleine Vergnügungsinseln in gleichförmiger Tonlandschaft (die vom Orchester der Beethovenhalle unter Leitung von Wolfgang Ott und den Sopranistinnen Julia Henning und Carola Schlüter überzeugend präsentiert wird).
Michael Simon hat in der Reihe Bonn Chance bereits mehrere Bühnenräume gestaltet und dabei ein Grundmodell variiert, ist aber diesmal davon abgewichen. In Narcissus, Stimme allein, KÖNIGIN ÖK und (bereits mit ästhetischen Verschleißerscheinungen) Besuchszeit ergab sich daraus eine Form von Musiktheater, die nicht auf theatralische Aktion, sondern stärker auf eine statische Raum-Klang-Installation ausgerichtet war (und deshalb in der Kunst- und Ausstellungshalle sinnvoll untergebracht war). Bing hat nicht die visuelle (und auch nicht die musikalische) Qualität dieser Arbeiten, und dadurch wird ein Grundproblem deutlich: Bing ist eine Anti-Oper, weil hier alle „opernhaften“ Elemente unterdrückt werden – ohne dass an deren Stelle ein anderes zwingendes Moment gesetzt würde. Bing konstatiert die Krise der zeitgenössischen Oper, ohne Lösungsmöglichkeiten anzubieten: Das experimentelle Musiktheater tritt hier auf der Stelle, wirkliche Impulse gehen davon nicht aus. Letztendlich hinterlässt dieser Abend ein ungutes Gefühl der Unverbindlichkeit. Die Reihe Bonn Chance! bräuchte endlich einmal ein Werk, dass auch im theatralischen Bereich Akzente setzt.
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ProduktionsteamMusikalische LeitungWolfgang Ott
Inszenierung
Raum und Kostüme
Licht
Dramaturgie
SolistenSopran 1Julia Henning
Sopran 2
Sprecher 1
Sprecher 2
Bewegungschor
Gesine Daniels Leonie Hamm Jennifer Jones Nadya Kalenderyan Isabelle Peters Monica Santos Dagmar Stollberg
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