New York 1967...
HAIR aktueller denn je
Von Killian Vollmer
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Fotos von Matthias Stutte
New York 1967.
Claude Hooper Bukowski verabscheut das spießige Leben seiner Eltern im Polenviertel der Suburbia von Brooklyn. Er ist sich im unklaren, was er mit seinem Leben anfangen soll und verbringt die Zeit mit Hippies, deren Gedanken um den Vietnam-Krieg, Liebe, Sex, Beziehungen und Drogen kreisen. Claude bekommt seinen Einberufungsbefehl in die US Army (herrlich diese Szene in Bielefeld mit der putzwütigen Mutter im Blümchenkleid und dem Vater, der in seine Zeitung vertieft ist), zweifelt aber an sich selbst, geht dann entgegen den Ratschlägen seiner Freunde doch zur Musterung. Die letzte Nacht vor seiner Abreise nach Vietnam erlebt der junge Engländer (er kommt ja "nur" aus Manchester, beklagt die Mutter, die sich und ihren
Mann selbst als arme Polacken bezeichnet) im Rausch eines Trips, den er
sich geworfen hat. Die ganze amerikanische Geschichte zieht in seinem Kopf vorüber, die Bilder voller Gewalt erhalten nach den grausamen Terroranschlägen in New York und Washington beklemmende Aktualität.
Claude (Heiner Große) am Boden - doch im Kreise seiner Freunde.
Das Bild vom langhaarigen, sich einen Joint nach dem anderen reinziehenden, gelangweilten Jugendlichen in der Lower East Side von Manhattan passt zwar nach den jüngsten Ereignissen gar nicht mehr so recht in unsere Vorstellung.
Und HAIR ist kein Skandalstück mehr wie noch vor mehr als 30 Jahren, aber der Wunsch nach weniger Gewalt und einer Welt voller Frieden bleibt, gerade
jetzt. Bei aller Freude an der Inszenierung stimmt den Zuhörer die Szene mit
hochgehaltenen Schildern wie "Stop the war", "Bring our boys home" oder
"Peace" schon für einen Moment etwas nachdenklich.
Der Regisseur eines Musicals kann sich, das ist sein Job, überlegen, was er in
den Vordergrund seiner Inszenierung stellt. Gerhard Platiel entscheidet sich für die Musik, und hat damit vollen Erfolg. Von der ersten Nummer ("Aquarius") bis zum beschwörenden Finale ("Let the sunshine in") reißen die Darsteller das Publikum mit, der berühmte überspringende Funke glüht regelrecht, die Zuhörer sind aus dem Häuschen.
Pfiffe, Schreie, Bravorufe. Der Musical-Kapellmeister Bielefelds, Bill Murta, selbst am Piano, versteht es geschickt, der packenden Musik die verschiedensten Stile zu entlocken. Da hört man Soul, Groove, Rock. Mal die Gitarre im Vordergrund, mal die Flöte (sehr effektvoll im Hare Krishna), dann die Hammond-Orgel (hier durfte sich der Theater-Tonmeister Thomas Noack nach der letzten Bielefelder HAIR-Produktion 1994 einmal wieder, übrigens sehr überzeugend, musikalisch betätigen), entwickelt die Band einen vollen, fetten Sound, der die
Darsteller auf der einen Seite gut begleitet, aber auch an sich schon Spaß
macht. . Im Laufe der gut zwei Stunden hat es wohl auch im eher ruhigen Ostwestfalen keinen der Besucher mehr ruhig im Sessel gehalten.
Ein starkes Ensemble tritt hier auf.
Die Sänger sind in Sprache und Gesang sehr gut zu verstehen. Bei der Auswahl derselben hat das Theater Bielefeld ein äußerst glückliches Händchen gehabt, einige waren auch schon bei der letzten HAIR-Inszenierung vor 7 Jahren dabei. Bei derart überzeugenden Leistungen fällt es schwer, einzelne Akteure hervorzuheben, trotzdem seien, stellvertretend für alle, die Hauptrollen
genannt: Amanda Whitford als Dionne brilliert mit ihrer schwarzen Soul-Stimme, man hat in Gedanken eine zweite Aretha Franklin vor sich. Bettina Meske als Sheila ist die Weiße mit ebenso guter runder voller Stimme, die sehr flexibel ist (beeindruckend zum Beispiel das "Good morning starshine"), über einen großen Umfang verfügt und gerade in tiefen Registern dem Zuhörer einen kalten Schauer über den Rücken jagen lässt. Ihren Namen sollte man sich merken. Bo Lander stimmt das Publikum gleich zu Beginn auf sich ein und er führt immer wieder, sehr witzig und überzeugend, als Berger durch das Stück. Woodrow Thompson ist im wahrsten Sinne des Wortes die stimmige Besetzung für die Rolle des Hud, er mimt den Spaßvogel und hat die Lacher auf seiner Seite. Schon seine Einlage als James Brown mit "I feel good" bringt den Zuschauer zum Schmunzeln, überzeugt und lohnt allein schon den Besuch. Aber auch das schrille "I love you" als Michael Jackson trägt zu einer insgesamt sehr witzigen, urkomischen Inszenierung bei.
Trotz Einschränkungen auf der Bühne eine wirkungsvolle Szenerie.
Gerhard Platiel lässt immer wieder kleine Pointen zu, auch hier ist das Ensemble up to date, so z.B. klingt eine aktuelle Quizsendung aus dem Fernsehen an. Philip Lansdale hat eine sehr stimmige Choreographie entworfen, die Bewegungen passen genau zum Stil und Rhythmus der Musik, sind abwechslungsreich und überzeugen. Alle Darsteller haben ganz einfach Spaß an der Musik und dem Spielen, dies überträgt sich sofort auf das Publikum, das die Akteure jubelnd feiert und noch zwei Zugaben fordert. Nach der in Bielefeld wohl mittlerweile obligatorischen Erklärung seitens der Theaterleitung zum aus Sicherheitsgründen nur eingeschränkt spielfähigen Stadttheater wird der Zuhörer mitgenommen auf eine Zeitreise zurück in die 68er-Zeit der Studentenproteste und der Friedensbewegung. Ist auch das Bühnenbild nicht so umfangreich und fehlen wegen nicht vorhandener beweglicher Bühnenelemente einige Verwandlungen, die ursprünglich geplant waren, so hat das Produktionsteam das Beste aus der Situation gemacht und lässt die Darsteller vor vielen Spiegeln und in vielen unterschiedlichen Lichtstimmungen agieren, was ebenso überzeugende Effekte bringt.
FAZIT
Das Theater Bielefeld bietet eine aktuelle, zeitgemäße Inszenierung des Kult-Musicals der 68er-Generation, die in allen Belangen überzeugt und beeindruckt. Die Sänger haben phantastische Stimmen, die Band liefert genau die richtige Mischung aus Rock-Musik und den darin aber enthaltenen klassischen Stilen. Die Regie schafft den Spagat zwischen der Darstellung von Gewalt auf der einen und Spaß und Komik auf der anderen Seite und das Publikum im ausverkauften Haus klatscht mit und ist begeistert.
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