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Musiktheater
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Mariinsky Opernfestspiele Valery Gergiev

Boris Godunow
Musikalisches Volksdrama
in einem Prolog und drei Akten
von Modest Mussorgsky

Die Verlobung im Kloster
Lyrisch-komische Oper in vier Akten
von Sergei Prokofjew

Mazeppa
Oper in drei Akten
von Peter Tschaikowsky


In russischer Sprache mit deutschen Übertiteln


Festspielhaus Baden-Baden
13.-17. Juli 2002

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Festspielhaus Baden Baden
(Homepage)

Kostproben aus St. Petersburg

Von Christoph Wurzel / Fotos vom Festspielhaus Baden-Baden


Andere Länder, andere Kost. Es ist verlockend, einmal den Blick in die Opernlandschaft anderer Länder zu werfen. Und am einfachsten ist das, wenn solche Produktionen als Gastspiele zu uns kommen - so wie die Inszenierungen des Mariinsky-Theaters aus St. Petersburg, die als "Mariinsky Opernfestspiele Valery Gergiev" im Festspielhaus Baden-Baden alljährlich im Sommer Tradition geworden sind. Man kann einmal über den Tellerrand der bei uns gewohnten Opernkost hinausschauen. Und schnell merkt man: der Inszenierungsstil ist in St. Petersburg doch recht anders als hierzulande und ebenso das Repertoire. Geboten wurde in diesem Jahr eine Neuinszenierung des Boris Godunow (eine Koproduktion mit der Mailänder Scala, die dort im Frühjahr gezeigt wurde) und zwei Stücke aus dem Repertoire: Prokofjews reizvolle komische Oper Die Verlobung im Kloster (1941/46) sowie ein in Deutschland nahezu unbekanntes Werk von Tschaikowsky, Mazeppa aus dem Jahre 1884.

Auf den Boris konnte man besonders gespannt sein, denn die Ankündigung hatte den sogenannten Ur-Boris aus dem Jahre 1869 versprochen, also eine Fassung ohne die instrumentalen Retouchen und Umarbeitungen von Rimski-Korsakow. Das Werk wurde denn auch ohne den sog. "Polenakt" gespielt, der den dramaturgischen Fluss unterbricht und das Interesse auf die Liebesgeschichte zwischen dem falschen Dimitri und der polnischen Fürstentochter Marina ablenkt. Zudem wurde auf eine Pause verzichtet, sodass sich das dramatische Geschehen in einem Zug vollziehen konnte, besser gesagt, es hätte dramatisch werden können, wenn die szenische Realisation nicht so schwach, ja nahezu hilflos ausgefallen wäre.

Vergrößerung

Szene aus Boris Godunow

Das Drama um den von seinem Mordgewissen geplagten Zaren ereignete sich allein im Orchestergraben. Gergiev formte mit dem Orchester die modern wirkende Originalmusik von Mussorgsky im großem dramatischen Bogen zu einem ausdrucksvollen, spannenden Seelendrama. Die Boris-Szenen gelangten zu musikalisch großer Ausdruckskraft. Die Chorszenen im Prolog und im 3. Akt, in denen das Volk unter der Despotie des Zaren stöhnt, bildeten dazu einen wirkungsvollen Kontrapunkt. Gergiev hatte für diese Aufführung wohl seine besten Sänger aus St. Petersburg mitgebracht: vor allem Jewgeny Nikitin als Boris und den großartigen Gennady Bezzubenkov, der mit seinem mächtigen Bass dem Mönch Pimen als Chronisten in einer schrecklichen Zeit eine wahrhaft schicksalhafte Bedeutung verlieh. Der Zarewitsch Fjodor wurde in dieser Inszenierung nicht als Hosenrolle von einer Sängerin verkörpert, sondern ganz beachtlich von einem Knaben ( Iwan Puschkin) gesungen.

Die Inszenierung jedoch konnte sich nicht entscheiden zwischen der realistischen Darstellung eines Dramas um den Fluch einer bösen Tat und der traditionellen Kostümoper, als die der Boris ja nicht selten zu sehen ist. Es entstand ein Zwitterwesen, das weder die Erwartungen in der einen noch in der anderen Hinsicht befriedigen konnte. Vor allem die Personenführung war unbeholfen, so konnte der Regisseur (Victor Kramer) der Gasthausszene mit den entlaufenen Mönchen überhaupt nichts an grotesker Komik abgewinnen. Das unterdrückte Volk (im Prolog mit Seilen in Schach gehalten) wirkte wenig geknechtet. Das Unheil, das sich in der dunklen Mönchsklause im 1. Akt gegen den Zaren zusammenbraut, wurde szenisch überhaupt nicht spürbar. Der Darsteller des Boris' musste sich auf dem Boden wälzen, um seine Verzweiflung zu beweisen. Aus vielen abgegriffenen Floskeln setzte sich die Inszenierung zusammen. Das Bühnenbild bestand im Wesentlichen aus seitlich hängenden Paravents und riesigen Kuppeln von Zwiebeltürmen. Etwas platt war die Farbsymbolik: Immer wenn das Motiv des ermordeten Thronfolgers aufschien, wurde die Bühne in blutrotes Licht getaucht. Völlig daneben lag der Ausstatter (George Tsypin) mit dem Schlussbild, als sich der Kronleuchter des Kreml in eine riesige Spinne verwandelte und den sterbenden Boris mit ausfahrenden Armen umfing. Eine vertane Chance also, dieser Boris: musikalisch packende Dramatik, aber öde Aktion auf der Bühne.

Vergrößerung Szene aus Die Verlobung im Kloster.

Prokofjews Oper Die Verlobung im Kloster liegt ein Theaterstück von Richard B. Sheridan (1751 - 1816) zugrunde. Mit viel britischem Witz und Understatement wird gleichsam als Parodie auf die beliebten Verwechslungskomödien dieser Zeit die wirklich komische Geschichte von der Nasführung zweier dappiger Männer durch zwei clevere Frauen erzählt. Prokofjew hat diesen Stoff gemeinsam mit seiner Frau Mira Mendelson zu einem Opernlibretto umgearbeitet, das allerdings, unter anderem auch infolge von Balletteinlagen, dramaturgisch zu wenig stringent erscheint. Das Problem dieser Oper ist, dass die Handlung eigentlich zu lang und obendrein zu verwirrend ist, während dazu eine immer wieder aufs Neue witzig-spritzige Musik erklingt, von der man keinen einzigen Takt missen möchte.

Die Inszenierung von Vladislav Pazi setzte zu sehr auf Situationsklamauk, was der geistreich kommentierenden Musik viel von ihrer Wirkung stahl. Zu oft bediente sich der Regisseur abgegriffener Klischees vom Schlage der Boulevardkomödien. Der spritzige Witz der immer wieder paradoxe Haken schlagenden Handlung fand kein Pendant in subtiler Personenregie. Die allzu opulent historisierenden Kostüme waren ohne Aussagewert. Auch das Bühnenbild kam über das Niveau durchschaubar schlecht zusammengezimmerter Pappkulissen nicht hinaus.

Die Besetzung war auch in dieser Aufführung das unbestrittene Plus, allen voran Nadesda Vasiliewa in der Rolle des alle Strippen ziehenden Hausmädchens. Gergiev ließ das Orchester jovial aufspielen, das mit Esprit zu folgen vermochte. Köstlich eine Menuett-Parodie eines Bühnenensembles aus Klarinette, Trompete und Trommel, die mit viel musikalischem Witz präsentiert wurde. Eine ebenso distanziert ironische Haltung wie die der Musik hätte auch der szenischen Realisation gut getan. Diese Oper könnte in einer guten Inszenierung ein Bombenerfolg werden.

Vergrößerung

Szene aus Mazeppa.

Tschaikowskis Oper Mazeppa behandelt vor dem historischen Hintergrund der Schlacht von Poltawa (1709) das düstere Schicksal der jungen russischen Fürstentochter Maria, die den wesentlich älteren Feldherrn Mazeppa gegen den Willen ihres Vaters heiratet. Der Vater will sich an Mazeppa rächen, indem er dessen Separationspläne dem Zaren offenbart, was aber misslingt. Mazeppa lässt seinen Schwiegervater daraufhin brutal ermorden. Als er sich tatsächlich vom Zaren lossagt, wird er in der besagten Schlacht besiegt. Seine junge Frau verfällt dem Wahnsinn, nicht bevor sie noch, freilich viel zu spät, erkannt hat, dass sie den jungen Andrei liebt, der unmittelbar zuvor von Mazeppa im Duell erschossen wurde. In einem, vor allem für das Publikum quälenden Schlussduett, gestehen sich der sterbende Andrei und die in den Wahnsinn verfallene Maria ihre Liebe.

Tschaikowski ist zu diesem Stoff, den er selbst nicht gerade geschickt nach einem Poem Alexander Puschkins zum Opernlibretto ausgearbeitet hat, auch nicht seine beste Musik eingefallen. Wenig markant plätschern die ausladenden Gesprächsszenen dahin, die Arien haben nur geringe emotionale Wirkung, richtig abgeschmackt ist die Schlachtmusik vor dem 3. Akt. Hohles patriotisches Pathos und leere süßliche Sentimentalität bestimmen die über dreistündige Oper. Nur eine Szene kann berühren, wenn vor der Hinrichtung des Schwiegervaters der Chor einen alten Choral anstimmt.

Sind Stoff und Musik schon meilenweit entfernt von dem, was man Musiktheater nennt, so ist es die Inszenierung erst recht. Man glaubte sich 30 Jahre zurückversetzt in Opas plüschige Oper. Außer Kosakentanz, Säbelrasseln und Jungfrauenreigen ist dem Regisseur überhaupt nichts eingefallen: Regie findet nicht statt. Alle stehen steif, wenn sie ihre Arien singen, die Choristen sind schön symmetrisch arrangiert, ansonsten wird würdevoll geschritten oder wild mit den Waffen gefuchtelt. Die Bühnenprospekte sind Meisterwerke der Illusionsmalerei: Die russische Landschaft als Postkartenidylle fehlt ebenso wenig wie das dunkle Verlies als Schreckensort.

Aus dem Ensemble stachen Olga Guriakowa als Maria mit einem berückenden Sopran heraus und Viktor Lutsiuk, der als Andrei bei seiner Liebeserklärung an Maria den lyrischen Ton komplett verfehlte und alles kurz und klein sang. Besonders inbrünstig gelang dem Orchester die militante Schlachtenmusik. Ansonsten blieb von der Musik nicht allzu viel im Gedächtnis. Dass diese Oper in Deutschland nicht gespielt wird, ist weder verwunderlich noch bedauerlich. Dass die Aufführung aber dennoch von nicht geringen Teilen des Publikums bejubelt wurde, dürfte wohl auf das Konto einer nicht unbeträchtlichen Zahl russischer Besucherinnen und Besucher gehen.


FAZIT
Das Mariinsky-Theater kann musikalisch unter der Leitung von Valery Gergiev durchaus beeindrucken. Die Inszenierungen allerdings sind eher zum Fürchten.



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Produktionsteam

Boris Godunow

Inszenierung
Viktor Kramer

Bühne
George Tsypin

Kostüme
Tatiana Noginowa

Die Verlobung im Kloster

Inszenierung
Vladislav Pazi

Ausstattung
Alla Kosenkowa

Mazeppa

Inszenierung
Juri Alexandrow

Ausstattung
Viacheslav Okunev



Solistinnen und Solisten des
Mariinsky-Theaters St. Petersburg
Chor und Orchester des
Mariinsky-Theaters St. Petersburg

Musikalische Leitung:
Valery Gergiev





Weitere Informationen
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Festspielhaus Baden-Baden
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