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Gefangenenbefreiung in Schicki-Micki-LandVon Christoph Wurzel / Fotos von Andrea Kremper
Was das "Epische Theater" ist, weiß man seit Bertolt Brecht. Aber gibt es auch die "Epische Oper"? Wenn nicht, so ist sie soeben erfunden worden - von Philippe Arlaud und ausprobiert am Fidelio im Festspielhaus in Baden-Baden. Es handelt sich um die erste Opern-Eigenproduktion des Hauses im Rahmen der Herbert von Karajan Pfingstfestspiele 2002, und sie ist ziemlich daneben gegangen.
Mit ein bisschen Geld will Rocco die jungen Leute verkuppeln: Lisa Gasteen (Fidelio), Rocco ( Reinhard Hagen) und Marzelline ( Marisol Montalvo).
Weil er den holprigen Dialogen nicht traute, verfiel der Regisseur Philippe Arlaud auf die Idee, an deren Stelle Texte aus der epischen Paraphrase der Fidelio-Handlung "Roccos Erzählung" in das Bühnengeschehen einzumontieren, die Walter Jens in den Achtziger Jahren einmal für eine andere Aufführung dieser Oper verfasst hatte. Er erfand zu diesem Zweck die Figur des Kerkermeisters Rocco als alter Mann, der gleichsam aus seinem Tagebuch zitierend, das Geschehen, das sich in der Opernhandlung abspielt, im Rückblick erzählt und sein Verhalten damit zu erklären versucht. Walter Jens, der Radikaldemokrat und Friedensbewegte, sieht in der Figur des Rocco das Musterbild kleinbürgerlicher Widersprüchlichkeit - den Opportunisten, der den Herrschenden nur allzu willig, für ein bisschen Geld, den brauchbaren Erfüllungsgehilfen macht, der aber zugleich auch zur Menschlichkeit fähig ist, wenn es um das elementare Lebensrecht des Menschen geht. Als realistische Gestalt ist Rocco in der Oper ein Gegenpol zu den Repräsentanten des idealisch Guten, wie Leonore oder dem plakativ Bösen, wie Pizarro. Als alter Mann ist der Kerkermeister nach diesem Verständnis in Walter Jens' Erzählung zur Einsicht gekommen, wohin er wirklich gehört: auf die Seite der Unterdrückten, der Opfer nämlich.
Dies alles ist so sinnvoll wie aber auch nicht gerade neu. Da der Text von Walter Jens das Geschehen nicht allein nur erzählt, sondern es auch kommentiert, bewegt er sich auf der Ebene, die im Theater durch Spiel und Rollengestaltung Ausdruck annimmt. Die epische Erzählung und die Dramatik des Geschehens geraten unweigerlich in Konflikt, und da beide hier im Fidelio nicht als organisches Ganzes entwickelt sind (wie in den Stücken von Brecht), hebt das Eine das Andere auf und die Aufführung gerät in ein unauflösliches Dilemma - die musikalischen Szenen werden entweder zur bloßen Illustration der narrativen Einschübe oder der Text verdoppelt nur, was sich im Bühnengeschehen verkörpert. Ein dramatischer Spannungsbogen kann kaum entstehen. Stattdessen erlebt man bebilderte Musik - eine Collage, wie Arlaud es in seinem Beitrag für das Programmheft selbst nennt. Hätte der Regisseur wenigstens den szenischen Anteilen so etwas wie Aussagekraft verliehen, dann hätte eine solche Reibung zwischen Aktion und Reflexion sicherlich noch spannend werden können. Doch eine Personenregie findet nahezu nicht statt, eine schlüssige psychologische Entwicklung ihrer Handlungen bleiben die Figuren uns schuldig. Außer ein paar hilflosen Klischees (Marzelline wirft vor Freude die Bügelwäsche in die Luft und Pizarro schleicht dämonisch-düster mit den Armen rudernd um sein Opfer Florestan herum wie ein Tier um seine Beute) wird Rampentheater konventionellster Prägung geboten. Zumeist stehen die Sänger frontal zum Publikum, eine Interaktion findet nur selten statt.
Der Befreiungsengel schwebt ein: Johan Botha (Florestan).
Der Regisseur hat sich stattdessen offenbar allein auf seine Lichtkreationen verlassen, um Emotionen zu transportieren. Doch auch das ist leider misslungen, diese Farbenspiele erschöpfen sich im raschen Wechsel chicer Modefarben, ohne auch nur annähernd berühren zu können. So kauert zu Beginn des zweiten Aktes der gefangene Florestan am Anfang seiner Arie in einem türkis angestrahlten Gaze-Kubus, während die Hinterbühne in dunkelblaues Licht getaucht ist, ein optischer Effekt, der in seiner Überästhetisierung an dieser Stelle schon skandalös banal wirkt. Arlaud hat nahezu völlig auf Requisiten verzichtet, am wichtigsten sind zwei Rasenflächen, von denen eine dem alten Rocco als liebevoll gepflegter Kleingarten dient. Das Übrige tun die weißen Leinwände rings um die Guckkastenbühne, die entweder die Farblichteffekte reflektieren oder als Projektionsfläche für überdimensional vergrößerte Fotografien nackter menschlicher Körperteile dienen. Die Ästhetik dieser Fotos kommt der Werbefotografie verdächtig nahe, wie man sie aus der Kosmetikreklame aus bunten Magazinen kennt. Und hier kippt die Bühnengestaltung vollends um in die postmoderne Beliebigkeit mit Schicki-Micki-Touch. Die hehren Ausführungen zu seinem Verständnis der Oper, die Arlaud im Programmheft zum Besten gibt, bleiben angesichts solcher Bühnenrealität bloße Makulatur. Den Verriss der szenischen Seite macht der Blick auf die Kostüme von Andrea Uhmann noch komplett: auch hier vorwiegend modischer Einheitsdress, weiße Anzüge machen alle Protagonisten gleich, die Gefangenen tragen nichtssagende Straßenkleidung. Und die musikalische Seite? Hier gab es Licht und Schatten. Die australische Dirigentin Simone Young ging mit viel Temperament an die Partitur heran. Das in Baden-Baden schon als Orchester der Figaro-Aufführung vom September 2001 bestens eingeführte Mahler Chamber Orchestra spielte mit großem Engagement, präzise und klangschön. Simone Young verstand eine optimale Balance zwischen Orchester und Sängern herzustellen, die Sänger wurden nie überdeckt. Wo es Unsicherheiten gab (zu Beginn bei Dietmar Kerschbaum), fing das Dirigat diese souverän auf. Und dennoch: Es ist wohl auf die matte Bühnenaktion zurückzuführen, dass der Spannungsgehalt von Beethovens Musik sich nicht voll entfalten mochte. Die Sängerequipe verzeichnet zwar einige große Namen, doch eine wirkliche Ensembleleistung kann diese Aufführung nicht genannt werden. Michael Ebbecke blieb stimmlich als Minister weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. Mark Holland hatte als Don Pizarro vor allem massive Probleme in den tiefen Lagen seiner Partie, was ihm wenig Raum für eine stimmliche Gestaltung seiner Rolle ließ. Johann Botha ist nicht nur imposant wegen seiner Körperfülle, sondern bietet auch eine beachtliche Stimmgewalt auf. Doch vor allem in seiner Arie blieb er im lyrischen Teil viel an Ausdruck schuldig. Lisa Gasteen musste mit der Höhe kämpfen, vermochte aber in Ausdruck und Spiel in der Rolle der Leonore weitgehend zu überzeugen. Gut kam beim Publikum Marisol Montalvo an, die der Marzelline aber allzu viel Naivität verlieh, stimmlich jedoch tadellos war. Hervorzuheben sind die beiden Chorsolisten Hans Tübinger und Christian Dahm, die ihre Partien markant gestalteten.
Belauscht mit Ohr und Blick: Der Baden-Badener Festspielchor.
Bleibt die Figur des Kerkermeisters, die geteilt zwischen dem alten (der Schauspieler Otto Sander) und dem jungen (der Sänger Reinhard Hagen) verdoppelt auf der Bühne stand. Reinhard Hagen hat mich sängerisch am meisten von allen überzeugt. Mit seinem schlanken Bariton hat er die Rolle gesanglich schön und sicher ausgefüllt. Doch auch er war vom Regisseur allein gelassen worden und konnte seiner Rolle gestalterisch wenig Profil verleihen. Otto Sander las etwas lustlos aus dem Tagebuch des alten Rocco vor, zudem noch elektronisch verstärkt, was den emotionalen Zugang zum Publikum noch erschwerte. Zu Recht erhielt der Chor den größten Beifall, denn seine Gesangsleistung war rundum überragend. FAZIT Ein schaler Verschnitt von modisch aufgepeppten Arrangements und teilweise schön präsentierter Musik. Das totale Gegenteil von Musiktheater. Augen zu und durch! Ihre Meinung ? Schreiben Sie uns einen Leserbrief |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung,
Kostüme
Fotografie
Choreinstudierung
SolistenDon FernandoMichael Ebbecke
Don Pizarro
Florestan
Leonore
Rocco (jung)
Rocco (alt)
Marzelline
Jaquino
Erster Gefangener
Zweiter Gefangener
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- Fine -